Die puritanische Kultur

"I most heartily agree with your views regarding the curative effects of hard work. I look upon ist as the greatest blessing we have and almost every day of my life thank my stars that... I have enough work to occupy all my spare time"

FREDERICK WINSLOW TAYLOR in einem Brief

Es sind jedoch weniger diese allgemeinen Züge des Taylorismus, die mich hier interessieren, als vielmehr dessen historische Einordnung. Die gängige, oben kurz rekapitulierte Erklärung des Taylorismus aus der zeitgenössischen Betriebsstruktur ist sicherlich plausibel und soll hier auch keinesfalls umgestoßen werden. Jedoch scheint es mir geboten, dieses Erklärungsmuster durch einige Aspekte des Taylorschen Werkes zu ergänzen, die ich namentlich mit seiner Herkunft aus quäkerisch-unitarischen Kreisen verknüpfen möchte.

Betrachtet man technische Lösungen, bzw. technische Systeme alleine unter ihren immanenten Gesichtspunkten, speziell dem Effizienzgesichtspunkt, so ist ihre optimierte Gestalt sicherlich durch die Situation, in der sie Anwendung finden sollen, weitgehend determiniert. Gegebene Mittel werden zu einem vorgegebenen Zweck kombiniert und füllen dadurch eine Lücke in bestehenden Gefügen aus, oder ersetzen eine ältere, weniger effiziente Lösung. Betrachtet man sie aber unter dem Gesichtspunkt ihrer Genese, bzw. ihrer Kreation, so erweist sich die Vorstellung eines freischwebenden Intellekts, der mit einer Totalanschauung der vorgegebenen Situation ausgestattet ist und somit technische Lösungen nach Belieben hervorbringt, als Illusion. Die Handlungstheorie des amerikanischen Pragmatismus, der Handeln bekanntlich als Problemlösen definiert, klärt uns vielmehr darüber auf, daß der schaffende Intellekt des Technikers selber in der vorliegenden Problemsituation involviert ist (vgl. zur pragmat. Handlungstheorie JOAS 1992, bes. S. 178f u. JOAS 1996, bes. S. 190). Die manifesten technisch-organisatorischen Strukturen des Betriebes und die Denk- und Handlungsgewohnheiten des Ingenieurs bilden zwei Seiten einer sich gegenseitig stützenden Einheit, die erst intellektuell aufgebrochen werden muß, bevor es zu Verbesserungen kommen kann - eine Tatsache, die, um einen Beleg aus der Praxis zu bringen, auch K. Pentzlin, der "promoter" der bundesrepublikanischen Rationalisierungsbewegung, immer wieder betont. Für ihn ist daher der "Betriebsfremde", der die erforderliche Distanz zu den etablierten Strukturen bereits mitbringt, der ideale "Rationalisierungsadministrator" (vgl. PENTZLIN 1950, S. 50f u. S. 175ff). Die technisch effizienteste Lösung kann erst im nachhinein als solche angesprochen werden, doch dem handelnden Techniker ist diese rückblickende und eindeutige Perspektive verbaut. Für ihn muß die gegebene Problemsituation notwendigerweise als mehrdeutig erscheinen. Er muß erst mit Hilfe kognitiver Anstrengungen einen Horizont der möglichen Lösungen aufbauen, unter denen er dann experimentierend auswählen kann. Durch diese Annahme einer Situiertheit des problemlösenden Handelns und die damit gegebene Notwendigkeit einer intellektuellen und wahrnehmungsmäßigen Distanzierung des Handelnden von der Situation, der sogenannten "Rekonstruktion", weisen die Pragmatisten der Kognition eine Schlüsselrolle im Handeln zu, die in anderen Handlungstheorien übersehen wurde. Über die Kognition aber dringen naturgemäß auch außertechnische Elemente in die Kreation neuer Technologien, die somit den herzustellenden Horizont möglicher Lösungen mitdefinieren, denn das "Kulturwesen Mensch" betrachtet seine Umwelt nicht lediglich mit den Augen, sondern auch mit Hilfe seiner kulturell geprägten Erfahrungen und Denkmuster. Speziell ist hier daran zu denken, daß Kognitionsmuster bis in ihr Innerstes von eigengesetzlichen kulturellen Wertsystemen, wie sie etwa durch die Religion vermittelt wurden, mitgesteuert werden. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es sinnvoll, den Taylorismus, über die bisherige Analyse hinaus, auch nach kulturellen Determinanten zu hinterfragen, die zu seiner Genese beitrugen.

Um nun die kulturellen Quellen des Taylorismus fixieren zu können, möchte ich mich im folgenden auf die Theorien Webers und Troeltschs über die praktische Bedeutung der protestantischen bzw. puritanischen Lebensführung für die westliche Gesellschaft stützen. Speziell Webers Argumentation lief bekanntlich darauf hinaus, daß der anglo-amerikanische Puritanismus, und mit ihm die calvinistischen und reformierten Kirchen, Denominationen und Sekten in ihrer Gesamtheit, eine spezifische Form der rationalen Lebensführung, den protestantischen "Habitus" hervorgebracht haben. Rational, so Weber, sei dieser Habitus, weil in ihm alle Lebensbereiche des Indivdiuums systematisch auf strikte, explizierbare Wertordnungen bezogen werden. Im Zentrum dieser Wertordnungen steht dabei der calvinistische Berufsbegriff mit jenen spezifischen Modifikationen, die er im England des 17. Jahrhunderts angenommen hatte (vgl. WEBER 1988 u. WEBER 1991, S. 300ff). Der Beruf erschien in dieser Wertordnung als eine Sphäre der individuellen Bewährung, in der man durch strikte Redlichkeit und intensive Arbeit ein Zeichen Gottes über den eigenen Gnadenstand gewinnen könne. Die beste Darstellung dieses Habitus und seiner praktischen Konsequenzen gibt Weber in einer Passage aus "Wirtschaft und Gesellschaft", die ich hier in voller Länge zitieren möchte, da sie, wie mir scheint, wichtige Mittel zum Verständnis der Persönlichkeit Taylors und zum Verständnis seines Werkes aufzeigt:

"Die Welt als Ganzes bleibt, asketisch gewertet, eine >massa perditionis<... Wenn nun dennoch die Bewährung innerhalb ihrer Ordnungen erfolgen soll, so wird sie eben, weil sie unvermeidlich (ein) natürliches Gefäß der Sünde bleibt, gerade um der Sünde willen und zu deren möglichster Bekämpfung in ihren Ordnungen eine >Aufgabe< für die Bewährung der asketischen Gesinnung. Die (Welt) verharrt in ihrer kreatürlichen Entwertetheit: eine genießende Hingabe an ihre Güter gefährdet die Konzentration auf das Heilsgut und dessen Besitz und wäre Symptom unheiliger Gesinnung und fehlender Wiedergeburt. Aber die Welt ist dennoch, als Schöpfung Gottes, dessen Macht sich in ihr trotz ihrer Kreatürlichkeit auswirkt, das einzige Material, an welcher das eigene religiöse Charisma durch rationales ethisches Handeln sich bewähren muß, um des eigenen Gnadenstandes gewiß zu werden und zu bleiben. Als Gegenstand dieser aktiven Bewährung werden die Ordnungen der Welt für den Asketen, der in sie gestellt ist, zum >Beruf<, den es rational zu >erfüllen< gilt. Verpönt also ist der Genuß von Reichtum, - >Beruf< aber die rational ethisch geordnete, in strenger Legalität geführte Wirtschaft, deren Erfolg, also: Erwerb, Gottes Segen für die Arbeit des Frommen und also die Gottgefälligkeit seiner ökonomischen Lebensführung sichtbar macht. Verpönt ist jeder Überschwang des Gefühls für Menschen als Ausdruck einer den alleinigen Wert der göttlichen Heilsgabe verleugnenden Vergötterung des Kreatürlichen, - >Beruf< aber die rational nüchterne Mitarbeit an den durch Gottes Schöpfung gesetzten sachlichen Zwecken der rationalen Zweckverbände der Welt... Verpönt ist die Gewalt des Einzelnen gegen Menschen, aus Leidenschaft oder Rachsucht, überhaupt aus persönlichen Motiven, - gottgewollt aber die rationale Niederhaltung und Züchtigung der Sünde und Widerspenstigkeit im zweckvoll geordneten Staate. Verpönt ist persönlicher weltlicher Machtgenuß als Kreaturvergötterung, - gottgewollt die Herrschaft der rationalen Ordnung des Gesetzes. Der >innerweltliche Asket< ist ein Rationalist sowohl in dem Sinne rationaler Systematisierung seiner eigenen persönlichen Lebensführung, wie in dem Sinn der Ablehnung alles ethisch Irrationalen, sei es Künstlerischen, sei es persönlich Gefühlsmäßigen, innerhalb der Welt und ihrer Ordnungen. Stets aber bleibt das Ziel vor allem: >wache< methodische Beherrschung der eigenen Lebensführung." (WEBER 1980, S. 329f, vgl. auch WEBER 1988, S. 533f)

Weber selber hatte sich, was die Analyse der historischen Folgen dieses protestantischen Persönlichkeitshabitus angeht, in erster Linie auf die Untersuchung der Herausbildung einer dem modernen kapitalistischen Betrieb adäquaten Unternehmernatur konzentriert (vgl. meinen Beitrag >Unternehmerethos etc.<). In einer Fußnote allerdings bemerkte er beiläufig auch die Tatsache, daß für die Puritaner eine "ausgeprägte Vorliebe" für den "durch mathematische Fundamentierung rationalisierten Empirismus" typisch war (WEBER 1988, S. 141f), die eine Reihe von herausragenden Naturwissenschaftlern und Erfindern aus ihren Kreisen hervorgehen ließ. Auch diese Begabung zur Naturwissenschaft und Technik hatte ihre Wurzeln in ihrer Religion, näher betrachtet in ihrem Gottes- und Weltbild. Denn die Puritaner parallelisierten ihre Auffassung der eigenen Berufsarbeit mit der Schöpfungstätigkeit ihres Gottes. So wie man am beruflichen Erfolg den eigenen Gnadenstand ablesen kann, so kann man aus der Natur, dem Werk Gottes, dessen Willen ablesen. Bei den Puritanern führt diese Annahme jedoch nicht zu einer wilden naturromantischen Schwärmerei. Vielmehr erscheinen ihnen die Dinge in der Welt letztlich als Werkzeuge, die ihnen von Gott an die Hand gegeben wurden, um dessen Willen zu vollziehen (vgl. TROELTSCH 1994, S. 649 u. MÜLLER-ARMACK 1959, S. 114ff). Das naturwissenschaftliche Studium wird gemäß dieser Auffassung von Gott und Welt bzw. Natur, im Sinne einer Auslotung der Nutzungsmöglichkeiten der Objekte durchgeführt. Tatsächlich lassen sich für diese "Nebenthese" Webers trifftige empirische Beweise anführen. Nicht nur, daß - wie gesagt - herausragende Persönlichkeiten der englischen Naturwissenschaften aus dem Umkreis des Puritanismus herstammten, sondern darüberhinaus waren die Puritaner auch entscheidend an der Etablierung eines modernen, auf die Naturwissenschaften und ihre technische Anwendung zugeschnittenen Bildungssystems beteiligt (vgl. dazu MERTON 1985, bes. S. 66ff, MUSSON 1977, S. 74f u. PRATT 1985, S. 46ff).

Es scheint also gerechtfertigt, Beziehungen zwischen der quäkerischen Herkunft Taylors und seiner technisch-praktischen Ausrichtung herzustellen, denn Taylor und seine Schüler betrachten, wie es spätere Ansätze der Organisationstheorie in kritischer Absicht herausstellen, die Verhältnisse und Beziehungsgefüge innerhalb des ökonomischen Betriebs nicht in der rein theoretischen Perspektive des Naturwissenschaftlers, sondern in der Perspektive des praktisch orientierten Ingenieurs (MARCH / SIMON 1958, S. 19, ähnlich schon GOTTL-OTTLILIENFELD 1923, S. 146).

Nebenbei sei bemerkt: Wenn man aus diesem ingenieursmäßigen, praktischen Impetus ein grundsätzliches wissenschaftliches Defizit des Taylor-Systems ableitet (vgl. z.B. WUPPER-TEWES 1995, S. 55ff, ähnlich auch KIESER 1993), so verkennt man das ausdifferenzierte Verhältnis zwischen technischen Wissenschaften und "strengen" Naturwissenschaften, wie es sich schon in der Renaissance-Epoche herausgebildet hat. Die Perspektiven des Ingenieurs und des Naturwissenschaftlers besitzen zwar eine breite Schnittmenge. Beide betrachten ihre Umwelt als von Kausalgesetzen bestimmt und beide benutzen das methodisch geregelte, systematische Experiment zur Ermittlung und Absicherung ihrer Resultate (wobei den Vorläufern der Ingenieure, den frühneuzeitlichen Handwerkern und Künstlern ein Vorsprung in der Einführung dieser experimentellen und kausalanlytischen Perspektive eingeräumt werden muß; vgl. ZILSEL 1976 u. WEBER 1988, S. 439). Aber während der Naturwissenschaftler an der Gewinnung neuer, allgemeiner Naturgesetze interessiert ist, will der Ingenieur individuelle, zweckmäßige Problemlösungen in Form von manifesten Techniken hervorbringen. Er benutzt die allgemeinen Naturgesetze lediglich als pragmatisch zu handhabende "Erkenntnismittel" (M. Weber) oder als "Anhalt für das Urteil" (C. von Clausewitz) innerhalb seiner praktischen Perspektive und formuliert seine eigenen Erkenntnisse auch lediglich insoweit aus, als sie dieser, in der Regel durch außerwissenschaftliche Antriebe (Ökonomie, Bau- und nicht zuletzt das Militärwesen - für den Satiriker Laurence Sterne war es Mitte des 18. Jh. noch selbstverständlich, daß es sich bei einem Ingenieur um einen Mann handelt, der weiß, wie man Festungen bauen oder aber "knacken" kann) gesteuerten Perspektive dienlich sind (vgl. dazu KROHN 1989, S. 24ff). Insofern besagt der Begriff der modernen "Technik" mehr als eine bloße "Anwendung der Naturwissenschaft" (GOTTL-OTTLILIENFELD 1929, S. 94). Zur Kenntnis der naturwissenschaftlichen Gesetze muß die steuernde "creative ability" kommen, eine Instanz, durch die die Tätigkeit des Ingenieurs sich eher der Kategorie "art", als der Kategorie "Naturwissenschaft" annähert (SCHLESINGER 1949, S. 7; vgl. exemplarisch zum Verhältnis von Wissenschaft, Theorie und Praxis in der Rationalisierungsdiskussion auch die Ausführungen von LIPMANN 1932, S. 16ff u. die deutlich "pragmatische" Position von PENZTLIN 1950, S. 103f). Taylor selber war sich im übrigen, trotz der häufigen Rede von zu entdeckenden "Gesetzen", der praktischen "Beschränktheit" seines Wissenschaftsbegriffs durchaus bewußt, wie seine "bescheidenen" Äußerungen vor dem Komitee des Repräsentantenhauses zeigen. Die Wissenschaftlichkeit seiner Managementkonzeption scheint sich für ihn im wesentlichen über den Bezug auf explizierte und systematisch aufeinander eingestellte Prinzipien herzustellen (vgl. Testimony, S. 41; zu den Zweifeln an der Wissenschaftlichkeit Taylors s. auch HEBEISEN 1999, bes. S. 142ff).

Was nun Taylors Herkunft angeht, so ist anzumerken, daß beide Elternteile aus alten, wohlhabenden Quäkerfamilien stammen (NELSON 1980, S. 22f). Seine Mutter tritt allerdings in den 1850er Jahren einer neu gegründeten Unitariergemeinde bei und nimmt ihre Kinder mit in diese religiöse Gemeinschaft - während der Vater bei einer liberaleren Strömung der örtlichen Quäker verbleibt (vgl. KANIGEL 1997, S. 40f u. S. 48). Die Mutter Taylors folgt damit einem gängigen Verhaltensmuster wohlhabender Sektierer des 19. Jahrhunderts (am Bsp. England: PRATT 1985, S. 18). Der Unitarismus hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer "Religion der Oberschicht und des höheren Bürgerstandes" gewandelt (NEUFELDT 1988, S. 266), was generell wohl damit zu erklären ist, daß die Unitarier, die bekanntlich schon in ihren Ursprüngen in der frühen Neuzeit eine von den Humanisten getragene "Intellektuellenkirche" waren, im 18. Jahrhundert sehr stark das aufklärerische Denken rezipiert hatten und sich dadurch zu einer der liberalsten religiösen Strömungen innerhalb des anglo-amerikanischen Raums entwickelten (vgl. SCHMIDT 1962, bes. Sp. 1150; vgl. auch allgem. zum Unitarismus HOLT 1938, WILBUR 1947, SCHAUMANN 1956 u. DEPPERT (Hrsg.) 1990. Spez. zum amerik. Unitarismus s. COOKE 1902 u. HUTCHISON 1972, S. 1ff):

"Growing out of New England Congregationalism`s liberal wing, and influenced by the Transcendentalists, Unitarians rejected any hint of creed, emphasized tolerance, and embraced science, rationalism, and this world rather than the next." (KANIGEL 1997, S. 47f)

Ihre undogmatische Theologie und das weitgehende Fehlen einer amtsgeistlichen Hierarchie ließen die Unitarier für reich gewordene Sektiererfamilien attraktiv erscheinen, die, um in ihre neue Gemeinde aufgenommen zu werden, nicht "umschulen" mußten, die aber innerhalb dieser Religionsgemeinschaft eine größere Freiheit im Umgang mit den Objekten der gehobenen Kultur und der repräsentativen Kunst genießen konnten, während die Vertreter der puritanischen Tradition insgesamt, besonders aber die Quäker, dieser Lebensspähre bekanntlich ablehnend gegenüberstanden (vgl. NEVASKAR 1971, S. 90f). Nichtsdestotrotz wurden auch im Unitarismus die Kernsätze der puritanischen Kultur, die aktive ethische Durchdringung der eigenen Lebensführung und der Welt, um keinen Deut aufgeweicht. In diesem Sinne kann auch der Übertritt eines Teils der Familie Taylor nicht als Bruch mit den grundlegenden Lebensprinzipien der Quäkersekte gedeutet werden, legt doch die Mutter auch nach ihrem Übertritt typische Verhaltensmuster dieser Sekte an den Tag. Insbesonders bleibt für die Mutter wie für den Vater jenes für die Quäkersekte seit ihren Anfängen im 17. Jahrhundert typische gesellschaftliche Engagement prägend, welches etwa wohltätigen Stiftungen zugute kommt (vgl. HELD 1962, bes. S. 730f u. BERNSTEIN 1908, S. 325). Das kulturelle Engagement der beiden ist dagegen eher untypisch für Quäker und so wird man hier wohl auch den entscheidenden Grund für den Austritt aus der Sekte vermuten dürfen, die schöngeistige Betätigungen als eine "eitle" Angelegenheit zu betrachten pflegte und statt dessen predigte, auch die Mußestunden mit nützlichen Tätigkeiten auszufüllen (s. WEBER 1988, S. 191; die Interessen der Eltern an Kunst und höherer Kultur, die Taylor selber nicht teilte, betonen NELSON 1980, S. 23 u. KANIGEL 1997, S. 62f). Aber abgesehen davon, wurden gerade die amerikanischen Unitarier im Laufe des 19. Jahrhunderts von einer Erneuerungsbewegung durchdrungen, in deren Verlauf der traditionelle puritanische Begriff der "vocation" nicht nur "aufgefrischt", sondern durch das Konzept der "self culture" ausgeweitet und intensiviert wurde. Das gottgefällige Individuum zeichnet sich, folgt man den Trägern dieser Erneuerungsbewegung, gerade dadurch aus, daß es nicht nur die bei den Puritanern übliche strenge Lebensführung im privaten Umkreis an den Tag legt, sondern es bemüht sich darüberhinaus, seine "Gesellschaft zu verbessern", und "eine starke Nation" aufzubauen (NEUFELDT 1988, S. 261). Interessant ist in Zusammenhang mit Taylors Rationalisierungsprogramm eine charakteristische Äußerung eines zeitgenössischen unitarischen Geistlichen. Dieser schrieb 1880:

"God has placed us here to grow... Man... is educated by circumstances. But he can also control those circumstances, and direct the course of his life. He can educate himself; he can, by effort and thought, acquire knowledge, become accomplished, refine and purify his nature, develop his powers, strengthen his character..." (Rev. James Freeman, zitiert nach NEUFELDT 1988, S. 259)

Die Kontrolle der "Umstände" und die Perfektionierung der eigenen Kräfte und Vermögen - all das sind, wie oben versucht wurde, aufzuzeigen, entscheidende Elemente der "wissenschaftlichen Betriebsführung" Taylors.

Initiiert wurde diese reformerische Bewegung in erster Linie von einer einflußreichen Intellektuellengruppe, nämlich den sogen. "Transzendentalisten", unter denen Ralph Waldo Emerson (1803-1882), ein ehemaliger unitarischer Geistlicher und bis heute wohl der populärste Philosoph der US-Amerikaner, besonders herausragte. Emerson hatte sich zwar im Laufe einer durch den frühen Tod seiner Frau ausgelösten Lebenskrise von jeder verfaßten Religionsform distanziert, doch erarbeitete er sich in der Folge, indem er die Autoren des "deutschen Idealismus" amerikanisierte (bes. Schelling u. Hegel), eine neue, persönliche Form der philosophischen Religiösität, die sehr stark von liberaleren religiösen Kreisen, insbesonders aber von den Unitariern, rezipiert wurde. Im Zusammenhang mit dem unitarischen Konzept der "self culture" ist vor allen Dingen eine Rede mit dem Titel "Man, the Reformer" charakteristisch, die er 1841 in Boston hielt. Schon in der Einleitung der Rede heißt es emphatisch:

"... I will not dissemble my hope that each person whom I address has felt his own call to cast aside all evil customs, timidities, and limitations, and to be in his place a free and helpful man, a reformer, a benefactor, not content to slip along through the world like a footman or a spy, escaping by his nimbleness and apologies as many knocks as he can, but a brave and upright man, who must find or cut a straight road to everything excellent in the earth, and not only go honorably himself, but make it easier for all who follow him to go in honor and with benefit." (EMERSON 1982, S. 130)

Auch hier wird also das Individuum geradezu verpflichtet, seine Umwelt im Dienste seiner Mitmenschen zu verbessern. Die Antriebskraft dieser reformerischen Bemühungen verortet Emerson in den inneren, den ethischen Qualitäten der Individuen (vgl. EMERSON 1982, S. 136). Um diese aber heranzuzüchten und so zu stärken, daß sie den Konventionen und "Verlockungen" der etablierten Welt widerstehen können, empfiehlt er in echt puritanischer Manier die Arbeit, nicht zuletzt die körperliche Arbeit (vgl. EMERSON 1982, S. 135), als Erziehungsmittel, denn "labor is God`s education" (EMERSON 1982, S. 138). Sie festigt den Charakter und lehrt uns die eigenen Kräfte wie auch die Kräfte der Natur kennen. Die Kenntnis dieser Kräfte aber ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Beherrschung und Umgestaltung der Umwelt durch "Knowledge, Virtue, Power" (EMERSON 1982, S. 137; zu Emersons interessanten Überlegungen zur techn.-wis. Naturbeherrschung vgl. NEUFELDT 1982, S. 75ff). Schon diese kurze Skizze verdeutlicht, daß in der unitarischen Gemeinschaft liberal-weltlicher und reformerischer Bürgergeist mit den tradierten und "bewährten" ethischen Lehren des anglo-amerikanischen Puritanismus eine eigentümliche Ehe eingeht, deren mobilisierende Kraft gegenüber begeisterungsfähigen Jugendlichen man sicherlich nicht zu gering veranschlagen darf. Man findet das "Charisma" dieser ethischen Bewegung ohne große intellektuelle Mühe in dem zähen und selbstbewußten Eifer wieder, mit dem der junge Taylor die praktischen Experimente, die schließlich in die Ausarbeitung seines Systems münden, gegen alle Widerstände durchführt. Man findet es aber auch in dem unermüdlichen öffentlichen Wirken wieder, mit dem der altgewordene Taylor sein System propagiert und verbreitet, um nicht nur die amerikanischen Industriebetriebe, sondern die amerikanische Gesellschaft als Ganzes zu reformieren (s.u.).

Aber auch abgesehen von dieser zeitgenössischen geistigen Bewegung innerhalb des unitarischen Bürgertums korrespondiert Taylors Konzept offensichtlich mit der generellen Aufforderung des Puritanismus und seiner verschiedenen Spielarten, mit der Zeit sorgsam umzugehen, sie als eine kostbare Ressource zu betrachten, die es rational auszunutzen gilt. Treffend formulierte dies schon im 17. Jahrhundert der englische Geistliche Richard Baxter, bekanntlich die Hauptquelle Webers:

"Keep up a high esteem of time and be every day more careful that you lose none of your time, then you are that you lose none of your gold and silver. And if vain recreation, dressings, feastings, idle talk, unprofitable company, or sleep, be any of them temptations to rob you of any of your time, accordingly heighten your watchfulness." (zitiert nach WEBER 1988, S. 168; vgl. dazu auch NEUMANN 1988, S. 160ff)

Die ethische Verpflichtung des Puritaners die von Gott gegebene Zeit in Form eines geordneten Tagesablaufs zu nutzen, wird dann gewissermaßen bei Taylor auf die Mikrostruktur des menschlichen Handelns ausgedehnt. Nicht mehr "eitle" Musestunden gilt es auszumerzen, sondern überflüssige Handgriffe, die im Arbeitsablauf unnötige Sekunden kosten könnten, denn: ".. time remains one of the most important elements" (Testimony, S. 160).

Auf diese biographischen Hintergründe und auf das religiöses Umfeld der Taylor-Familie gehe ich hier nur deshalb ein, weil sie zeigen, daß Taylor in einem "Milieu" groß wurde, das noch deutlich von den Verhaltensmaximen des Quäkertums, aber auch ganz allgemein der puritanischen Kultur, vertreten durch die Lehren der Unitarier, durchdrungen war (Auch KANIGEL 1997, S. 74 deutet Taylor beiläufig als eine typisch puritanische Persönlichkeit.). Trotz der Tatsache, daß Frederick W. Taylor sich anders als seine Eltern in der Unitarierkirche niemals sonderlich stark engagiert hatte, kann man also annehmen, daß zumindest seine prägenden Kindheitsjahre starken religiösen Einflüssen ausgesetzt waren. Im übrigen ist sich Taylor, der gerade in Deutschland nicht selten als exponierter Vertreter eines "seelenlosen" Materialismus betrachtet wurde und wird, der stabilisierenden, verhaltenssteuernden Bedeutung der religiösen Ethik durchaus bewußt, wie eine von Pathos getragene Äußerung vor dem Komitee des Repräsentantenhauses zeigt:

"I think there is nothing more stable in life than our convictions. If there is anything stable in life it is a state of mind. It is principles, and there is nothing more permanent than the principles which have become deep rooted in us. The principles of religion, the principles which govern men`s daily actions are the most stable things in us. Our outward acts may change, our knowledge may change, our views may change, but once we have fundamental principles they rarely change materially." (Testimony, S. 257)

Hier wird auch deutlich, daß die psychologischen - um nicht zu sagen: "psychopathologischen" - Erörterungen Kakars, der, um die Antriebe zur Kreation der technischen Konzeption Taylors zu erklären, eine neurotische Beziehung zu seinen Eltern - speziell zu seiner Mutter - konstruiert, abwegig sind. Für ihn stellen Taylors Bemühungen um eine Methodisierung der Arbeit lediglich Versuche dar, seine "personal restraints" abzusichern, die dann zu "autocratic attempts at controlling others" mutieren (KAKAR 1970, S. 22). Wenn sich aber, wie oben skizzenhaft gezeigt wurde, Taylors Denk- und Verhaltensmuster in die typische puritanische Kultur des 19. Jahrhunderts einfügen, so erscheinen zusätzliche, auf die "Seelenlage" Taylors gerichtete Konstruktionen, gemäß dem Prinzip des Ockhamschen Rasiermessers, als unnötig - zumal Kakars Ansatz auf äußerst problematischen empirischen Annahmen ruht (vgl. NELSON 1980). Ein Beispiel: Kakar leitet aus der Tatsache, daß Taylor eine "nicht standesgemäße" Lehre in einem Produktionsbetrieb aufnimmt, eine Auflehnung gegen die Autorität des Vaters ab - mit anderen Worten: eine höchst irrationale Verhaltensweise (vgl. KAKAR 1970, S. 28ff). Betrachtet man jedoch die Stellung der Ingenieure in der damaligen amerikanischen Industrie (s.o.), so erscheint Taylors Vorgehen als höchst rational und "karrierebewußt", denn durch die praktische Ausbildung, die er durch ein theoretisches Fernstudium ergänzte, verbesserte er seine beruflichen Chancen.


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