DIE
FRANZÖSISCHE SCHULE DER >ANNALES<
von Matthias
Kuchenbrod
"Denken heißt vergleichen."
Walther Rathenau
"Geschichte ist, was sich ändert und
Geschichte ist, was sich nicht ändert."
Fernand Braudel
Wichtige Vertreter: Marc Bloch,
Fernand Braudel, E. LeRoy Ladurie u.a.
Grundcharakteristik der
Annales-Schule:
- Abwendung von der als
"Oberflächengeschichte" denunzierten
politischen Ereignisgeschichte
- Hinwendung zu überpersonalen
Formen und Phänomenen der Geschichte: dauerhafte
Strukturen, langsam sich wandelnde Konjunkturen und
handlungsleitende Mentalitäten werden mit dem Ziel
rekonstruiert, ganze Gesellschaften zu beschreiben
- Theorieorientierung
(Erklärung statt Erzählen)
- Bemühung um
Interdisziplinarität: Anleihen bei Geographie,
Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Linguistik,
Wirtschaftswissenschaften etc.
- interkulturelle und
intertemporäre Vergleiche
- problemorientierte Behandlung
des Themas ohne Eingrenzung durch traditionelle
Schulgrenzen, wie sie etwa durch die institutionelle
Trennung von mittelalterlicher und neuzeitlicher
Geschichte errichtet wurden
- Ansätze einer
quantifizierenden Geschichte
- Verräumlichung der
Geschichte: an die Stelle von Entwicklungsgeschichten
einzelner Handlungsbereiche tritt eine Geschichte von
Regionen
Grenzen der >Annales<:
- Es fehlt eine abrundende und
integrierende Fundierung der gewählten Theorieansätze,
die auch nicht problematisiert und auf ihre Grenzen hin
reflektiert werden. Die ausgeführten Werke wirken daher
häufig eklektizistisch.
- Gesellschaften erscheinen in
der Darstellung durch die Annales-Anhänger als sich
selbstregulierende "Ökosysteme". Die
Schlüsselrolle menschlicher Ordnungspolitik bleibt
unterbelichtet.
- Eng verknüpft mit dem
letzten Punkt steht die einseitige Ausrichtung der
Annales-Schule auf die vorindustrielle Gesellschaft mit
ihren "naturwüchsigen" Agrarordnungen, ihrem
malthusianischen Bevölkerungsmuster und den wirkungslos
verpuffenden lokalen Aufständen bedrückter
Bevölkerungsteile. Der Bruch mit diesem traditionellen
Gesellschaftsmuster im 19. Jh. wird dagegen kaum
reflektiert.
Fazit: Trotz der kurz angerissenen
Probleme des Annales-Paradigma bleibt dieses auch weiterhin
lehrreich und anregend. Die grundlegende Bedeutung des Vergleichs
für die Geschichtswissenschaft wurde lediglich durch den
universalhistorischen Ansatz Max Webers ähnlich stark
hervorgehoben.
Literatur
BLOCH, Marc: Die Feudalgesellschaft. Berlin
1982
Ders.: Apologie der Geschichte oder der
Beruf des Historikers. 3. Aufl. Stuttgart 1992
Ders.: Die wundertätigen Könige. München
1998
BRAUDEL, Fernand: Frankreich. 3 Bde. Stuttgart 1989f
Ders.: Das Mittelmeer und die
mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. 3 Bde. Frankfurt a.M.
1990
Ders.: Sozialgeschichte des 15.-18.
Jahrhunderts. 3 Bde. München 1990
Ders.: Die Dynamik des Kapitalismus. 2.
Aufl. Stuttgart 1991
Ders.: Schriften zur Geschichte. 2 Bde.
Stuttgart 1992f
BURKE, Peter: Offene Geschichte. Berlin
1991 (enthält umfangreiche Bibliograpie)
LEROY LADURIE, Emmanuel: Karneval in
Romans. Eine Revolte und ihr blutiges Ende 1579-1580. München
1989
Ders.: Die Bauern des Languedoc. München
1990
Ders.: Montaillou. Ein Dorf vor dem
Inquisitor. 2. Aufl. Frankfurt a.M. u. Berlin 1993
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