MILITÄRGESCHICHTLICHER EXKURS:

EINE FRÜHE ANALOGIE ZUM TAYLOR-SYSTEM

"Die Disziplin des Heeres ist aber der Mutterschoß der Disziplin überhaupt."

MAX WEBER, >Wirtschaft und Gesellschaft<

"... sondern trabte fürters in holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere Bezahlung, aber einen langweiligen Krieg vor mein Humor fande; dann da wurden wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtig leben als die Nonnen."

J.J.CHR. von GRIMMELSHAUSEN, >Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch<

"Natürlich ist der Zufall ein unsicherer Grund, dem man nicht trauen darf, allein man kann ihn weder wegraisonnieren noch einzwängen. Man sollte sich also lediglich beschränken, in diesem wandelbaren Zustande, den man Krieg nennt, und in welchem das Glück so oft nach Launen herrscht, diese Launen nur benutzen, nicht unumschränkt beherrschen zu wollen. Dies Letztere ist unmöglich."

CONSTANTIN von LOSSAU: >Der Krieg<

"Das Kriterium des >Fortschrittes< ist, vergleicht man zwei Völker oder zwei Epochen, die größere Fähigkeit zum Töten."

NICOLÀS GÒMEZ DÀVILA, >Aufzeichnungen des Besiegten<  

Die biologische Theorie benutzt den Begriff der Analogie, um Fälle "konvergenter oder paralleler Evolution" zu bezeichnen, die letztlich immer auf eine "Beziehung zur Funktion und Lebensweise" der betreffenden Organe bzw. Lebewesen verweisen (STORCH / WELSCH 1989, S. 56). Ähnliche Umweltbedingungen führen in unterschiedlichsten Epochen der Naturgeschichte zur Auslese und Diffusion ähnlicher Variationen - ein Phänomen, welches offensichtlich auch in der Kulturgeschichte des Menschen häufig zu beobachten ist. Der folgende Text möchte durch ein Beispiel für eine derartige kulturgeschichtliche Analogie das oben gezeichnete Bild des Taylorismus abrunden.

Vor eine ähnliche Problemlage wie der Rationalisierungspraktiker des 20. Jahrhunderts, dessen Bemühungen überall dort im Betrieb einsetzen, wo überflüssige Leerzeiten und erhöhter Arbeitskräftebedarf den Ertrag des Unternehmens schmälern, sahen sich auch die europäischen Militärtaktiker des 16. und 17. Jahrhunderts durch die massenhafte Einführung der Muskete als Hauptkampfmittel gestellt (s. zur Verbreitung des Gewehrs bzw. der Muskete in der frühen Neuzeit: SOMBART 1913, S. 76ff, ORTENBURG 1984, S. 52ff, TROITZSCH 1997, S. 220ff, DELBRÜCK 2003, S. 28ff). Die lange Zeitspanne, die man zum Laden und Abfeuern dieser frühen Gewehre benötigte - ein geübter Musketier brauchte im Durchschnitt zwei Minuten, während ein guter Bogenschütze in derselben Zeit ungefähr ein Dutzend Pfeile verschießen konnte - führte dazu, daß das Potential der Muskete als Fernkampfwaffe anfangs nicht voll ausgeschöpft werden konnte. Nur selten gelang es, den heranrückenden Gegner vor Erreichen der eigenen Reihen durch eine entsprechende Anzahl von Salven ernsthaft zu dezimieren, weshalb die Musketiereinheiten zusätzlich durch Pikeniere, Fußsoldaten mit langen Lanzen, geschützt werden mußten. Bezeichnenderweise wurde noch im frühen 18. Jahrhundert von schottischen Söldnertruppen auf vielen Kriegsschauplätzen erfolgreich eine spezielle Kampftaktik, die sogenannte "Highland Charge" durchgeführt, deren Ziel darin bestand, durch einen extrem schnell und unter Ausnutzung des Geländes vorgetragenen Angriff die gegnerische Schützenlinie zu überrennen, bevor diese ihre Wirkung entfalten konnte (vgl. PARKER 1990, S. 57ff).

Die europäischen Heere der frühen Neuzeit bemühten sich nun intensiv das technische Potential des neuen Kampfmittels durch organisatorische Ergänzungen auszuschöpfen. Die entscheidenden Innovationen wurden von den Niederländern eingeführt, die damals im Kampf mit der zahlenmäßig überlegenen spanischen Hegemonialmacht standen (zu den niederländischen Militärreformern insgesamt s. OESTREICH 1964, FELD 1975, FELD 1977, S. 169ff, HOWARD 1981, S. 78ff, FIEDLER 1985, S. 140ff, ORTENBURG 1984, S. 94ff u. S. 116ff, PARKER 1990, S. 39ff, McNEILL 1995, S. 127ff, BRÖCKLING 1997, S. 31ff, POHLMANN 1997, S. 42ff, DELBRÜCK 2003, S. 197ff u. natürlich in erster Linie die klassische Studie HAHLWEG 1987 sowie die Quellenedition des Grundlagenwerkes der Reform: HAHLWEG (Hrsg.) 1973). Statt einer einzigen Reihe von Schützen stellten die Niederländer nunmehr bis zu zehn Reihen hintereinander auf, die dann in der Schlacht untereinander routierten (sogen. "Contremarche" oder als Variante die "Conversion"). Nachdem in der defensiven Variante dieser Aufstellungsform die erste Reihe ihre Salve abgefeuert hatte, trat sie hinter die anderen Reihen zurück, um dort erneut zu laden, während nunmehr die zweite Reihe ihre Salve abgab usw. In der offensiven Variante dagegen blieb die erste Reihe nach dem Abfeuern ihrer Salve stehen, um zu laden, während nunmehr die letzte Reihe nach vorne trat, um zu schießen usw.

Durch diese neue Aufstellungsform wurde erstmals in Form von konzentrierten Salven ein kontinuierliches Gewehrfeuer auf den Gegner ermöglicht, was beispielsweise den traditionellen frontalen Kavallerieangriff, der der Aufsprengung von Infanterieverbänden diente, innerhalb weniger Jahrzehnte obsolet werden ließ oder zumindest die Notwendigkeit, die Musketiere durch bereitgehaltene Pikeniere zu schützen stark verminderte, wodurch sich das zahlenmäßige Verhältnis von Pikenieren und Schützen bereits im Laufe des Dreißigjährigen Krieges stark zugunsten der letzteren verschob (Endgültig verdrängt wurde der Pikenier freilich erst durch die Einführung des Bajonetts, durch welches die Muskete in eine "Behelfspike" verwandelt wurde.). Die Kavallerie wurde nach der entscheidenden Steigerung der Feuerkraft der Infanterie in erster Linie für rasche Umgehungs- und Umfassungsoperationen, für Aktionen gegen die Versorgungslinien des Gegners und zur Aufklärung sowie zur Verfolgung versprengter oder in Auflösung befindlicher Truppen eingesetzt und spielte auf diese Art - bis zur Einführung des Maschinengewehrs - weiterhin eine wichtige taktische Rolle auf den europäischen und amerikanischen Schlachtfeldern (zur veränderten Rolle der Kavallerie in der frühen Neuzeit s. a. DELBRÜCK 2003, S. 151ff). Bei frontalem Einsatz gegen kampfbereit formierte und gut ausgebildete Infanterie zog sie hingegen in der Regel den Kürzeren, wie es etwa 1815 die französischen Kürassiere unter Marshall Ney bei Waterloo erfahren mußten, die an den Schützenlinien der in Defensivvierecken aufgestellten britischen Infanterie regelrecht zerschellten (vgl. KEEGAN 1978, S. 178ff). Clausewitz schreibt in seinem bekannten Werk - wohl in Anspielung auf derartige Erfahrungen - nur noch lakonisch, daß man "die Reiterei nicht ohne Not gegen Infanterie... gebrauchen" dürfe, "die noch in Ordnung ist" (CLAUSEWITZ1991, S. 115).

Doch ging die neugewonnene Überlegenheit und Effizienz dieser erfolgreichen militärischen Organisationsform der Infanterieverbände, wie leicht einsichtig ist, mit einem starken Anwachsen des Mannschaftsbedarfs und damit der Kosten einher (zum Heeresfinanzbedarf in der frühen Neuzeit s. SOMBART 1913, S. 51ff, MANN 1994, S. 319ff, NORTH / KRÜGER 1995). Umfaßten die Heere der europäischen Großmächte um 1635 herum im Durchschnitt noch ca. 150000 Mann, so besaß allein Frankreich am Ende des Jahrhunderts ca. 400000 Soldaten. Dieses Kostenproblem mußte dringend durch neue Strategien angegangen werden, zumal die Militärhaushalte seit dem späten Mittelalter das entscheidende Selektionskriterium innerhalb der europäischen Staatenwelt darstellten. Staaten, die, wie etwa das Herzogtum Burgund, die steigenden Militärkosten aus ihren Ressourcen heraus nicht tragen konnten, verschwanden von der Bildfläche oder sanken zumindest zur Bedeutungslosigkeit herab (vgl. MANN 1994, S. 301ff).

Es waren nun wiederum niederländische Militärreformer, die Anfangs des 17. Jahrhunderts auf eine Lösung dieses Problems stießen - eine Lösung, deren Ähnlichkeit mit der Methode Taylors auf der Hand liegt. Sie analysierten den Handlungsablauf des Gewehrladens und -abfeuerns bis ins kleinste Detail und erkundeten auf diesem Wege die optimale und schnellstmögliche Durchführung des Ladevorganges, die bei den damals üblichen Luntenschloßgewehren folgende Grundoperationen umfassen mußte:

Die bis zu 43 Einzelschritte (sog. "Tempis") der von den Militärreformern ermittelten optimierten Methode wurden in detailierten Zeichnungen festgehalten, die man als Vorwegnahme der sogen. "Arbeitsvorgabe" deuten kann, mit der die Tayloristen des 20. Jahrhunderts dem einzelnen Arbeiter die Art und Weise seiner Tätigkeit vorschrieben:

"Das Wesen des neuen oranischen Ausbildungssystems im Waffengerauch bestand in der genauen, endgültigen Festlegung auch der kleinsten Handgriffe und ihrer folgerichtigen Anordnung im Sinne der Konstruktion der Waffe. Alle Handgriffe erhielten ihre eigenen Kommandoworte, gewissermaßen als >Instruktionen für das Rekrutenlehrpersonal<. Auf diese Weise konnte der junge Soldat systematisch bis zur völlig sicheren Beherrschung der Handhabung seiner Waffe gedrillt werden." (HAHLWEG 1987, S. 32f)

Nunmehr mußte die neue Methode noch in die Routine der Truppe überführt werden, was durch eisernen Drill geschah, der die Musketiereinheiten in eine synchron und verläßlich arbeitende Maschine verwandelte, wobei jede Grundbewegung der Soldaten mit einem bestimmten Kommandowort verknüpft war. Rein äußerlich - gewissermaßen auf der symbolischen Ebene des Armeewesens - schlug sich diese Disziplinierung in der zunehmenden Uniformierung der Truppe nieder (zur Durchsetzung der Uniform s. SOMBART 1913, S. 155ff). Begleitet wurde diese Maßnahme durch die Einführung einer auf der Grundlage von Normen vereinheitlichten Ausrüstung der Truppe und einem allgemeinen Exerzierreglement, das der umfassenden Disziplinierung der Truppe dienen sollte (KEEGAN 1997, S. 485; zur Geschichte des milit. Drills s. a. McNEILL 1995, S. 101ff; zu den primitiven Anfängen des Drills s. DELBRÜCK 2003, S. 14ff, S. 80f u. S. 134).

Ein preußisches Beispiel für ein derartiges Exerzierreglement aus dem Jahre1726:

"Es muß einem jeden Kerl wohl gelernt werden, wie er geschwinde laden und sein Gewehr im Chargieren (Vorrücken) recht gebrauchen soll, daß er nicht mehr oder weniger Tempos macht, als wie nötig sind, und es muß geladen werden wie folgt: Die Kerle müssen sehr geschwinde, indem das Gewehr an die rechte Seite gebracht wird, den Hahn in die Ruhe bringen, hernach sehr geschwinde die Patron ergreifen. Sobald die Patron ergriffen, müssen die Burschen selbige sehr geschwinde kurz abbeißen, daß sie Pulver ins Maul bekommen, darauf geschwinde Pulver auf die Pfanne schütten, die Pfanne geschwinde schließen, das Gewehr hurtig zur Ladung herumwerfen, aber die Patron nicht verschütten, worauf man wohl acht haben muß. Nach diesem muß die Patron geschwinde in den Lauf gebracht und rein ausgeschüttet, der Ladestock mit zwei Mahl auf das geschwindigste herausgezogen, geschwinde verkürzt, geschwinde in den Lauf gesteckt und sehr stark heruntergestoßen werden, daß die Ladung fest angesetzt wird, worauf sämtliche Officiers gut acht haben und wohl observieren sollen, wenn ein Kerl den Ladestock nicht gut herunterschmeißt. Hernach muß der Ladestock mit einem Ruck geschwinde herausgerissen, geschwinde verkürzt und geschwinde mit zwei Mahl an seinen Ort gebracht werden..." (zitiert nach TROITZSCH 1997, S. 223)

(Zur Erläuterung: Bei einer Papierpatrone, deren Handhabung hier beschrieben wird, befanden sich eine exakt abgemessene Menge an Schießpulver und die Kugel in einer kleinen Papierhülle, die aufgebissen werden mußte, bevor man das Gewehr laden konnte. Dank dieser bereits im 17. Jh. aufgekommenen Innovation sparte man das Pulverhorn ein und verkürzte so die notwendige Kette von Handgriffen beim Laden der Gewehre. Außerdem wurde die Leistung der Gewehre durch die Papierpatrone "standardisiert", da die Pulvermenge für den einzelnen Schuß vorgegeben wurde und nicht mehr vom Fingerspitzengefühl des Schützen abhing. Eine partielle, im 17. Jh. weit verbreitete Vorwegnahme der Papierpatrone findet sich in den sogen. "Lademaßen", kleinen, mit Leder überzogenen Holzbüchsen, die ebenfalls eine exakt auf den einzelnen Schuß abgemessene Pulverladung, jedoch noch keine Kugel enthielten.)

Abfeuern eines Luntenschloßgewehres. Holzschnitt aus dem Jahre 1609

Französische Musketiere in der zweiten Hälfte des 17. Jh.

Durch den Austausch von Militärinstrukteuren mit den anderen protestantischen Staaten verbreitete sich die "rationalisierte" Form des Musketiereinsatzes von den Niederlanden aus, wo eine eigentümliche Ehe zwischen humanistischem Neostoizismus und Protestantismus das geistige Klima für ihre Entstehung bereitete (vgl. OESTREICH 1964, S. 309ff, HOWARD 1981, S. 80 u. vor allem HAHLWEG 1987), bald über ganz Europa (vgl. HAHLWEG 1987, S. 140ff; es bürgerte sich sogar der Titel "protestantische Taktik" ein, da die Heere des Kaisers bzw. der Katholischen Liga bis in die 1630er Jahre noch an älteren spanischen Vorbildern der Truppenhandhabung festhielten). Der Erfolg der neuen Methode offenbarte sich am deutlichsten in der Kriegsführung der schwedischen Truppen während des Dreißigjährigen Krieges (s. dazu DELBRÜCK 2003, S. 221ff u. S. 260ff). Bestanden die Musketierformationen in der Schlacht zu Beginn des Jahrhunderts im Durchschnitt noch aus zehn routierenden Reihen, so kamen die Schweden mit sechs Reihen aus, ohne daß das der Höhe ihrer Salvenfrequenz Abbruch getan hätte. Die Preußen schließlich benötigten im Siebenjährigen Krieg - allerdings auch aufgrund technischer Verbesserungen (seit ca. 1710 Verwendung von Musketen mit Feuersteinschlössern, deren Massenproduktion im 17. Jh. noch zu teuer war) - nur noch drei Schützenreihen, um ein Dauerfeuer zu erzielen. Diese Reihen feuerten in jener Zeitspanne von zwei Minuten, die die Musketiere des 16. Jahrhunderts benötigten um einmal zu laden und zu schießen, bis zu sechs Salven ab. Aber die Bedeutung der niederländischen Militärreform ging weit über eine bloße Steigerung der Feuerkraft der Musketiere hinaus, war doch die Rationalisierung und Formierung der taktischen Ebene des Infanterieeinsatzes eine unabdingbare Voraussetzung für die planbare Verwendung und die Kombination der unterschiedlichen Waffengattungen auf dem Schlachtfeld. Die reformierte Taktik steigerte so auch das Potential des strategischen Kalküls des Feldherrn (vgl. zu den neuen Möglichkeiten und Erfordernissen des strateg. Kalküls FIEDLER 1985, S. 182ff u. DELBRÜCK 2003, S. S342ff u. S. 374ff). 

Die neue, rationellere Form der Kriegsführung - Oestreich spricht treffend von einer regelrechten "Verwissenschaftlichung des Krieges" (OESTREICH 1964, S. 304) -, die aus diesen Organisationsmustern erwuchs, verdrängte ob ihrer Effizienz nicht nur den militärischen Traditionalismus des ritterlichen Gentleman-Kavalleristen, sondern nach und nach auch den Typus des Militärunternehmers, der das Kriegswesen bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein - etwa durch seinen wohl bekanntesten Vertreter: Wallenstein - entscheidend prägte (vgl. REDLICH 1964, HOWARD 1981, S. 33ff, PARKER 1990, S. 89ff, MÜNKLER / MÜNKLER 2000, MÜNKLER 2004, S. 59ff u. S. 91ff). Die Kriegsunternehmer - in Italien, wo sie in den permanenten Konflikten der Stadtstaaten ursprünglich aufkamen, auch als Condottieri bezeichnet - betrachteten den Krieg als eine durch Kapitaleinsatz handhabbare Erwerbschance und lassen sich eindeutig dem Typus des politisch orientierten Abenteuerkapitalismus zuordnen (vgl. den Beitrag zu Webers >Kapitalismustypologie<). Sie heuerten, indem sie den Staaten und Kriegsparteien das Kapital vorschoßen, zunächst auf eigene Kosten ungeordnete Sölderntruppen an, die ihren geringen "Grundlohn" durch Plünderung "akkordmäßig" aufstocken konnten, während die Unternehmer selber auf eine lukrative Vergütung aus der Staatskasse spekulierten, die allerdings, je nach der Finanzlage des betroffenen Staates auch ausbleiben konnte. Deshalb waren die Militärunternehmer häufig gezwungen, die "laufenden Kosten" ihres Unternehmens direkt aus dem Krieg zu decken, etwa durch systematische Brandschatzung, durch die die umliegende Zivilbevölkerung vor die Wahl gestellt wurde, bestimmte Natural- oder Geldleistungen zu erbringen oder der Verwüstung des eigenen Besitzes zusehen zu müssen (zum System der Brandschatzung s. PARKER 1990, S. 90ff). Weniger durch den unsicheren Ausgang der Schlachten, als durch diese Unsicherheit der Staatsfinanzen kam in den militärischen Kapitalismus ein hasardartiges Moment hinein, was sich z.B. darin äußert, daß militärisch erfolgreiche italienische Condottieri häufig gegen ihre Auftraggeber wegen der ausbleibenden Bezahlung rebellierten, während nördlich der Alpen im Dreißigjährigen Krieg einzelne Militärunternehmer, die bei "soliden" Staaten angeheuert hatten, wirtschaftlich prosperierten, obwohl sie nie auch nur eine einzige Schlacht für sich entscheiden konnten.

Der Bedarf der neuen Form der Kriegsführung nach disziplinierten Truppen führte aber zur allmählichen Ablösung dieser stark fluktuierenden Landsknechtstruppen der Militärunternehmer durch stehende Heere, die ihre logistischen Probleme nicht durch Plünderung und Brandschatzung, sondern durch einen rationell organisierten bürokratischen Unterbau lösten (s. dazu auch DELBRÜCK 2003, S. 285ff). Der "freie" Militärunternehmer dagegen konnte derartig trainierte Truppen nicht aufstellen, da er keinen perennierenden Betrieb unterhielt sondern vielmehr seine Landsknechte je nach Auftragslage einstellte und entließ. Eine Ausbildung erfuhren diese - sieht man von improvisierten Übungen in der kurzen Phase zwischen Anstellung und Einsatz der Truppe ab, die lediglich der Erlernung der technischen Handhabung der Waffe, nicht jedoch der koordinierenden Synchronisierung und Optimierung ihres Einsatzes dienten - lediglich durch den Krieg selber und nicht zufällig waren daher Schlachtveteranen besonders begehrte "Arbeitskräfte". Bezeichnenderweise hatte das schwedische Heer, welches die niederländischen Innovationen im Dreißigjährigen Krieg wohl am erfolgreichsten umsetzte, in seinem Kern bereits nahezu den Charakter eines modernen, stehenden Verbandes, da es auf der Einberufung eines festen Teils der schwedischen Bevölkerung beruhte, der auch in Friedenszeiten regelmäßig exerzieren und trainieren mußte (zum schwedischen Heer vgl. FIEDLER 1985, S. 154ff).

Treffend faßte der Verfassungshistoriker Otto Hintze diese Entwicklung zusammen:

"Überall ging man von dem System der Condotteria zu dem der monarchischen Heeresdisziplin über. Der Oberst hört auf, ein militärischer Privatunternehmer zu sein; er wird ein Staatsdiener. Der Monarch an Stelle des Obersten ernennt die Offiziere; er wird selbst der Inhaber der höchsten Kommandogewalt. Eine hierarchische Ordnung von Dienstgraden wird durchgeführt, die in dem Monarchen gipfelt. Seine Kriegskommissare sorgen für die Unterhaltung und Einquartierung der Armee, für die regelmäßige Soldzahlung, für die Verpflegung im Felde... Im ganzen ist der Umwandlungsprozeß gegenüber den alten Soldarmeen ganz deutlich: sein Resultat ist, daß die Armee verstaatlicht wird." (HINTZE 1967, S. 70)

Fazit:

Analogien zwischen Taylor-System und niederländischer Militärreform

Somit beleuchten die niederländische Militärreform des 16. und 17. Jahrhunderts wie auch das Taylor-System die geschichtliche Bedeutung von "Rationalisierungsprozessen" (M. Weber). Derartige Prozesse wälzen die Gesellschaften, die sie erfassen, grundlegend um und verändern den Handlungsrahmen der betroffenen Individuen.

Für das okzidentale Militärwesen der frühen Neuzeit bedeutet dies konkret:

Der Verteidigungsapparat wird analog zum Staatswesen einer bürokratisch-hierarchischen Formungunterzogen, die die Unterwerfung der Truppenaktivitäten unter das zentrale strategische Kalkül der Führung und zugleich die Versorgung der Truppe aus den Ressourcen des Staates garantieren soll. Hatte der frühneuzeitliche Staat die Aufstellung und Finanzierung seiner Heere in die Hände unabhängiger Militärunternehmer gelegt, wodurch diese Heere den Charakter eines "eigentümlichen Instruments" annahmen, welches "von dem übrigen Staats- und Volkswesen getrennt" war (CLAUSEWITZ 1991, S. 146), so wird deren Autonomie im Rahmen des Rationalisierungsprozesses des Staates durch die Etablierung bürokratischer Kontrollorgane schrittweise wieder aufgehoben, bis das moderne Heer im Staatsapparat aufgeht (s. zur Illustration das Bsp. der franz. "intendance" bei HOWARD 1981, S. 89ff; vgl. auch insgesamt WEBER 1980, S. 685ff u. WEBER 1988b, S. 70). Auf der taktischen Ebene werden die Mannschaften einer normierten Ausbildung unterzogen, die sie in eine disziplinierte und berechenbare Kriegsmaschinerie verwandelt. Rationalisierung des Staates und Rationalisierung des Militärwesens stehen dabei in einem engen historischen Wechselverhältnis. Die Bürokratie des Staates gibt ein Modell für die Organisation des Heeres ab - der Offizier wird zu einer "Sonderkategorie des Beamten" (WEBER 1988c, S. 321) - und der wachsende Finanzbedarf der Kriegsführung macht eine kontinuierliche Finanzverwaltung durch staatliche Instanzen nötig (Schuldendienst), wodurch die Entstehung eigenständiger, vom Hofstaat des regierenden Fürsten abgesonderter, bürokratischer Verwaltungsstrukturen gefördert wird (vgl. MANN 1994, bes. S. 372ff u. DELBRÜCK 2003, S. 287).

Einschränkend ist freilich H.P. Bahrdt recht zu geben, wenn er trotz aller Bürokratisierung und Rationalisierung auf fortbestehende "Friktionen" (C. v. Clausewitz) innerhalb des militärischen Rationalismus des Okzidents hinweist (vgl. BAHRDT 1987, bes. S. 26ff). Namentlich im Kriegseinsatz sind die wirkmächtigen Faktoren zu vielgestaltig und "kontingent" und sind die Handlungsmöglichkeiten des Gegners zu schwer zu berechnen, als daß die bürokratische Steuerung diese vollständig erfassen und in das Kalkül einbeziehen könnte - eine an sich einfache und offenkundige Tatsache, die schon Clausewitz den absolutistischen Heeren des 18. Jahrhunderts entgegenhielt, in denen die bürokratische Reglementierung auf die Spitze getrieben worden war, so daß nicht selten die Initiative des Taktikers vor Ort gelähmt wurde (vgl. CLAUSEWITZ 1991, bes. S. 114ff). Jedoch: Krieg meint zwar Handeln im Zustand der Unsicherheit, aber immerhin bedeutet ein hohes Maß an Kontingenz nicht soviel wie absolute Kontingenz. Würde die moderne Heeresführung nicht - ähnlich wie der moderne Unternehmer gegenüber den technischen und ökonomischen Elementen seines Betriebs - versuchen, ihr Menschen- und Kriegsmaterial einer bürokratisch organisierten, rationalen Formierung und Kalkulation zu unterwerfen, so wäre sie zur sicheren Niederlage verdammt. Nur durch diese Maßnahmen wird jene - um den "organisationstheoretisch" gesehen großartig gewählten Begriff von Hahlweg zu gebrauchen - beherrschte Flexibilität (vgl. HAHLWEG 1987, S. X) geschaffen, mit der das moderne Heer in eigentümlicher Weise rational auf die Wechsellagen des Krieges reagiert.


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