DIE GEBURT DER RATIONALISIERUNG AUS DEM GEISTE DES PROTESTANTISMUS

Der französische Mathematiker und Philosoph Auguste Comte (1798-1857) prophezeite in den 1840er Jahren für die zukünftige Gesellschaft das Aufkommen einer neuen Form von "Harmonie" zwischen Wissenschaft und Industrie. Im Rahmen dieser harmonischen Kooperation übernimmt, so Comte, die Industrie zunehmend Technologien oder zumindest technologische Anregungen aus den Laboratorien der Wissenschaft, während die Wissenschaft sich in ihren Bestrebungen immer stärker von praktischen Problemen, wie sie in der Industrie aufzutreten pflegen, anregen lassen wird (COMTE 1966, S. 57ff, ähnl. in der neueren Lit.: GEHLEN 1964, S. 12f). Beide Sphären bedürfen aber nach Comte einer Art Bindeglied, welches er in einer neu aufkommenden Berufsgruppe ausmacht, nämlich den Ingenieuren:

"Die Wissenschaften lassen sich nicht unmittelbar auf die Kunstfertigkeiten anwenden, wenigstens nicht vollkommen. Zwischen diesen beiden Klassen von Vorstellungen gibt es eine mittlere, die nach ihrem philosophischen Charakter noch wenig ausgebildet ist, sich aber deutlich bemerkbar macht, wenn man die Klasse in der Gesellschaft betrachtet, die sich damit beschäftigt. Zwischen den Gelehrten und den Leitern der Arbeiten beginnt sich in den Ingenieuren eine Mittelklasse zu bilden, deren Aufgabe es ist, die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis auszubilden. Ohne auf den Fortschritt der Wissenschaft auszugehen, suchen sie nur ihre Anwendung auf die gewerbliche Tätigkeit daraus abzuleiten." (COMTE 1974, S. 19)

Frederick Winslow Taylor (1856 - 1915), mit dessem Werk und Persönlichkeit ich mich nun im folgenden skizzenhaft beschäftigen möchte, um einige historisch interessante Aspekte des Rationalisierungsgedankens zu beleuchten, scheint nun diesem neuen Funktionstypus des Ingenieurs in idealtypischer Reinheit zu entsprechen. Seine schon in früher Kindheit zu Tage tretenden technischen und erfinderischen Fähigkeiten führten ihn, der von seinen Eltern für ein juristisches Studium vorgesehen war, zielstrebig zum Ingenieursberuf (vgl. zu Taylors Kindheit NELSON 1980, S. 24ff). Sein Hochschulstudium absolvierte er parallel zu einer praktischen Lehre in einem Produktionsbetrieb, eine zweigleisige Ausbildungform, die anscheinend bei amerikanischen Ingenieuren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts üblich war, machte doch der Ingenieursberuf in jenen Jahren in den USA einen Wandel vom rein empirischen, durch betriebliche Praxis vermittelten Lehrberuf zum wissenschaftlich fundierten Hochschulstudium durch. Da die amerikanischen Unternehmer aber größeren Wert auf Praxisnähe, denn auf wissenschaftliche Grundausbildung legten, waren einer einseitigen Verschulung auf hohem Niveau, wie sie zur gleichen Zeit im französischen oder deutschen Ingenieurswesen vorherrschten, enge Grenzen gesetzt. Über den Status des einzelnen "engineers" in der Betriebshierarchie entschied nicht sein Diplom, sondern seine technische Kreativität und vor allem sein ökonomischer Pragmatismus (vgl. CHANDLER 1977, S. 282, KÖNIG / WEBER 1997, S. 397 u. S. 400). Taylor selber teilte offensichtlich diese Sichtweise, denn seine praktische Lehre soll ihm zeitlebens als Quelle unbezahlbarer Erfahrungen gegolten haben. Man vergleiche dazu nur Taylors Schilderung des Ingenieursstandes, jener "intelligente(n) und gebildete(n) Mensch(en)", die "durch ihre Vorbildung im Verallgemeinern gemachter Erfahrungen und im Suchen nach System und Gesetzen auf allen Gebieten des Lebens geschult sind", und die angesichts der praktischen Probleme in den Produktionsabteilungen der Unternehmen "sich bemühen, diese Probleme nach logischen Gesichtspunkten in Gruppen zu ordnen, um dann nach irgend welchen allgemeinen Gesetzen zu suchen, die ihre Lösung erleichtern" (TAYLOR 1977, S. 109) mit dem obigen Comte-Zitat. An der wissenschaftlichen Bildung schätzt Taylor vor allen Dingen die Fähigkeit zur Verallgemeinerung und Systematisierung, aber diese beiden formalen Befähigungen bekommen ihren Sinn erst durch ihre praktische Relevanz für den ökonomischen Betrieb.

Engt man den Blick auf Taylors ingenieurswissenschaftliche Leistung im engeren Sinne ein, so ragt unter der langen Reihe von Patenten, die er anmeldete, die 1899 vollendete Erfindung des sogenannten Schnellstahls heraus, der es erlaubte, die Spanarbeiten im Maschinenbau entscheidend zu beschleunigen (zur Erfindertätigkeit Taylors s. KAKAR 1970, S. 101ff u. NELSON 1980, S. 36ff u. S. 86ff, speziell zum Schnellstahl HEBEISEN 1999, S. 22ff). Hätte sich sein Lebenswerk freilich auf diese engere ingenieurswissenschaftliche Betätigung beschränkt, so wäre Taylor heute vermutlich nur noch den Technikhistorikern ein Begriff. Doch sein Name verbindet sich untrennbar mit einer neuen Form von Praxis, die in den traditionellen Ingenieurswissenschaften bis zu Taylors Zeiten keinen systematischen Ort gefunden hatte, nämlich der Ausdehnung wissenschaftlicher Denk- und Organisationsformen auf die menschliche Arbeit in ökonomischen Betrieben. Noch heute ist es eine nicht belegungsbedürftige Tatsache, daß die Begriffe "Rationalisierung" und "Taylorisierung" zumindest für die breite Öffentlichkeit Synonyme darstellen und ausnahmsweise besitzt hier die unscharfe Begrifflichkeit der Öffentlichkeit einen historischen Wahrheitskern. Taylors Bücher dürften tatsächlich das erste Beispiel für eine ökonomische Organisationslehre sein, die den in der Vorbemerkung behandelten Grundprinzipien der modernen Rationalisierungspraxis weitestgehend entspricht.

Mechaniker im Tabor-Werk in Philadelphia (USA). Taylor und seine Mitstreiter rationalisierten diese Firma, die Vorrichtungen und maschinelle Hilfsmittel für Formengießereien herstellte, indem er sie in einen Musterbetrieb seines Systems verwandelte. Die Firma wurde dadurch aus ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten befreit. Zu Lebzeiten Taylors gab es nur wenige Unternehmen, die seine Ideen in solcher idealtypischer Reinheit "verkörperten" (vgl. NELSON 1980, S. 146ff).

Das Tabor-Werk (USA) um die Jahrhundertwende


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