Schlußbemerkung:
Die gescheiterte Neutralisierung
"Daß man einen bloßen Haufen von Mitteln und Werkzeugen schaffen könnte, ohne zu entscheiden wozu, nur damit für alle Fälle dies oder das möglich sei, falls es einmal gewollt werden sollte, ist ein leerer Gedanke. Die Geschichte der Technik lehrt nichts so deutlich wie die Stetigkeit der technischen Erfindungen und ihren sinnvollen Zusammenhang mit dem, was ein Menschentum auf Erden will. Nur in dem starken Gefüge einer geschichtlichen Zwecksetzung kann Technik wachsen. Dann aber ist sie auch nichts wertmäßig Neutrales, sondern hat als Glied dieser Zwecksetzung, als Verkörperung eines geschichtlichen Wollens ihren eindeutigen Wert.
HANS FREYER, >Zur Philosophie der Technik< (1929)
"Die Beschäftigung mit der Technik wird erst dort
lohnend, wo man sie als das Symbol einer übergeordneten Macht erkennt."
ERNST JÜNGER, >Der Arbeiter< (1932)
Der deutsche Jurist und Philosoph Carl
Schmitt (zu C. Schmitt insgesamt s. HOFMANN 1995 und QUARITSCH
1996) stellte 1929, auf dem Höhepunkt der Weimarer
Rationalisierungskonjunktur eine interessante und
diskussionswürdige Geschichtskonstruktion vor (s. zum folgenden
SCHMITT 1994, S. 138ff; der fragliche Text wurde leicht
abgeändert aufgenommen in SCHMITT 1991, S. 79ff). Nach seiner
Überzeugung war die europäische Geschichte der letzten
Jahrhunderte geprägt durch einen Wandel der Kerngebiete der
Kultur vom Theologischen zum Metaphysischen, von dort zum
Humanitär-Moralischen und schließlich zum Ökonomischen
(SCHMITT 1994, S. 139). Jedes dieser Kerngebiete prägte in
seinem Jahrhundert die Gesamtsicht des Zeitalters, seine Ideen
und Interessen sowie sein Selbstverständnis. Seine innere
Dynamik bezieht dieser fortlaufende Prozess des kulturellen
Wandels aus der Suche der europäischen Gesellschaften nach einer
neutralen und stabilisierenden Basis, auf der Existenz bedrohende
politisch-gesellschaftliche Konflikte durch objektive
Entscheidungskriterien aufgelöst werden können. Das jeweils
sich neu etablierende Kerngebiet verdrängt dabei die alten
Kerngebiete zunehmend in einen Zustand interesseloser
Neutralität, in der kein Raum mehr bleibt für polemische
Frontstellungen. Die tragenden Eliten dieser alten Kerngebiete
wandern somit auf den Friedhof von Eliten, den, nach
einem bekannten Wort V. Paretos, die menschliche Geschichte
darstellt (PARETO 1975, S. 261). Abgelöst werden sie von einer
neuen Elite, die nunmehr beansprucht, die Existenzfragen ihrer
zeitgenössischen Gesellschaft durch die von ihr formulierten
Kriterien objektiv und in einer für alle betroffenen Gruppen
befriedigenden Weise entscheiden zu können. Doch dieses
Versprechen einer umfassenden Pazifizierung und Neutralisierung
kann die neue Elite auf Dauer nicht halten. Der politische Streit
erweist sich als anthropologischer Fixstern der Geschichte, der
immer wieder, wenn auch in wechselnden Frontstellungen, zum
Vorschein kommt und alle Hoffnungen auf seine dauerhafte
Neutralisierung zunichte macht. Für die Jetztzeit, also für die
Zeit der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts diagnostiziert Schmitt
einen neuen, sich anbahnenden Wechsel des kulturellen Kerngebiets
vom Ökonomischen zum Technischen. Er beobachtet eine regelrechte
Religion des technischen Fortschritts, für welche alle
anderen Probleme sich eben durch den technischen Fortschritt von
selber lösen (SCHMITT 1994, S. 142). Verdrängt wird
nunmehr der Streit um die wie auch immer definierte
gerechte Verteilung der erwirtschafteten
ökonomischen Güter, der das alte Kerngebiet der Ökonomie
prägte, durch die Hoffnung auf eine Steigerung der Gütermasse
ins Unermessliche, welche alle Fragen nach ihrer Verteilung in
den bedeutungslosen Hintergrund drängt.
Es ist nun offensichtlich, dass sich der
innere Charakter des Taylorismus, wie auch die Geschichte seiner
Rezeption in dieses allgemeine Geschichtsschema einfügt, denn
eines der Kernversprechen des Taylorismus lautete: Vergrößerung
des zu verteilenden Kuchens und damit endgültige Auflösung der
Kämpfe um seine Verteilung. Offenkundig wird diese Hoffnung, die
in den Taylorismus und damit ganz allgemein in die
Rationalisierungsanstrengungen gesetzt wurde, in der sozusagen
offiziellen Definition des Rationalisierungsbegriffs
durch das deutsche RKW:
"Rationalisierung ist die
Erfassung und Anwendung der Mittel, die Technik und planmäßige
Ordnung zur Hebung der Wirtschaftlichkeit bieten. Ihr Ziel ist:
Steigerung des Volkswohlstandes durch Verbilligung, Vermehrung
und Verbesserung der Güter. (zitiert nach PENTZLIN 1964,
S. 677)
Man beschränkte sich nicht auf eine
technisch-praktische Fundierung des Begriffes der
Rationalisierung, die die Mittel der Rationalisierung
(Technik, planmäßige Ordnung) abdecken
sollte, sondern ergänzte den Begriff darüber hinaus durch eine
Art Zweckordnung, die näher konkretisiert wurde durch Begriffe,
in denen scheinbar die Werthaltungen aller involvierten
Parteiungen ihre gemeinsame Schnittmenge finden konnten
(Volkswohlstand, Verbilligung etc.).
Einem möglichen vernünftigen Konsens sollte eine Bresche
geschlagen werden, der dann wiederum durch Stilllegung der
Diskussion Raum für die praktische Rationalisierungsarbeit des
ökonomischen Alltags schaffen sollte. Rationalisierung
dies zeigt das obige Zitat erwies sich in der Diskussion
der politischen Öffentlichkeit, jenseits ihrer harten und
nüchternen Realität in den Betrieben als einer jener
gesellschaftlichen Mythen, die der französische
Anarchosyndikalist und Bergson-Leser Georges Sorel am Beispiel
des proletarischen Massenstreiks analysiert hatte (zu
Sorel insgesamt s. BERLIN 1994, WEISSMANN 1996 und MOHLER 2004). Derartige Mythen haben
nach Sorel in allen Gesellschaften eine unerlässliche Funktion.
Sie laden Symbole oder Begriffe derart auf, dass diese,
ungebremst durch distanzierende Reflektion ihr mobilisierendes
und vergesellschaftendes Potential unter den Menschen entfalten
können. Sie rufen Gesamtheiten von Bildern hervor,
die imstande sind, als Ganzes und durch bloße Intuition
vor jeder bedachten Analyse unterschiedliche Individuen mit
unterschiedlichen Geschichten, unterschiedlichen Interesselagen
und unterschiedlichen Kompetenzen aneinander zu binden und zu
einem gemeinsamen Projekt zu vereinigen (SOREL 1981, S. 138).
Insbesondere in der öffentlichen Diskussion der in sich
zerrissenen Weimarer Republik hatte der Taylorismus sicherlich
die Funktion, einem solchen Mythos als Unterlage zu dienen und
die praktischen Auswirkungen dieses Mythos sollten nicht
unterschätzt werden. Innerhalb kürzester Zeit wurde der
Gemeinschaftsstiftende Geist von 1914 (s. LÜBBE 1974
und ROHKRÄMER 1994), mit dem Deutschland in den Weltkrieg
gezogen war, in den Geist der Rationalisierung
transformiert, dessen Bann sich nur wenige entziehen konnten.
So heißt es in einem rückblickenden Essay
von 1927 zur Normung als einem Teilgebiet der deutschen
Rationalisierungsbewegung:
"Der Weltkrieg hatte die
nationale industrielle Erzeugung dem Willen eines Bestellers
untergeordnet. Der Macht dieses Willens gesellte sich das durch
die nationale Not allen Volkskreisen aufgezwungene Gefühl der
gegenseitigen Verbundenheit. Unter der Wirkung dieser Antriebe
überwand das Denken in volkswirtschaftlichen Zusammenhängen die
Hemmungen eigenwirtschaftlicher und eigenwilliger Engherzigkeit;
es brach technisch-wirtschaftlicher Erkenntnis, die an sich nur
aus sachlicher Überlegung erwächst und eigennütziger Willkür
widerstrebt, freie Bahn. Zum ersten Mal vielleicht wurde die
nationale Wirtschaft wenigstens in ihrer industriellen Gestalt
als Einheit äußerlich wahrnehmbar, und die Gedankengänge, die
für das Leben der industriellen Zelle maßgebend waren, wurden
für die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit wirksam." (HELLMICH
1927, S. 10)
Die Rationalisierung, so deuten diese
Zeilen an, kann als Fortsetzung des Geistes, wenn
auch nicht unbedingt der Formen der Kriegswirtschaft
von 1914/18 gedeutet werden. Sie steht damit erhaben
über den traditionellen, egoistisch-materiellen Antrieben des
Wirtschaftens. Staat und Unternehmen, Wissenschaftler und
Techniker, Arbeiter und Gewerkschaftler konnten sich in diesem
Rationalisierungsmythos wieder finden und zusammenarbeiten,
wobei zu betonen ist, daß eine solche "Pazifierung"
der Öffentlichkeit angesichts des permanenten
Bürgerkriegsklimas der Weimarer Republik auch dringend geboten
schien (s. dazu NOLTE 2006). Doch Mythen
pflegen bekanntlich früher oder später an der Realität zu
scheitern und so musste sich denn der Konsens um den Begriff der
Rationalisierung spätestens dann verflüchtigen, sobald sich
zeigte, dass viele der aufgewandten Mühen durch die beginnende
Weltwirtschaftskrise wieder revidiert wurden.
Der Taylorismus stellt in dieser
Perspektive einen Mythos im Sinne Sorels dar, der - getragen von
einer magische(n) Technizität (SCHMITT 1994, S.142)
- angetreten war, den Mangel aus der menschlichen Gesellschaft zu
vertreiben ein Anspruch den er schon aus systemexternen,
nämlich anthropologischen Gründen nicht erfüllen konnte. Der
Mangel ist, wie Sartre in seiner Phänomenologie des Mangels
gezeigt hatte, eine grundlegende menschliche Beziehung zur
Natur und zu den Menschen (SARTRE 1980, S. 131). Er stellt
eine anthropologische Konstante dar, die sich auf jeder nur
denkbaren ökonomischen Leistungsstufe als Schranke einer
scheinbar oder wirklich möglichen individuellen Entfaltung
erneuert, um vom Individuum, egal wie gut es mit ökonomischen
Gütern versorgt ist, als Leidensgrund wahrgenommen zu werden.
Allein die Besserstellung eines anderen Arbeiters, der zum
Vorarbeiter aufsteigt und nun, statt selber den Zwängen des
Akkordlohnsystems ausgesetzt zu sein, die Vorgaben des
tayloristischen Arbeitsbüros durchzusetzen hat, lässt den
Mangel wieder ins Bewusstsein des Arbeiters eintreten. So
gesehen, ist es unmöglich, durch die Durchsetzung
tayloristischer Prinzipien in den Betrieben eine umfassende
Pazifizierung zu erreichen.
Aber auch aus systeminhärenten Gründen
erscheint es als unangebracht, den Taylorismus als ein neutrales
Mittel der gesellschaftlich-ökonomischen Pazifizierung
anzusprechen. Wie unsere Analyse der historischen Genese
des Taylorismus zeigte, ist dieser nicht allein aus den
Sachzwängen des modernen amerikanischen Industriesystems an der
Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu erklären. Er ist vielmehr
auch Ausdruck einer dominierenden geistigen Kultur, nämlich der
Kultur des amerikanischen Puritanismus, in dessen Lichte die von
Taylor anempfohlenen Mittel erst als legitim erscheinen. Der
Taylorismus verlangt die Unterordnung des Arbeiters unter die
Belange des Betriebes. Mag diese Unterordnung auch nicht
bedingungslos sein, sondern als Gegenleistung die Einhaltung
legalistischer Prinzipien und eine, zumindest potentielle
Erhöhung des Lohnes einfordern, so ändert dies nichts an der
Tatsache, dass der Taylorismus ein betriebliches
Herrschaftsinstrument darstellt, ein Herrschaftsinstrument,
welches aus einem nicht hinterfragten Herrschaftsanspruch
betrieblicher Eliten heraus erwachsen ist. Der Taylorismus ist
somit nicht Ausdruck rein neutraler Erkenntnisse,
sondern wie in jedem technischen System steht an seinem Anfang
ein subjektiver schöpferischer Wille (JANSSEN
1925,S. 59), der die Effizienzkriterien und die Zielvorgaben des
durch ihn kreierten technischen Systems zumindest mitdefiniert.
Dies zu zeigen, war Sinn der vorliegenden Studie.
Somit bleibt zum Schluß festzuhalten, dass
der Taylorismus in den USA wie in der Weimarer Republik an seinem
Neutralisierungsanspruch gescheitert ist. Taylorismus und
Rationalisierung eröffneten vielmehr ein neues semantisches
Kampffeld, welches in Deutschland nur durch das Eingreifen des
totalitären Nazi-Regimes zwangspazifiziert werden konnte. Denn
der Nationalsozialismus griff die Rationalisierungserfahrungen
der 20er Jahre auf, um damit die aufzubauende Rüstungsindustrie
effizient zu gestalten (s. dazu SIEGEL / FREYBERG 1991). In der
offiziellen Sprachregelung trat dabei freilich an die Stelle des
polemisch deformierten Begriffs der Rationalisierung der Begriff
der Organisation (s. zu diesem Begriff THOMS 1939).