ILLUSTRATIONEN ZUM AUSTAUSCHBAU

Die günstige Konstellation der ökonomischen Institutionen machten die USA des 19. Jahrhunderts zu einem geeigneten Pflanzfeld technischer Neuerungen (NORTH u.a. 1983, S. 79; vgl. zur technikgeschichtlichen Illustration OLIVER 1959). Zu einer der wichtigsten industriellen Innovationen der USA dieser Epoche gehörte die Einführung des sogen. Austauschbaus ("system of interchangeable parts"). Ziel dieses Produktionsprinzips ist es, die Einzelteile komplexer, mechanischer Produkte so präzise herzustellen, daß diese bei der Endmontage ohne zusätzliche manuelle Nachbearbeitung zusammengefügt werden können. Die einzelnen Teile gleicher Bauart sind also untereinander beliebig austauschbar, während in den traditionellen Produktionsformen ganze Berufsgruppen von Facharbeitern nur darauf spezialisiert waren, die Teile vor der Endmontage individuell anzupassen.

Zur Illustration: Trotz vorangehender intensiver und umfassender Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen hatte die Belegschaft der deutschen Automobilindustrie, die sich im wesentlichen auf einen kleinen Binnenmarkt beschränken mußte, der die konsequente Einführung der Massenproduktion auf der Grundlage des Austauschbaus nicht erlaubte, um 1930 einen Facharbeiteranteil von ca. 65%, wobei viele dieser hochqualifizierten Arbeiter in der Endmontage beschäftigt waren. Erst nach dem Kriege, bedingt durch radikale wirtschaftspolitische Reformen auf nationaler und internationaler Ebene, war die Ausschöpfung riesiger Exportmärkte und damit auch die wirkliche Praktizierung der Massenproduktion möglich. Das Verhältnis von Facharbeitern und angelernten bzw. ungelernten Arbeitern drehte sich in Folge dieser Entwicklung in den 1950er Jahren zugunsten der letzteren um (vgl. die Zahlenangaben bei TESSNER 1994, S. 65 u. HAMMER 1959, S. 27).

Die Präzision der neuen Fertigungsmethode wurde von den Unternehmern und Ingenieuren gerne demonstriert, indem sie vor ihren Kunden mehrere fertiggestellte Exemplare ihres Produkts in ihre Einzelteile zerlegten, um sie dann, nach erfolgter Durchmischung der Einzelteile, erneut zusammenzusetzen, ohne die Teile nachzubearbeiten (zum folgenden s. HOLZER 1928, S. 27ff, bes. S. 38ff, SPUR 1979, S. 116ff, HAASE 1995, S. 28ff, KÖNIG / WEBER 1997, S. 86ff u. S. 428ff und die in der Bibliographie angeführte Spezialliteratur).

Die Büromaschinenindustrie (Schreibmaschinen, Rechen- und Buchungsmaschinen etc.) rezipierte relativ früh das Austauschbausystem. Dies war zwingend erforderlich, da die neuen Hilfsmittel für die industriellen und kommerziellen Verwaltungsabteilungen ihre Vorteile gegenüber der "Handarbeit" des Angestellten bzw. "Privatbeamten" - Schnelligkeit verbunden mit Rechensicherheit und kontinuierlich klarem Schriftbild - nur dann ausspielen konnten, wenn die Einzelteile mit absoluter Präzision gefertigt waren. "Unsaubere" Teile hätten z.B. in den Rechenmaschinen zu empfindlichen Buchungsfehlern geführt. Die allgemeinen technischen Probleme des Austauschbaus werden in der Büromaschinenindustrie noch durch die Komplexität der Produkte verschärft, die sich aus einer Unzahl kleinster Teile zusammensetzen. Zur Veranschaulichung: Eine Schreibmaschine besteht in den 1930er Jahren aus ca. 1200 Teilen, eine Rechenmaschine aus ca. 2500 und eine "multifunktionale" Buchungsmaschine sogar aus ca. 5000 Teilen. Die Kompetenzen, die sich die Hersteller in der Handhabung derartig komplexer Erzeugnisse erworben haben, nutzen sie aus, indem sie in der Regel eine Strategie der Produktdiversifizierung betreiben. Produziert werden z.B. auch Nähmaschinen oder Handfeuerwaffen. Zur Büromaschinenindustrie s. SCHMITT 1937, HASSLER / BIHL 1938, PIRKER 1962 u. PETZOLD 1992.
Austauschteile in der Schreibmaschinenmontage am fließenden Band (Deutschland in den 1930er Jahren) Kontrolle kleinster Einzelteile in der Büromaschinenindustrie (Deutschland in den 1930er Jahren)

Das System fußt dabei im wesentlichen auf zwei Regularien:

Der Konstrukteur des Produkts, das nach dem Prinzip des Austauschbaus hergestellt werden soll, legt zunächst detailliert die sogen. "Passungen" der Einzelteile fest, also die Art und Weise, wie die Einzelteile sich ineinander fügen sollen. Häufig werden diese Passungen in Form von "Betriebsnormen" verbindlich für das gesamte Produktspektrum des Unternehmens fixiert, um den Arbeitsaufwand bei Neukonstruktionen etc. einzuschränken. Bei den Passungen unterscheidet man verschiedene Grade, je nach dem Ausmaß der Beweglichkeit der Teile ("Haftsitz", "Schiebesitz", "Gleitsitz", "Laufsitz"). Da eine hundertprozentige Befolgung der festgelegten Passungen in der Produktion zu teuer oder auch technisch unmöglich wäre, definiert der Konstrukteur auch die sogen. "Grenzmaße", die jeweils den oberen und unteren Grad der erlaubten Abweichung von der Passung festlegen (auch als "Toleranzen" bezeichnet). Betont werden muß, daß es sich bei diesen Toleranzen um Spielräume handelt, die sich üblicherweise im Bereich der hundertstel Milimeter bewegen.

Ist die Konstruktion abgeschlossen, muß garantiert werden, daß ihre Vorgaben auch in der Produktion umgesetzt werden. Dies geschieht über ein System von "Lehren". Darunter versteht man Meßvorrichtungen, die auf der einen Seite das obere, auf der anderen das untere Grenzmaß tragen, so daß das jeweilige Produktionselement während seiner Anfertigung laufend mit der vorgeschriebenen Passung verglichen werden kann. Jede Lehre ist Teil eines Satzes, der aus drei, sich gegenseitig kontrollierenden Elementen besteht: das "Mutter- oder Urmaß", das "Inspektionsmaß" und das "Produktionsmaß" (zur Herstellung der Lehren s. die Schilderung bei HASSLER / BIHL 1938, S. 128ff). Alternativ zu diesen traditionellen Lehren entwickelte man auch Meßsysteme, die mit Fühlhebeln arbeiteten, und die ihre Messungen auf Skalen anzeigten.

Einsatz einer Lehre bei der Endabnahme einer Schreibmaschine (Deutschland, 1930er Jahre) "Unter Lehre versteht man im Maschinenbau ein haken- oder bügelförmig ausgearbeitetes Stück Stahlblech, dessen innere Weite dem betreffenden Maß entspricht. Hierhinein muß das Arbeitsstück genau passen, wenn es das richtige Maß haben soll. Das Gegenstück ist das Stichmaß, welches in die Höhlung des Arbeitsstückes passen muß." "Auf der richtigen Anwendung dieser Lehren... in Verbindung mit unseren entsprechend sorgfältig gebauten Werkzeugmaschinen beruht die heutige Genauigkeit des Maschinenbaues, sowie die Möglichkeit der Massenfabrikation. Heute findet man in allen guten Fabriken die Normalkaliber in der Meisterstube und die möglichst genauen Kopien derselben auf den Bänken; etwas, was freilich noch vor zwanzig Jahren fast unbekannt war." Haedicke in: AHRENS u.a. 1900, S.117

Als weitere wichtige technologische Vorbedingung für den Austauschbau ist außerdem die Entwicklung von Spann- und Fixiervorrichtungen zu nennen, durch die erst die präzise Fortführung der Bearbeitung über die einzelnen Produktionsschritte und Arbeitsplätze hinaus möglich wird. Das Werkstück wandert, eingespannt in die entsprechenden Vorrichtungen, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz bzw. von Maschine zu Maschine, ohne daß sich Ungenauigkeiten durch unterschiedliche Handhabungsweisen oder Bearbeitungsansatzpunkte einschleichen können.

Seinen Abschluß findet das System des Austauschbaus in einer sehr strengen Qualitätskontrolle der fertigen Teile, die die laufende Überwachung während der Produktion ergänzt. Bei sehr hohen Stückzahlen beschränkt sich diese Kontrolle allerdings zunehmend auf Stichproben, deren Umfang in der Regel durch statistische Kalkulationen bestimmt wird. Um Doppelarbeiten speziell im Rahmen der Kooperation zwischen Zuliefer- und Endmontagebetrieben einzusparen, lassen sich die Unternehmen die Güte ihrer Qualitätskontrolle seit einigen Jahren auch durch unabhängige, "dritte" Instanzen zertifizieren, um so den Marktwert ihrer Austauschteile zu steigern.

Die Vorteile dieses Systems sind:

In langer Sicht führte das ausgereifte System des Austauschbaus zu einer starken Kostensenkung, die in Form von niedrigen Preisen an die Kunden weitergegeben wurde. Die amerikanischen Unternehmen schufen sich so einen riesigen Markt für langlebige Massenkonsumartikel, der gleichzeitig eine starke Nachfrage nach Investitionsgütern (Spezialmaschinen) nach sich zog.

Der Automobilproduzent Henry Ford (1863-1947) setzte daß Prinzip des Austauschbaus konsequent in seinem Unternehmen um. (vgl. FORD o.J., S. 54ff u. FORD o.J.(a), bes. S. 98ff). Seine Strategie lief auf eine Ausnutzung der Vorteile der Massenfabrikation hinaus, die er in den Dienst eines radikalen Preisabbaus stellte. Er produzierte als erster ein Auto für die breite Masse der Bevölkerung, das berühmte Ford T-Modell. Möglich war ihm dies durch die weitgehende Dequalifizierung der Arbeit in seinem Unternehmen, die er durch ein zeitgetaktetes Fließsystem neu organisierte (vgl. KÖTTGEN 1925, S. 142ff, HOUNSHELL 1985, S. 217ff, RUDOLPH 1994, S. 118ff). Seine reformerische Vision eines konsumentenorientierten, durch hohe Löhne getragenen "Kapitalismus" wurde, trotz seiner kompromißlosen Gewerkschaftsfeindlichkeit, in erster Linie von der politischen Linken in den USA und in Europa aufgenommen. Henry Ford (1863-1947)

Jedoch konnten diese Kostenvorteile erst erreicht werden, nachdem die technisch-organisatorische Infrastruktur für dieses Produktionssystem geschaffen worden war (effiziente Spezialmaschinen, absatzfördernde Vertriebssysteme etc.). Daher blieb der Austauschbau anfangs auf den Bereich des politischen Bedarfs, nämlich auf die Produktion von Handfeuerwaffen für die Armee beschränkt, die besonders in dem staatlichen Arsenal in Springfield (Mass.) erfolgte. Dort, wo man sich im übrigen an französischen Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert orientierte, sammelte man wichtige Erfahrungen mit dem neuen System und schulte darüberhinaus Ingenieure und Facharbeiter in seiner Handhabung. So schuf man eine Grundlage für eine Diffusion der Innovation in andere Branchen, die verstärkt seit den 1850er Jahren erfolgte. In den USA des 19. Jahrhunderts wurden schließlich landwirtschaftliche Maschinen, Schlösser, Pumpen, Fahrräder, Taschenuhren, Nähmaschinen, Zubehör für die Eisenbahn, Schreib- und Büromaschinen u.a. nach dem Prinzip der austauschbaren Teile produziert. Außerhalb der metallverarbeitenden Industrie scheint das System auch in der Massenproduktion von Holzmöbeln angewandt worden zu sein (zur Entwicklung und Diffusion des Austauschbaus in den USA s. CHANDLER 1977, S. 72ff u. S. 269ff).

Deutsche Universalfräsmaschine aus dem späten 19. Jh. "Heute beherrscht die Fräsmaschine den ganzen feineren Maschinenbau (Kleineisenindustrie) und ist dabei, sich auch im groben Maschinenbau... einzubürgern. Während auf der Drehbank alles gefertigt wird, was rund ist, also auf derselben Arbeiten von außerordentlicher Mannigfaltigkeit geliefert werden können... muß die Fräsbank für jede Arbeit besonders eingestellt werden, die sie dann aber auch häufig durchaus selbständig ausführt, einschließlich der Abstellung. Ein Arbeiter kann also mehrere Fräsbänke bedienen... Die Fräsbank ist also im Gegensatz zur Drehbank außerordentlich geeignet, dieselbe Arbeit immer und immer zu wiederholen, welche... mit außerordentlicher Genauigkeit und Gleichmäßigkeit ausgeführt wird. Die Fräsbank ist die Wiege der Massenfabrikation." H. Haedicke in: AHRENS u.a. 1900, S. 124

Für den Wirtschaftshistoriker sind vor allen Dingen die organisatorischen Auswirkungen und Implikationen dieser prozeß- und produkttechnologischen Innovation interessant. Firmen, die das System des Austauschbaus übernahmen, arbeiteten kapitalintensiver als ihre Konkurrenten, was die Notwendigkeit einer stärkeren buchhalterischen Kontrolle der laufenden Produktion nach sich zog. Außerdem führte die starke Arbeitsteilung und der Zwang zur permanenten Qualitätskontrolle dazu, das diese innovativeren Firmen stark expandierten. Es entstanden zentralisierte Großbetriebe, die die kleineren, durch Handwerk und Verlagswesen bestimmten Produktionsformen verdrängten. Diese Großbetriebe mußten, wollte man die Kostenvorteile des Austauschbaus ausschöpfen, durch neue, erst noch zu schaffende Organisationsmuster gesteuert und kontrolliert werden. Der Taylorismus stellt, wie oben versucht wurde zu zeigen, einen der entscheidenden Schritte auf dem Weg zu diesen neuen Managementmustern dar.

"Es geht ein Schnitter, der heißt Tod": Der Austauschbau teilt die Ambiguität des gesamten menschlichen Fortschritts. Er stellt die technische Basis für den modernen Massenwohlstand dar, eröffnet aber auch die Möglichkeit zur Konstruktion und zur Großserienproduktion immer effizienterer Waffen. Die Entwicklung zum Beispiel der Maschinengewehre wäre, ob der Komplexität ihres Mechanismus, ohne dieses Bauprinzip nicht möglich gewesen (vgl. insgesamt FLECK 1909, REIBERT 1934, ELLIS 1975 u. LINNENKOHL 1996, S. 43ff u. S. 179ff), denn anders als in einem gewöhnlichen Karabiner wird in einem Maschinengewehr der Druck, der durch die Zündung der Patrone entsteht, nicht lediglich zum Antrieb der Kugel, sondern auch zur Betätigung eines automatischen Mechanismus eingesetzt, der die leere Patronenhülse aus der Kammer entfernt und anschließend eine neue Patrone nachführt. Ein derartiger Mechanismus kann aber nur funktionieren, wenn seine Einzelteile entsprechend exakt gefertigt wurden. Die Vorläufer des Maschinengewehrs tauchen vereinzelt bereits im amerikanischen Bürgerkrieg und im preußisch-französischen Krieg von 1870/71 auf. Kriegsentscheidend werden sie jedoch erst im 1. WK. Der damalige Stellungskrieg an der Westfront wurde durch das Maschinengewehr gewissermaßen "zementiert", konnte doch durch die Feuerkraft dieser Waffe selbst eine durch das Dauerfeuer der Artillerie auf Zugstärke zusammengeschmolzene Kompagnie ganze gegnerische Bataillone im Niemandsland zusammenschießen, eine Tatsache, die noch durch die veraltete Infanterietaktik aus dem 19. Jh., mit der alle beteiligten Mächte in den Krieg zogen, verstärkt wurde. Die Briten verloren auf diese Art allein am ersten Tag der Somme-Schlacht von 1916 (1. Juli) ca. 20000 Tote und ein Vielfaches an Verwundeten (zum Vergleich: Im 19. Jh. hatte Europa politisch bedeutsame Kriege erlebt, in denen insgesamt weniger Menschen unmittelbar durch die Kampfhandlungen starben, als an diesem Sommertag in Frankreich), wobei von einigen ihrer Einheiten berichtet wird, daß sie bereits zu Beginn des Angriffs bis zu 80% ihrer Mannschaften verloren hatten, noch bevor diese die ersten 20m vor dem eigenen Graben überwinden konnten. Wenn überhaupt, dann erreichten nur noch kleine versprengte Gruppen die vordersten deutschen Linien, die ihre geringfügigen Einbrüche in das Defensivgrabensystem des Gegners nicht lange gegen dessen - freilich ebenfalls äußerst verlustreiche - Gegenangriffe halten konnten. Nach dem Ende der Schlacht, die sich über mehrere Monate hinzog, mußten auch die Briten das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht übernehmen, um ihre Reihen wieder aufzufüllen (vgl. HOLMES 1976, S. 172ff, KEEGAN 1978, S. 241ff, KEEGAN 2001, S. 400ff). Über Jahre scheiterten sämtliche Bemühungen beider Seiten, wieder zum klassischen Bewegungskrieg überzugehen an dieser tödlichen Effizienz des Maschinengewehrs und damit letztlich am Austauschbau.
Schweres deutsches Maschinengewehr (Typ 08) Das britische Gegenstück (Vickers)

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