VORBEMERKUNG

Zur Geschichte des Rationalisierungsbegriffs

"Der industrielle Betrieb beruht aber nicht allein auf technischem Schaffen, er setzt auch wirthschaftliche Überlegung, ja sogar specielle ökonomische Erfindungen voraus. Hier herrscht noch fast allein die Empirie. Und doch wäre auch in dieser Richtung exakte Erkenntniss und genaue mathematische Berechnung ebenso nothwendig, wie in technologischer Beziehung... Die wirthschaftlichen Grundsätze, welche im industriellen Schaffen aller Art in so massgebender Weise und in ungemein detaillierten, den Verhältnissen genau angepassten Methoden zur Geltung kommen, diese Grundsätze, welche die Organisation der Unternehmung... allein begründen, haben bisher aber auch in der Nationalökonomie nicht Aufnahme gefunden, sondern werden von dieser als zu fremdem Terrain gehörig betrachtet."

EMANUEL HERRMANN, >Prinzipien der Wirthschaft< (1873)

Als die deutsche Wirtschaft 1923/24 aus der Periode der Inflation heraustrat, sahen sich die Unternehmen vor große Probleme gestellt. Die unkoordinierten, volks- und betriebswirtschaftlich gesehen oft irrationalen Maßnahmen der Kriegswirtschaft von 1914/18 hatten die internationale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen stark beschnitten, was sich nun, nachdem die künstliche Exportförderung durch die "billige" Reichsmark weggefallen war, nicht zuletzt in sinkenden Absatzzahlen auf dem durch eine insgesamt stärkere Konkurrenz geprägten Weltmarkt der Nachkriegszeit niederschlug - eine für die seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stark exportorientierte deutsche Industrie empfindliche Entwicklung (zur summarischen Beurteilung der Kriegswirtschaft und ihrer Folgen vgl. SCHIFFER 1928, S. 5ff, BECKERATH 1930, S. 212ff sowie aus hist. Distanz: FELDMAN 1994). Die folgenden Zahlen sollen dies kurz veranschaulichen (entnommen aus WAGENFÜHR 1933, S. 33):

 

1913

1925

1926

1927

1928

1929

1930

1931

Industrieproduktion

100

83

79

100

102

102

90

69

Industrielle Ausfuhr

100

66

79

82

85

95

95

84

Ausfuhrquote

26,5

21,3

26,5

21,6

22,0

24,7

29,0

31,9

Die Tabelle vergleicht die Höhe der Industrieproduktion, die Ausfuhr und die Ausfuhrquote Deutschlands mit dem Basisjahr 1913. Die Zahlen zeigen, daß die deutsche Industrie zwar ihre Vorkriegsproduktion 1927 wieder erreichen konnte, daß aber der Export in dieser Entwicklung zurück blieb. Seine Quote steigert sich erst in den Jahren der Wirtschaftskrise, als anscheinend die Nachfrage im Binnenmarkt im stärkeren Maße wegfiel, als auf dem Weltmarkt. Trotzdem sinkt 1931 die Summe der Gesamtausfuhr wieder ab, und das traditionelle Exportland Deutschland ist insgesamt in den 1920er Jahren ein Land des Importüberschusses.

Die Ford-Werke in Detroit

Die Ford-Werke in Detroit

Aufnahmen aus den Ford-Autowerken in Detroit (USA). In den 1920er Jahren wurde dieser riesige Betrieb zu einer Pilgerstätte für deutsche Unternehmer, Manager, Ingenieure und Gewerkschaftler, die sich Einblicke in die volks- und betriebswirtschaftlichen Möglichkeiten industrieller Rationalisierung erhofften. Charakteristisch für die Fordsche Unternehmensstrategie sind die - ursprünglich aus der Lebensmittelverarbeitung übernommenen - automatischen, zeitgetakteten Transportvorrichtungen (sogen. Conveyor), die die Werkstücke während ihrer Montage von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz bringen und so den Arbeitsablauf "maschinell" organisieren (zu Ford s. auch HOUNSHELL 1985, S. 217ff).

Abhilfe erhoffte man sich durch die Rezeption neuer Technologien und Management- bzw. Organisationsformen, wie sie in den USA in der Vorkriegszeit entstanden waren. Diese neuen ökonomischen Vorbilder sollten zu einer betrieblichen Effizienzsteigerung sowie zu einer Senkung der Stückkosten der Unternehmen führen, die dadurch ihre Konkurrenzfähigkeit wiedererlangen wollten. Die Formen der Rezeption dieser amerikanischen Muster, die schon bald enthusiastische Grade erreichte, umfaßten "Bildungsreisen" in die USA (vgl. NOLAN 1994) und vor allen Dingen eine Flut an wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen und politischen Publikationen, deren Umfang heute nicht mehr zu überblicken ist (stellvertretend: HIRSCH 1925, KOETTGEN 1925 u. RIEBENSAHM 1925). Auch wurden - z.T. auf Initiative des VDI - eine Reihe von Organisationen gegründet, die die Umsetzung der neuen amerikanischen Vorbilder in die betriebliche Praxis als Gemeinschaftsaufgabe betreiben sollten (z.B. RKW, REFA, AWF, DIN etc.) (s. dazu HINNENTHAL 1927, MÖNNIG 1928, REUTER (Hrsg.) 1932, S. 3ff, BÜTTNER 1973, PECHHOLD 1974, WÖLKER 1992 u. die Linksammlung).

Georg Schlesinger (1874-1949)

GEORG SCHLESINGER, Professor für Betriebswissenschaft und Maschinenbau in Berlin. Einer der wichtigsten wissenschaftlichen "promoter" der Rationalisierungsbewegung in der Weimarer Republik, der später durch den braunen Terror vertrieben wurde (s. SPUR 1979)

1874-1949

 

Ihr gemeinschaftsstiftendes "Schibboleth" fand diese Rezeptionsbewegung schon bald in dem Begriff der "Rationalisierung", der zu einem der beliebtesten Schlagworte der öffentlichen Diskussion in der Weimarer Republik avancierte (s. zur Begriffsgeschichte auch URWICK 1930, S. 1ff u. S. 129ff sowie WUPPER-TEWES 1995, S. 36ff). Populär wurde der Begriff vor allen Dingen durch die esoterisch anmutenden Essays des Nationalökonomen Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld (1868-1958) (vgl. insges. WEIPPERT 1965), der auch den Anspruch erhob, den Begriff am Vorabend des 1. Weltkrieges zum ersten Mal in seiner modernen Bedeutung benutzt zu haben (s. bes. GOTTL-OTTLILIENFELD 1929, S. 2f; vgl. auch WALTHER 1914 (bes. S. 6 u. S. 8), eine von Gottl-Ottlilienfeld betreute Dissertation). Auch die kulturkritisch unterlegten Schriften des damals viel gelesenen Wirtschaftshistorikers und Soziologen Werner Sombart (1863-1941) dürften eine Rolle bei der Diffusion des Begriffes gespielt haben (vgl. z.B. SOMBART 1928 u. SOMBART 1987, S. 712ff), zumal er sich auch schon in Vorkriegspublikationen Sombarts als Bezeichnung für eine allgemeine, die neuzeitliche Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur durchziehende geschichtliche Tendenz findet (s. z.B. SOMBART 1913, S. 84 u. SOMBART 1913a, S. 137ff, S. 285ff, S. 306ff u. S. 328). Anscheinend steht die früheste - lediglich beiläufige - Verwendung des Begriffs der "Rationalisierung" bei Sombart in der ersten Auflage seines "Modernen Kapitalismus" (vgl. SOMBART 1902, Bd. II, S. 70), wobei sich der Begriff hier noch nicht auf ökonomisch-organisatorische Aspekte, sondern vielmehr auf die spezifisch okzidental-neuzeitliche, interne "Verwissenschaftlichung" der Technik bezieht (gemeint ist die Ablösung empirischer Faustregeln durch experimentelle Erkenntnisse der professionellen Physik und Chemie), die dann indirekt auch der betrieblichen Organisation des kapitalistischen Wirtschaftssystems zugute kommt und - so Sombart - für deren eigentümliche Dynamik verantwortlich zeichnet. Wo Sombart in der ersten Auflage seines Hauptwerkes auf ökonomisch-organisatorische Aspekte des kapitalistischen Betriebes zu sprechen kommt, verwendet er den Begriff der Rationalisierung - anders als in der zweiten Auflage - noch nicht, sondern spricht vielmehr lediglich von technischem und ökonomischem "Rationalismus", den er als eine "subjektive" Voraussetzung des Kapitalismus, als Teil des "kapitalistischen Geistes", behandelt (s. z.B. SOMBART 1902, Bd. I, S. 378ff).

Überhaupt muß betont werden, daß der Begriff der Rationalisierung bereits vor Ausbruch des Krieges gängiger Bestandteil der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur war (- und natürlich auch der "psychoanalytischen" Literatur. Doch kann ich beim besten Willen keine Beziehung zwischen der Freudschen Verwendung des Begriffes und der technisch-ökonomischen feststellen). Ein etwas kurios wirkendes Beispiel hierfür bietet eine bevölkerungswissenschaftliche Studie aus dem Jahre 1912, die den Untertitel trägt: "Die Rationalisierung des Sexuallebens in unserer Zeit" (vgl. WOLF 1912). Hier bezieht sich der Terminus freilich noch nicht in erster Linie auf technisch-organisatorische Aspekte (diese Aspekte des Sexuallebens wurde bekanntlich eher in außereuropäischen Kulturen, spez. in Indien, "rationalisiert"), sondern auf die geistige Haltung der Elternpaare zur Anzahl der gewünschten und schließlich auch "produzierten" Kinder, die in ihrer sozioökonomischen und kulturellen Bedingtheit sowie hinsichtlich ihrer demographischen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen untersucht wird.

Der Begriff der Rationalisierung hat jedoch, was häufig übersehen wird, ältere Wurzeln, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Er scheint ursprünglich von dem Begründer des "wissenschaftlichen Sozialismus", Karl Marx (1818-1883) (vgl. insgesamt zu Marx KORSCH 1967), kreiert worden zu sein, der in seinem Hauptwerk, dem "Kapital", eine zunehmende, durch die "kapitalistische Produktionsweise" vorangetriebene Modernisierung der Landwirtschaft (neue Betriebsformen, Agrarchemie) konstatierte und der in diesem Zusammenhang - in Anlehnung an den Agrarwissenschaftler Albrecht Thaer (1752-1828) (vgl. insges. WOERMANN 1959) - von einer "Rationalisierung der Agrikultur" sprach (MARX 1987, S. 631). Der Nationalökonom und Kulturwissenschaftler Max Weber (1864-1920), der sich in den 1890er Jahren intensiv mit Marx auseinandersetzte, ohne freilich jemals theoretisch oder gar politisch ein "Marxist" gewesen zu sein (vgl. etwa die überdeutliche, wohl auf Provokation der Zuhörer zielende Verwendung Marxscher Terminologie in einem Vortrag aus dem Jahre 1894: WEBER 1988d, S. 470ff. Aber auch in einer 1918 in Wien gehaltenen Rede nennt Weber das Marxsche >Manifest< von 1848 eine "wissenschaftliche Leistung ersten Ranges". Vgl. WEBER 1988a, S. 504f. Im übrigen dürfte auch Sombart den Begriff der "Rationalisierung" von Marx übernommen haben, zumal er auch später, nachdem er sich vom offenen Sympathisanten der SPD zum apolitischen Kulturkritiker gewandelt hatte, stets den wissenschaftlichen Vorbildcharakter des Marxschen Werkes hervorhob. Vgl. dazu BROCKE 1987. Betont werden muß auch, daß Sombart dem Begriff der Rationalisierung erst dann eine zentrale Stelle in seinen Büchern einräumte, nachdem er von Weber aufgegriffen und in seiner Bedeutung entfaltet worden war.), übernahm diesen Begriff, der, wenn ich es richtig sehe, zunächst in der Erstfassung der "Protestantischen Ethik" von 1904/05 auftaucht (vgl. WEBER 1993, S. 78; parallel dazu auch schon in einem gleichzeitig entstandenen wissenschaftstheoretischen Aufsatz: WEBER 1988e, S. 203). Der Begriff dient hier zur Charakterisierung des Einflusses der calvinistischen Theologie auf das Innenleben, die ethische Haltung, überhaupt auf die Lebensführung ihrer Anhänger. Seinen Vorläufer findet dieses Modell neuzeitlich-bürgerlicher Selbsteinschätzung und Praxis, wie Weber an dieser Stelle betont, im mittelalterlichen Mönchswesen mit seiner "systematisch durchgebildeten Methode rationaler Lebensführung" (WEBER 1993, S. 78), die sich an einem einheitlichen Bündel theologisch-moralischer Prinzipien orientiert. Kurze Zeit später dehnt Weber die Verwendung des Rationalisierungsbegriffes auch auf andere Phänomene aus, z.B. auf organisatorische Probleme innerhalb der zeitgenössischen Betriebsökonomie und Personalwirtschaft (vgl. WEBER 1988a, S. 155), oder auf technische Vergleiche zwischen altägyptischer und moderner Bürokratie (WEBER 1988a, S. 414; hier als Adjektiv). Ebenfalls in dieser Zeit findet sich auch schon der Begriff des "Rationalisierungsprozesses" als Bezeichnung für spezifische Formen strukturellen Wandels, in deren Verlauf tradierte Institutionen durch zweck- und umweltgerechtere Ausprägungen ersetzt werden (vgl. etwa mit Bezug auf den organisatorischen Wandel innerhalb der Textilindustrie WEBER 1993, S. 27, oder mit Bezug auf den Wandel von Staats- und Steuerwesen im antiken Babylonien bzw. Ägypten WEBER 1988d, S. 38). In den Schriften Webers, die nach 1910 entstehen, wird der Terminus "Rationalisierung" (bzw. "Rationalisierungsprozeß") dann fast schon in inflationärer Weise gebraucht (Bsp.: WEBER 1980, S. 657, S. 686f, S. 697 u.ö., WEBER 1988, S. 11, WEBER 1991, S. 220, S. 290f), wobei ein politischer Diskussionsbeitrag aus dem Jahre 1917 besonderes Interesse verdient, da Weber hier bereits die Notwendigkeit einer "Intensivierung und Rationalisierung" der deutschen Wirtschaft für die Nachkriegszeit vorhersagt (vgl. WEBER 1988c, S. 248ff). Die Übernahme des Marxschen Begriffes durch Weber war dabei offensichtlich durch ein schon in den 1890er Jahren vorhandenes Interesse an der "Kulturbedeutung" der Rationalität motiviert, welches sich deutlich in einer für die "Arbeiterbibliothek" Fr. Naumanns verfaßten Abhandlung über das Börsenwesen manifestiert (vgl. WEBER 1988a, S. 256ff), die unterschwellig von dem Gegensatz zwischen dem rational kalkulierenden Verhalten des "redlichen Maklers", der auf relativ bescheidene, dafür aber kontinuierlich fließende Gewinnmargen abzielt, und dem spekulativen Verhalten des "Börsenhasardeurs" getragen wird, der auf "außeralltäglich" hohe Gewinnchancen hofft und die damit verknüpften Risiken "irrational" Beiseite schiebt (vgl. WEBER 1988a, bes. S. 284ff u. S. 311). Die Börse als Institution läßt nach Weber Raum für beide "Persönlichkeitstypen".

Zusammenfassend zu Webers Verwendung des Rationalisierungsbegriffs läßt sich sagen, daß er den Terminus von Marx übernahm, um ihn in ein universalgeschichtlich anwendbares Analyseinstrument umzuformen, das den Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerkes liefert (vgl. meinen Beitrag: >Rationalität als Erkenntnis- und Realgrund<). Für ihn läßt sich gesellschaftlicher Wandel in erster Linie als Verdrängung überkommener traditionaler Lebensformen durch "effizientere", zweck- oder wertrational systematisierte Verhaltens- und Deutungsmuster erklären. Der vergleichenden Untersuchung derartiger Rationalisierungsprozesse widmete Weber umfangreiche, leider unvollendet gebliebene Studien, die - grob verkürzt - von der theologisch-ethischen Lehre der antiken jüdischen Propheten über das mittelalterliche Handelsrecht bis hin zum ökonomischen Verhalten der Calvinisten reichen. Hatte Marx, entsprechend seiner "materialistischen" Geschichtsphilosophie, seinen Begriff der Rationalisierung also noch strikt an die Sphäre der Ökonomie geknüpft, so erfuhr der Begriff bei Weber eine starke Ausweitung, entgegengesetzt dazu freilich auch eine definitorische Präzisierung, die der lediglich beiläufigen Verwendung des Begriffes bei Marx abgeht (Allerdings kann man in manchen Passagen der Schriften von Marx eine gewisse Vorwegnahme dieser breiteren Weberschen Perspektive erkennen, die jedoch überdeutlich unter dem geschichtsphilosophischen "Ballast" seiner Theorie leidet. Vgl. z.B. die berühmte Schilderung der "revolutionären", alle Traditionen überwindenen Rolle der okzidentalen Bourgeoisie im >Manifest< von 1848: MARX / ENGELS 1983, S. 463ff).

Als man kurz vor Ausbruch des Weltkrieges begann, sich in Deutschland zumindest auf einer theoretischen Ebene intensiver mit den neuen ingenieurwissenschaftlichen Managementmodellen aus den USA auseinanderzusetzen, wurde der von Marx und Weber in seinem Bedeutungsgehalt geprägte Begriff der Rationalisierung zur intellektuellen Erfassung und Deutung dieser neuen Erscheinungen angewandt. Charakteristisch ist zum Beispiel ein Text von Kochmann, in dem er die neue ökonomische Betriebslehre lediglich als einen Sonderfall des allgemeinen - von Weber in seiner geschichtlichen Bedeutung analysierten - "Prinzip(s) der systematischen Rationalisierung, das der Mensch in alle Dinge und Vorgänge um ihn herum hinein trägt" behandelt (KOCHMANN 1913, S. 391; ähnlich auch LEDERER 1913. Beide Aufsätze erschienen im >Archiv für Sozialwissenschaft<, welches Weber mit herausgab.). Zu Beginn der zwanziger Jahre, als in Deutschland jene kurz umrissene prekäre ökonomische Situation eintrat, war der Begriff der Rationalisierung als "Markenzeichen" für die neuen betriebswissenschaftlichen und -ökonomischen Ansätze bereits voll etabliert (s. z.B. SCHLESINGER 1920, S. 8, S. 51, S. 121, der bezeichnenderweise keine Notwendigkeit sieht, den gängigen Begriff exakt zu definieren), womit der Begriff wieder im engeren Sinne in die ökonomische Sphäre zurückkehrte (bei den gelegentlich auftauchenden englischen und französischen Pendants handelt es sich vermutlich um "Einbürgerungen" aus der deutschen Sprache, worauf schon die Tatsache hinweist, daß sie sich fast ausschließlich in Studien über Deutschland finden; s. z.B. LE MONTRÈER 1928 u. BRADY 1933). Auch in seiner neuen, wieder eingeengten Verwendungsweise behielt der Begriff der Rationalisierung aber wesentliche Elemente aus seiner Genese bei. Marx hatte - am Beispiel der Landwirtschaft - mit dem Begriff vor allen Dingen die technische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf betriebswirtschaftliche Probleme anvisiert. Für Weber hingegen waren Wissenschaft und neuzeitliche Technologie nur Sonderfälle von Rationalisierungsprozessen. Entscheidend war in seinen Augen in allen derartigen Prozessen die systematische, prinzipiengesteuerte Vorgehensweise der handelnden Individuen. Beide Positionen gehen - implizit oder explizit - in den Rationalisierungsbegriff der 20er Jahre ein (s. z.B. SOMBART 1987, S. 889). Zwar zeichnet sich seine Verwendung - damals wie heute - durch eine starke semantische Vielgestaltigkeit aus, in der sich vor allen Dingen die unterschiedlichen Werthaltungen der Autoren und Praktiker zur Rationalisierung niederschlagen, doch steht dieser Vielgestaltigkeit eine - wie der Semiotiker sagen würde - relativ klare "pragmatische", auf Handlungsorientierung ausgerichtete Dimension des Rationalisierungsbegriffes gegenüber (zum sprachanalytischen Konzept der Pragmatik s. MORRIS 1988, bes. S. 52ff). Dieser pragmatischen Dimension des Begriffes lassen sich folgende Handlungsprinzipien entnehmen:

Läßt sich Rationalität ganz allgemein als "Eigenschaft technologisch programmierter, erfolgskontrollierter Handlungen" definieren (LÜBBE 1971, S. 54), so setzt sich - grob vereinfacht - der Programmierungsaspekt im Rationalisierungsbegriff über den systematischen, betriebsumfassenden Ansatz durch, während der Aspekt der Erfolgskontrolle in der wissenschaftlichen Basis der Rationalisierung seinen Platz findet.

Über diesen rein "internen", praktisch-technischen Zugang zum Rationalisierungsbegriff hinaus ist jedoch zu berücksichtigen, daß seine dargelegten handlungsorientierenden Implikationen, die sich sozusagen "sprachanalytisch" aus seiner Verwendungsweise in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts "herausfiltrieren" lassen, in einem allgemeinen ökonomischen, durch die historische Entwicklung des modernen Industrieunternehmens vorgegebenen, situativen Handlungsrahmen umgesetzt werden, der durch drei miteinander verknüpfte Aspekte definiert wird:

 

Das institutionelle Gleichgewicht von Stabilität und Flexibilität

 

 

Erläuterung der Grafik:
Jede Organisation bzw. Institution ist dazu gezwungen, das Konglomerat der durch sie zusammengefaßten Elemente möglichst stabil und berechenbar zu gestalten um ihren Kontrollanspruch gegenüber diesem Konglomerat durchzusetzen. Andererseits ist jede Institution, will sie dauerhaft überleben, darauf angewiesen, sich ihrer Umwelt anzupassen, welche sich gerade durch ihre relative Unberechenbarkeit definiert. Dies gelingt der Institution nur, indem sie durch das Einbauen von Flexibilitätspotentialen einen Kompromiß zwischen Stabilität und Elastizität findet, der sich dann als "beherrschte Flexibilität" (W. Hahlweg) erfassen läßt. Angewandt auf das rationalisierungswillige Unternehmen, das sich an seine wechselhafte Marktumwelt anpassen muß, bedeutet dies, daß sich die als Ideal angestrebte technische Konzeption des Ingenieurs (100% Auslastung des Betriebes bei vollständiger Deckung der Fixkosten und rascher Amortisation des investierten Kapitals) den Konjunktur- und Risikoabwägungen des marktorientiert denkenden Betriebsökonomen beugen muß, indem sie entsprechende Flexibilitätspotentiale in sich integriert.

 

 

 

 

Dieser hier nur kurz umrissenen, an die Stelle einer allgemeinen, für den Historiker wenig hilfreichen Definition tretenden, pragmatischen Ebene des Rationalisierungsbegriffes entspricht es, daß er von Beginn an mit der Rezeption von relativ geschlossenen Management- und Organisationskonzepten verknüpft ist, die man als regelrechte "Rationalisierungsparadigmen" (V. Wittke) bezeichnen kann. Zwar werden diese Paradigmen weder in den USA noch in Deutschland im Maßstab 1:1 in den Betrieben umgesetzt, sondern vielmehr den strukturellen und konjunkturellen Restriktionen der jeweiligen Branche angepaßt (vgl. CHANDLER 1977, S. 277, FREYBERG 1989 u. 1989a, SIEGEL / FREYBERG 1991). Dennoch offenbart sich auch in der zeitgenössischen betrieblichen Praxis ihre handlungsorientierende Kraft, weshalb sie als intellektueller Ausgangspunkt für die Analyse der Rationalisierungsproblematik dienen können.

Der folgende Text will einen einführenden Beitrag zum Verständnis der historischen Genese des frühesten, die Diskussion bis heute bestimmenden Rationalisierungsparadigmas - dem "Taylorismus" - leisten. Frederick Winslow Taylor erschöpfte sicherlich mit seinen Konzepten die Rationalisierungsproblematik weder in theoretischer noch in praktischer Hinsicht, aber sein Werk kann als Quelle und drängender Orientierungspunkt aller späteren Bemühungen um eine systematische und wissenschaftlich ausgerichtete Rationalisierung der ökonomischen Betriebe angesehen werden (zur fortdauernden unterschwelligen Aktualität Taylors s. von fachmännischer Seite: HEBEISEN 1999, bes. S. 165ff. Hebeisen ist, anders als die meisten Autoren, die heute über Taylor schreiben, Ingenieur, nicht Sozialwissenschaftler.).

Dabei möchte ich vor allen Dingen zwei Punkte herausarbeiten:


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