Der Taylorismus: eine säkularisierte "protestantische Ethik"

"... the whole idea underlying our system is justice and not severity."

FREDERICK WINSLOW TAYLOR vor dem Komitee des House of Representatives

Für den Gang der weiteren Argumentation möchte ich nun aber die biographische Ebene verlassen. Interessanter erscheint es mir, an einem der grundlegenden Werke Taylors, den "Grundsätzen wissenschaftlicher Betriebsführung", einer Art populärwissenschaftlicher Zusammenfassung seines Systems für ein breiteres Publikum, religiöse Einflüsse nachzuweisen, denn auf dem ersten Blick handelt es sich hierbei um ein rein säkularistisches Werk, dessen religiöse "Einschlüsse" daher um so stärker für eine tiefgreifende kulturelle Vorprägung des Rationalisierungsgedankens sprechen. "Säkularisierung", so die klassische Definition von Lübbe, ist zwar gleichzusetzen mit der "Entlassung einer Sache, eines Territoriums oder einer Institution aus kirchlich-geistlicher Observanz und Herrschaft" (LÜBBE 1975, S. 23), doch impliziert eine derartige formell-institutionelle Freisetzung nicht notwendigerweise den Verlust der fortdauernden kulturellen Prägekraft religiöser Denk- und Lebensformen.

Um nun die Auseinandersetzung mit dem Taylorschen Text nicht zu sehr in die Breite gehen zu lassen, möchte ich mich im wesentlichen auf drei grundlegende Aspekte des von der innerweltlichen Askese geprägten puritanischen Habitus beschränken, die in dem oben angeführten Weber-Zitat hervorgehoben werden, nämlich der Auffassung der Arbeit als einer rational zu erfüllenden Pflicht, der Unterordnung der Persönlichkeit unter den rationalen Verband, der in diesem Falle näher als das moderne Erwerbsunternehmen spezifiziert werden kann, und schließlich die Ablehnung willkürlich-traditonaler Macht, die durch legitime und verallgemeinerbare Regeln abgelöst werden soll.

Arbeit erscheint in Taylors Werk auf den ersten Blick als bloße Kraftäußerung zur Erreichung von Zwecken, als mechanische Bewegung, die mit den Leistungen einer Maschine prinzipiell vergleichbar ist, und tatsächlich mußte Taylor sich schon zu Lebzeiten gegen den Vorwurf wehren, er verwandle den Arbeiter in eine bloße Maschine (TAYLOR 1977, S. 61 u. S. 134). Doch ließt man seinen Text genauer, so muß man bemerken, daß Taylor durchaus nicht nur an der planmäßigen Abwicklung der äußeren Bewegungsabläufe des Arbeiters interessiert ist, sondern darüberhinaus auch an der inneren Haltung des Arbeiters zu seiner Tätigkeit. Seine Methode setzt, so Taylor, eine "vollständige Umgestaltung der Auffassung der Arbeiter über ihre Stellung zur Arbeit" voraus (TAYLOR 1977, S. 106). Natürlich ist dieses Interesse Taylors am Seelenleben der Arbeitskräfte zunächst von dem Gesichtspunkt geleitet, daß nur eine subjektive Hinnahme der vorgegebenen Arbeitsregeln auf Dauer deren Einhaltung gewährleisten kann. Doch erschöpft sich dieses Interesse nicht in diesem "systemstabilisierenden" Aspekt der geistigen Haltung des Arbeiters. Denn nach Taylor ist die zweckmäßige und effektive Ausführung der Arbeit durchaus auch als "Pflicht" aufzufassen, ein Begriff, der in seinem Buch wiederholt gebraucht wird und zwar in der für den säkularisierten Puritanismus typischen engen Verknüpfung mit dem legitimen Eigeninteresse, dem "Vorteil" (z.B. TAYLOR 1977, S. 3, Testimony, S. 27, S. 40ff u.ö.). Gelingt es nämlich, den Arbeiter über die Einsicht in sein Eigeninteresse von der eigenen Verpflichtung zur exakten, vorgabengemäßen Verrichtung der Arbeit zu erziehen, so rückt jener gesellschaftliche Zustand nahe, in welchem "jeder einzelne die Arbeit tut, die für ihn am besten paßt, jeder seine Individualität wahrt und sein spezielles Gebiet voll beherrscht, wo trotzdem niemand etwas von seiner Originalität und seinem persönlichen Arbeitsinteresse (Initiative) verliert und doch unter dem dauernden kontrollierenden Einfluß vieler anderer steht, mit denen er harmonisch zusammenarbeitet." (TAYLOR 1977, S. 152). Die effektive Ausführung der Arbeit soll also, über die Lohntüte hinaus, dem Arbeiter eine Befriedigung geistiger Art verschaffen. Er kann den Wert seiner Persönlichkeit unter Beweis stellen, indem er sich als "funktionsadäquat" "bewährt", indem er sich in seinem beruflichen Tun perfektioniert (charakteristisch: TAYLOR 1977, S. 134f). Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Äußerung des Tayloristen Leffingwell, der sich auf die Fragen der Büroorganisation spezialisiert hatte. Er schreibt:

"To the average worker, a job is a mean of earning money... The days of the old-fashioned, good, meticulous clerk who was proud of his calling are, unfortunately, almost gone. It is the aim of scientific management to bring back this pride by systematically and thoroughly eliminating those things that have crept into clerical work..." (zitiert nach EICHENAUER 1933, S. 249)

Die wissenschaftliche Betriebsführung wird hier geradezu als Möglichkeit vorgestellt, den verschwunden Berufsbegriff ("calling"), der Puritaner einer Resurrektion im theologischen Sinne zu unterwerfen. Im übrigen muß betont werden, daß es hier nicht um die Frage geht, ob die von tayloristischen Methoden betroffenen Arbeiter in den USA oder anderswo auch tatsächlich so dachten. Man wird wohl vermuten dürfen, daß Taylor die Arbeiter insgesamt im hohen Maße zum Projektionsobjekt seiner eigenen ethisch-praktischen Ideale macht (zu Taylors realistischer, ressentimentfreier Sicht der Arbeiter s. aber: Testimony, S. 24). Allerdings fällt auf, daß die meißten der zu Lebzeiten Taylors gescheiterten Versuche, Industriebetriebe nach seinen Prinzipien umzustellen, in den USA nicht am Widerstand der Arbeiter zerbrachen, denen beispielsweise die Einengung der Willkürmethoden der Vorarbeiter erhebliche Vorteile brachte, sondern an den Skrupeln der Unternehmer und Manager, die sich durch die neu im Betrieb etablierten bürokratischen Strukturen und Regelwerke zu sehr eingeengt fühlten (vgl. NELSON 1975, S. 75f).

Die Anerkennung der Fähigkeiten des Arbeiters findet - um zur Analyse des Taylor-Textes zurückzukehren -, wie obiges Zitat zeigt, durch die Eingliederung in die dem arbeitsteiligen Betrieb zugrundeliegende menschliche Gemeinschaft statt, die den Arbeiter zwar kontrolliert, mit der er aber, sofern er für seine Tätigkeit geeignet ist, harmonisch zusammenleben kann. Die durch die Arbeit vollzogene Eingliederung in eine kooperierende Gruppe, in der "Arbeitsteilung und Handinhandarbeiten" an die Stelle der "individuelle(n) Selbständigkeit" tritt (TAYLOR 1977, S. 152), verweist auf einen weiteren, oben angesprochenen Aspekt der protestantischen Ethik, nämlich die von ihr geforderte Unterordnung unter einen rationalen Zweckverband, in dessen Pflichtvorgaben das Individuum aufzugehen hat. Gleich zu Beginn des Buches heißt es programmatisch:

"Bisher stand die >Persönlichkeit< an erster Stelle, in Zukunft wird die Organisation und das System an erste Stelle treten. Daraus ist aber nicht etwa der Schluß zu ziehen, daß man keine bedeutenden Persönlichkeiten mehr braucht. Im Gegenteil, die Aufgabe eines jeden guten Systems muß es sein, sich erstklassige Leute heranzuziehen, und bei systematischem Betrieb wird der beste Mann sicherer und schneller in führende Stellung gelangen als je zuvor." (TAYLOR 1977, S. 4)

Deutlich wird hier eine Auffassung der menschlichen Persönlichkeit, die deren Einschätzung und Evaluierung entscheidend von ihrer Fähigkeit, sich dem ökonomischen Verband und seinen Regeln einzuordnen abhängig macht. Die Persönlichkeit verliert dabei nicht an Individualität. Vielmehr muß sie den Wert ihrer Individualität schärfer als sonst durch die Bewährung im Betrieb unter Beweis stellen (charakteristisch der Vergleich mit einem Sportteam: Testimony, S. 46).

Der rationale Verband, also das Unternehmen, dem sich die Menschen, die in ihm zusammengefaßt sind, unterordnen sollen, ist allerdings selber "ethisch" durchdrungen. Ziel des Taylorismus ist es, den Betrieb anhand legitimistischer und rationaler Regeln so zu strukturieren, daß die geforderte Unterordnung unter seine Belange von den Individuen ohne Aufgabe ihrer Würde und ihrer Selbstachtung vollbracht werden kann. Denn nicht nur vom einfachen Arbeiter ist die Einhaltung der Arbeitsvorgaben zu fordern, sondern auch von den Vorarbeitern, den Managern und Unternehmern. Die unter rationalen und Effizienzgesichtspunkten herausgearbeiteten Regeln sollen namentlich die Verantwortung der einzelnen Gruppen innerhalb der Unternehmenshierarchie festlegen und zwar nicht zuletzt auch unter dem Gesichtspunkt der "Fairneß". So soll etwa die Verantwortung des einzelnen Arbeiters gegenüber dem Betriebssystem auf die korrekte Ausführung seiner vorgegebenen Handlungsmuster beschränkt werden. Die Verantwortung für die Planung und Vorbereitung seiner Arbeit, die die traditionale Betriebsverfassung ebenfalls dem Arbeiter aufhalste, geht dagegen gerechterweise an die Betriebsleitung, bzw. an das Arbeitsbüro über (TAYLOR 1977, S. 26). Der Arbeiter wird dadurch von diversen Störfaktoren entlastet, wodurch er die Möglichkeit, über das Leistungslohnsystem sein Einkommen zu verbessern, erst voll ausnutzen kann. Auch die Normen, die diesem Leistungslohnsystem zugrunde liegen, sollen nach offengelegten Prinzipien und unter fairen Bedingungen erstellt werden. Taylor selber distanziert sich hier auch von "unautorisierten" Anwendungsformen seiner Methoden, die schon kurze Zeit, nachdem er begonnen hatte, für ihre Verbreitung publizistisch zu wirken, häufig als Instrument mißbraucht wurden, aus den Arbeitern ein unerträgliches Maß an Leistung herauszupressen (TAYLOR 1977, S. 144). Dabei ist insgesamt beachtenswert, daß die Legitimität der betriebsinternen Regeln, die der Taylorismus etablieren möchte, also die Tatsache, daß sie die Annahme und Akzeptanz der von ihnen tangierten Personen erheischen, auf zwei Fundamenten ruht. Sie garantieren die Effizienz des Betriebes, der dadurch in der Konkurrenzwirtschaft fortbestehen kann, sie garantieren aber auch die Steigerung des Wohlstands der Arbeiter wie auch der Unternehmer. Der rationale Betriebsverband deckt sich also in seinen Zielen mit den Interessen der Arbeiter. Die Unterordnung unter seine Belange wird nicht einfach "autoritär" im kontinentaleuropäischen, speziell deutschen Sinne gefordert, sie kann sich vielmehr durch vernünftige, vom Arbeiter einsehbare Prinzipien rechtfertigen.

Über diese drei Grundprinzipien der protestantischen Ethik hinaus kann man aber auch eine spezifische, oben bereits am Beispiel der Eltern Taylors aufgezeigte Eigenart des Quäkertums wie der Unitarier mit dem Taylor-System veknüpfen, nämlich das gesellschaftliche Engagement. Bereits die Quäker des 17. Jahrhunderts legten diese Eigenart an den Tag. Sie gingen in die Hospitäler, um dort die Kranken zu pflegen. Später im 18. und 19. Jahrhundert setzten sie sich für Reformen des Strafvollzugs, für die Etablierung von Schulen und Arbeitshäusern und für die Abschaffung der Sklaverei ein. Von Taylor berichtet nun sein Biograph Nelson, daß er das gesellschaftliche Engagement seiner Eltern nicht fortgesetzt habe und also insofern einen Bruch mit den religiös vermittelten Familientraditionen einleitete. Dies muß aber meiner Ansicht nach relativiert werden. Denn tatsächlich zielt Taylors System, wie er immer wieder betont, nicht lediglich auf betriebsinterne Effizienzsteigerungen. Diese steht vielmehr selbst nur im Dienste höherer, gesellschaftlicher Ziele, denn durch die Steigerung des Sozialprodukts kann der ewige, unfruchtbare und destruktive Verteilungskampf zwischen Unternehmern und Arbeitern abgelöst werden (TAYLOR 1977, S. 7, Testimony, S. 30 u.ö.; vgl. dazu auch BENDIX 1956, S. 355ff u. SCHWELING 1977). Die Gesellschaft wird durch diesen gesteigerten Wohlstand insgesamt pazifiert. Aber neben Arbeitern und Unternehmern profitiert auch die sogenannte "dritte große Partei", die Konsumenten nämlich, von dieser Wohlstandssteigerung. Ähnlich wie Henry Ford geht Taylor davon aus, daß Effizienzsteigerungen in den Betrieben sich in niedrigeren Preisen auf dem Markt niederschlagen müssen (TAYLOR 1977, S. 15 u. S. 146f).

Der deutsche Leser der Taylorschen Schriften wird in diesen Gedanken natürlich eine Vorwegnahme eines wichtigen Kernelements des ordnungspolitischen Konzepts der "Sozialen Marktwirtschaft" erkennen. Heißt es doch etwa bei Müller-Armack in einem Text aus den 70er Jahren:

"Die Soziale Marktwirtschaft ist der geschichtliche Versuch, alle Gruppen auf das engste an Ergebnisse und Erfolge des expandierenden Marktes anzuschließen. Darin liegt eine innere Entspannung der Gruppenbeziehungen, ein Zurücktreten vordergründig erlebter Konflikte im Hinblick auf Vorteile, die jede Gruppe aus dem Funktionieren des Ganzen zieht." (MÜLLER-ARMACK 1981, S. 162)

Ein wichtiges Kernelement dieses Wirtschaftsstils wird somit in seinen christlichen Wurzeln kenntlich, wie überhaupt die Vorstellung, daß Armut nicht als gottgegebener Stand, sondern als überwindbarer Zustand zu betrachten ist, untrennbar mit dem protestantischen Sektenwesen verknüpft ist (vgl. MÜLLER-ARMACK 1959, S. 230ff u. NEVASKAR 1971, S. 99ff). Denn die Sektierer betrachteten die Armut weder als angeborenen Stand, wie es ihre katholischen Zeitgenossen zu tun pflegten, noch sahen sie in der Armut ein äußeres Zeichen mangelnder göttlicher Gnade, wie die strengen Calvinisten, von deren Prädestinationslehre sich besonders die Quäker und die Methodisten bekanntlich distanziert hatten.

Am deutlichsten aber treten die religiösen Einschlüsse in Taylors Konzept der wissenschaftlichen Betriebsführung an einer Stelle zu Tage, an der er sich über die, in seinen Augen positiven Auswirkungen der Arbeitsnormierung und Arbeitsregulierung auf das Privatleben der Arbeiter äußert. Dort heißt es:

"Nun hatten wir durch eine Reihe von Experimenten... gefunden, daß solche Arbeiter, denen man ein sorgfältig abgemessenes, wenn auch gut bemessenes Tagespensum zuteilt und für die Extraanstrengung den normalen Lohn um 60% erhöht, nicht nur haushälterisch sondern auch in jeder Beziehung wertvoller für die menschliche Gesellschaft werden; sie leben viel besser, fangen an zu sparen, werden nüchtern und arbeiten regelmäßiger." (TAYLOR 1977, S. 77)

Aus solchen Worten, so möchte man sagen, spricht der Stolz eines Sektierers, der einen Proselyten gewonnen hat. Als wertvoller Nebeneffekt der wissenschaftlichen Arbeitsrationalisierung wird die Rationalisierung der gesamten Lebensführung der von den Optimierungsbemühungen betroffenen Arbeiter eingeführt, die, ganz im Sinne der alten Puritaner, von ihrem Beruf ausgeht um das Leben als ganzes zu "heiligen". Ganz ähnlich spricht Taylor vor dem Komittee des Repräsentantenhauses, das ihn im Jahre 1912 über seine Managementkonzeption befragt, emphatisch davon, das sein System die Arbeiter "into higher types of men" verwandelt (Testimony, S. 139).

Als Fazit läßt sich ziehen, daß zwar die konkreten Inhalte und Ausformungen des Taylor-Systems aus den strukturellen Schwächen der amerikanischen Industrie der 1880er und 1890er Jahre zu erklären sind, daß aber der allgemeine Antrieb zur Ausbildung dieses Systems aus den säkularisierten puritanischen Werten hergeleitet werden kann. Weber und andere Autoren hatten deutlich gemacht, daß diese Werte ihre Träger dazu anleiteten, ihre gesellschaftliche und natürliche Umwelt vermittels ihrer wissenschaftlichen Durchdringung und mit Hilfe rationaler ökonomischer Verhaltensmuster einer systematischen Kontrolle zu unterwerfen. Auch sollte diese Kontrolle zu einer optimierenden Umgestaltung dieser Umwelt führen, die erst die Erreichung der ethisch geforderten menschlichen Zwecke möglich machte.

Taylor nun kann als eine Persönlichkeit gedeutet werden, die dieser allgemeinen Charakteristik der puritanischen Ethik weitgehend entspricht. Er geht an die ökonomisch-technischen Probleme des modernen Unternehmens mit einem wissenschaftlich gestützten und systematisch ausgerichteten, praktischen Gestaltungswillen heran, und bemüht sich, diese schrittweise der rationalen Kontrolle zu unterwerfen. Aber über dieses Gesamtziel seines Systems hinaus, welches sich insoweit mit der puritanischen Ethik überschneidet, lassen sich an vielen Einzelelementen seines Werkes religiöse "Rückstände" ausmachen. Insofern war es kein historischer "Zufall", daß Taylors System, welches schließlich bis heute das Grundmuster aller Rationalisierungskonzepte abgibt, in den USA entstanden ist, also in derjenigen Kultur, die am stärksten durch puritanische Werte geprägt wurde.


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