Das amerikanische Industriewesen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts

Die Herausbildung der Taylorschen Organisationslehre wird nun in der historischen und sozialwissenschaftlichen Literatur üblicherweise aus den spezifischen Strukturen der amerikanischen Industrie am Ende des 19. Jahrhunderts erklärt (vgl. NELSON 1975, bes. S. 11ff u. S. 34ff, CHANDLER 1977, S. 269ff, zur Ergänzung: HAASE 1995, bes. S. 12ff):

Das traditionelle Agrarland USA erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts eine starke Expansion des industriellen Gewerbes. Während die US-amerikanische Agrarwirtschaft ihre Wertschöpfung am Ende des Jahrhunderts im Vergleich zum Jahre 1839 lediglich um den Faktor 5 gesteigert hatte, vervielfachte sich die Wertschöpfung der Industrie im gleichen Zeitraum um den Faktor 21. Die USA konnten um 1900 bereits einen Anteil von ca. 30% an der industriellen Weltproduktion vorweisen (vgl. NORTH u.a. 1983, S. 27 u. S. 36). Im Rahmen dieser Expansionsbewegung kam es besonders im metallverarbeitenden Gewerbe unvermeidlich zu grundlegenden technischen Innovationen. Man war hier seit der Mitte des Jahrunderts in vielen Branchen zum Prinzip des Austauschteilebaus übergegangen, das in der Literatur üblicherweise als "American system of manufacture" bezeichnet wird, ein Titel, der bereits deutlich macht, daß der Austauschteilebau systematische Konsequenzen für den Gesamtbetrieb implizierte, die weit über bloß technische Detailfragen hinausgingen. Die von diesem Prinzip geforderte Exaktheit in der Teileproduktion hatte es zur unumgänglichen Notwendigkeit gemacht, neuartige Maschinen anzuwenden, die häufig speziell auf das jeweilige individuelle Produkt ausgelegt waren und die daher äußerst effizient arbeiten konnten. Die vorherrschende Produktstrategie - der Austauschteilebau - machte somit eine Steigerung des Stands der Produktionstechnologie und implizit auch eine Steigerung der Produktivität möglich. Vor allen Dingen ermöglichte es der Austauschteilebau und der auf ihn zugeschnittene Maschinenpark den riesigen amerikanischen Binnenmarkt mit billigeren Massenartikeln zu bedienen. Die Maschinen nahmen dementsprechend in den US-Betrieben der Zeit, trotz der anhaltend hohen Bedeutung von qualifizierter Facharbeit, eine herausragende Stellung ein. Vor allen Dingen in den auf Massenabsatz ausgerichteten Konsumgüterbranchen scheinen die Maschinen und die aus ihnen erwachsenden Sachzwänge auch schon zu einer Umstellung der organisatorischen "Grobstrukturen" geführt zu haben. Nicht erst Henry Ford (1863-1947) erfand das Prinzip des maschinell getragenen Betriebsflußes, dieses stellte vielmehr in vielen Betrieben schon in den 1880er und 1890er Jahren eine Realität dar. Dennoch war der organisatorische Rahmen der US-Industrie ihr eigentliches Defizitgebiet. Gegenüber den Fortschritten der Maschinen- und Produkttechnologie war die menschliche Arbeitskraft in den Betrieben, vor allen Dingen aber auch die Betriebsgesamtheit zurückgeblieben, denn die Arbeitsorganisation beruhte zu dieser Zeit auch in den USA noch immer auf Mustern die in der industriellen Revolution oder im vorindustriellen Verlagssystem entstanden waren.

Im wesentlichen muß zwischen zwei Grundformen der Arbeitsorganisation unterschieden werden, zwischen denen es allerdings Übergänge gab, nämlich das sogenannte Vertragsunternehmersystem und das Werkmeistersystem (vgl. BENDIX 1956, S. 82ff u. S. 286, HAASE 1995, S. 12ff). Beiden Organisationssystemen ist zunächst gemeinsam, daß der Unternehmer bzw. der Betriebsleiter erfahrenen Arbeitern, die in der Betriebshierarchie aufgestiegen waren die konkrete Gestaltung der Arbeitsausführung jeweils in kleinen, separierten Abteilungen überließ. Die Gründe hierfür liegen, wie allgemein angenommen wird, in der Tatsache, daß die Firmenbesitzer bzw. Unternehmer in der Frühzeit der Industrialisierung - besonders in der Konsumgüterindustrie - häufig in den für ihren Produktionszweig relevanten technischen Fragen weniger kompetent waren, als die älteren Arbeiter. Die frühen Unternehmer waren nicht selten in erster Linie Kaufleute, speziell dann, wenn ihr Unternehmen aus einem Verlagssystem hervorgegangen war. Diese Leute waren kompetent, wenn es um die Fragen des An- und Verkaufs, sowie um die Frage der Produktionsfinanzierung ging, doch der eigentliche Produktionsablauf blieb ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Daher mußten sie dieses Feld also den Vorarbeitern überlassen, die in ihren Reichen weitgehend autonom entscheiden konnten. In der älteren der beiden angesprochenen Formen, dem Vertragsunternehmersystem, welches sich wie ein räumlich zusammengezogenes Verlagssystem ausnimmt, ist der Vorarbeiter sogar ein selbständiger Unternehmer ("contractor") innerhalb des Fabrikgebäudes. Er handelt mit dem Unternehmer einen Preis und die Menge des zu produzierenden Gutes aus, und verfügt dann frei über die Betriebsmittel innerhalb seiner Abteilung. Unter anderem darf er auch seine Hilfskräfte nach eigenem Gutdünken einstellen und entlassen. Die Vorarbeiter bevorzugten dafür zumeist einen festen Personenkreis, eine sogenannte "gang", der allerdings nur tageweise angeheuert wurde. Die Differenz zwischen dem ausgehandelten Preis und den Kosten floß als Gewinn in die Hände des Subunternehmers, was bedeutete, daß er seinen Gewinn durch Kosteneinsparungen steigern konnte, wobei das flexible Element innerhalb seiner Kostenstruktur in erster Linie in den Arbeiterlöhnen zu suchen ist, die aufgrund der kurzfristigen Verträge von einem Tag zum nächsten geändert werden konnten. Eine starke Abschwächung der Autonomie des Vorarbeiters findet sich in dem alternativen System des Werkmeisters ("foreman"). Dieser erhält einen festen Lohn, also keinen frei aushandelbaren Gewinn, ist aber in der Handhabung des Maschinenparks, der Rohstoffe und der Arbeitskräfte beinahe ebenso autonom, wie der Vertragsunternehmer.

Beide Systeme stießen an eine Grenze, sobald der Produktionsausstoß im größeren Maße gesteigert werden sollte. Sie hatten beide ihr grundlegendes Modell noch im kleinen Handwerksbetrieb (vgl. BENDIX 1956, S. 84), mit seinen engen und autoritären Beziehungen zwischen den Meistern und den Gesellen, und stellten insofern, als man sie auf größere Betriebe anwandte, lediglich eine bloße Addition kleiner Einheiten dar, die den Gesamtbetrieb nicht zu einer kontrollierbaren Institution zusammenfügten (vgl. SCHWELING 1977, S. 175). Sie waren daher ab einer gewissen Komplexitätsstufe der Produktion nicht mehr als Organisationsmuster tauglich. Die Systeme förderten wegen ihres großen, vom Unternehmer nicht regelbaren Konfliktpotentials, das sich zwischen den frei waltenden Vorarbeitern und den Arbeitern auftat, die starke Fluktuation der Arbeitskräfte, während die neuartigen Maschinen nach routinisiertem Bedienungspersonal verlangten, das über einen längeren Zeitraum Erfahrungen mit den Eigenarten des jeweiligen Maschinentyps gesammelt hatte. Vor allen Dingen aber war das Kostenproblem mit diesen Organisationssystemen weder transparent zu machen noch gar praktisch zu bewältigen, was besonders für das Werkmeistersystem gilt. In seltsamen Kontrast zu ihrer hochmodernen Produktionstechnologie scheinen viele US-Betriebe im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts keine Selbstkostenrechnung besessen zu haben, die diesen Namen wirklich verdient hätte. Da die Leitung der Betriebe die technischen Sachzwänge vor Ort den Vorarbeitern überlassen hatte, mußte sie es hinnehmen, wenn diese darauf insistierten, daß die Produktionsvorgaben mit den vorhandenen Mitteln nicht zu bewältigen seien und das zusätzliche Material oder die zusätzlichen Arbeitskräfte folglich bewilligen. Beide Systeme erwiesen sich somit zunehmend als "dysfunktionale" Faktoren innerhalb der Unternehmungen, die die Ausnutzung der Effizienzzugewinne des Maschinenparks einschränkten.


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