GERHARD COLM: DIE
THEORIE DER DUALEN WIRTSCHAFTSORDNUNG
von Matthias
Kuchenbrod
"Ein ungeheurer Einfluß auf das
Völkerschicksal geht von dem wirtschaftlichen Aderlaß aus, den
die Bedürfnisse des Staates erzwingen, und von der Art, wie das
Ergebnis dieses Aderlasses verwendet wird. Der unmittelbar
formende Einfluß der Finanzbedürfnisse und der Finanzpolitik
der Staaten weiters auf die Entwicklung der Volkswirtschaft und
damit auf alle Lebensformen und Kulturinhalte erklärt in manchen
Geschichtsperioden so ziemlich alle großen Züge der Dinge und
in den meißten sehr viel davon - nur in wenigen nichts."
JOSEPH A. SCHUMPETER, >Die Krise des
Steuerstaates<
"Eine der Hauptfunktionen des
politischen Prozesses in einer Demokratie ist es, das gemeinsame
Verständnis auszuprägen, das den Begriff des Allgemeinwohls
konstituiert."
GERHARD COLM, >Zum Begriff des
Allgemeinwohls<
Die theoretischen Vorleistungen
der Finanzwissenschaft des 19. Jahrhunderts (v. Stein, Schäffle,
Wagner):
Üblicherweise wurde die
Finanzwissenschaft im 19. Jh. als Teil der
Verwaltungswissenschaft behandelt. Dennoch gingen die Resultate
dieses Wissenschaftszweigs über die juristisch-technische
Sphäre hinaus. Folgende ökonomische Aspekte der
Finanzwissenschaft waren bereits damals erkannt:
- die Reproduktion des
Staatsaufkommens aus der Privatwirtschaft: Staat und
Wirtschaft konkurrieren innerhalb eines Kreislaufs um die
vorhandenen Mittel
- die "Devolution"
der erhobenen Steuern auf die Preise der Marktgüter
- die staatliche Wirtschaft
orientiert sich an Gemeinbedürfnissen, nicht an
Profitinteressen oder Angebot und Nachfrage
- der Zwangscharakter der
Finanzwirtschaft, die die Belange des Staates über die
Interessen der untergeordneten Wirtschaftseinheiten
stellt
Die aktuelle historische und
theoretische Problemlage Colms:
- die ordnungspolitische
Debatte, die mit der Etablierung der Sowjetunion
einsetzte (Kapitalismus-Sozialismus-Debatte)
- Renaissance des ökonomischen
Kreislaufdenkens (Quesnay)
- der Versailler Vertrag: Frage
nach Belastbarkeit der Volkswirtschaft durch
Staatsansprüche
- säkulares Wachstum der
Staatsausgaben seit früher Neuzeit
Kernaussage Colms:
- ordnungstheoretisches Ziel:
Der "Kapitalismus" soll als Gemengelage
verschiedener Wirtschaftssysteme kenntlich
gemacht werden. Marktwirtschaft und öffentliche
Wirtschaft sollen in ihren Gemeinsamkeiten, Unterschieden
und Verflechtungen dargestellt werden. Es besteht eine
Proportionalität der gesamten Bedarfsdeckung. Der Staat
gliedert sich in ein wirtschaftliches Gesamtsystem ein,
das konkrete Ausmaß der Staatstätigkeit bleibt aber
abhängig von historischen Umständen.
Unterscheidungskriterium zwischen
Marktwirtschaft und staatlicher Wirtschaft ist die Rationalität
der Zweckauslese:
- Markt:
Orientiert an kaufkräftiger Nachfrage. Preise und
Einkommensverwendung dienen als Steuerinstrumente.
Leistung und Erlös (in Form von erzielbaren Preisen des
eigenen Angebots) korrespondieren.
- öffentliche
Wirtschaft: Etatgesteuert, außerökonomische
Instanzen legen Ziele fest (letztlich kann jeder
politisch relevante Gesichtspunkt über die Verwendung
der Mittel entscheiden). Leistung und Kosten
korrespondieren, da Leistungen nur zum Teil auf Markt
angeboten werden.
Verflechtung zwischen
Marktwirtschaft und öffentlicher Wirtschaft:
- Beide stehen in einem
unlösbaren Wirkungszusammenhang: Der Staat benötigt
finanzielle Mittel aus der Privatwirtschaft, die
Privatwirtschaft bedarf staatlicher Regulierungen und
Eingriffe.
- Beide schöpfen aus einem
gemeinsamen Fonds an Produktivkräften: dies impliziert
Konkurrenz zwischen beiden Sektoren.
- Die staatlichen
Entscheidungsinstanzen bewerten Staatsleistungen höher
ein, als den durch sie verhinderten privaten Konsum. Hier
liegt die Gefahr einer Verselbständigung des
öffentlichen Sektors gegenüber dem allgemeinen
Bedarfssystem. Diese Gefahr ist potentiell höher als bei
der nachfrageorientierten Marktwirtschaft.
- Konkrete Beziehungen zwischen
öffentlichen Leistungsgebieten und Marktwirtschaft:
- Der Staat erbringt -
auf der Basis der Abgaben der Privatwirtschaft -
Leistungen zur Sicherung der Staatserhaltung.
- Er schafft
Bedingungen für den Ablauf der Marktwirtschaft
(z.B. Rechtspflege).
- Er stellt dort, wo
öffentliche Bedürfnisse vorliegen eigene
Versorgungsleistungen neben die Leistungen der
Marktwirtschaft (z.B. Kanalisation, Verkehr).
- Er betreibt Eingriffe
in die marktwirtschaftliche Versorgung. Speziell
geschieht dies dort, wo Güter produziert werden
müssen, von deren Nutzung niemand ausgeschlossen
werden kann, um deren Erstellung sich daher
private, gewinnorientierte Einrichtungen nicht
kümmern.
- Staatliche Leistungsformen:
- Verwaltungsleistungen
- Geldleistungen
(Beamtentgehälter etc.)
- direkte soziale
Unterstützungen: Ziel ist eine
Einkommensverschiebung zur Überbrückung von
Lücken der Marktwirtschaft.
- Subventionen:
dauerhafter oder zeitweiliger Schutz
(Erziehungsschutz). Häufig findet hier ein
Ausgleich von Systemstörungen statt, die der
Staat durch seine Eingriffe selber geschaffen hat
(Bsp. Mietbindungen und Bausubventionen).
- Schuldendienst des
Staates: Konsumkredite der Verwaltung werden
nicht aus Erträgen zurückbezahlt, sondern aus
Steuern. Es findet eine Einkommensverlagerung
zugunsten von Staatsschuldnern statt.
- Tributzahlungen an
andere Staaten
Die Frage der Deckungsart der
Staatsausgaben ist nach Colm sekundär: entweder erfolgt sie auf
Kosten der Konsumenten oder auf Kosten der Kapitalakkumulation.
Entscheidender ist in seinen Augen die Verwendungsart der
Staatsfinanzen. Werden diese zugunsten Dritter
transferiert, wird unter Umständen die Marktwirtschaft
entscheidend modifiziert, indem notwendige Anpassungsprozesse
abgebremst oder sogar verhindert werden.
Fazit: Die von
den zeitgenössischen Sozialisten vertretene Aussage, wonach eine
expandierende Staatswirtschaft ein zwingendes evolutionäres
Glied hin zu einer staatlich kontrollierten und organisierten
Planwirtschaft darstelle, erscheint als überzogen. Die
staatliche Wirtschaft ist ein integraler Bestandteil der
gesamtwirtschaftlichen Kreisläufe und somit Bedingung sine qua
non der Privatwirtschaft. Allerdings steckt in der Zwangsgewalt
der staatlichen Wirtschaft ein nicht zu unterschätzendes
Potential an Störfaktoren für das Funktionieren der
Privatwirtschaft. Es kann zu einer Hemmung des Wirtschaftslebens
durch Kaufkraftentzug kommen oder zu einer allgemeinen Senkung
der Rentabilität der Investitionen. Eine ordnungstheoretische
und - politische Konzeption, die Anspruch auf Vollständigkeit
erhebt, muß daher den Staat und seine wirtschaftlichen
Aktivitäten einbeziehen.
Das Konzept des Nationalbudgets
als praktische Konsequenz:
Def: Das Nationalbudget will Colm
als ein Planungsinstrument innerhalb eines
kapitalistischen Mischsystems verstanden wissen, welches
sich aus einem staatlichen und einem privaten Sektor
zusammensetzt. Das Budget stellt den "quantitativen Ausdruck
des Allgemeinwohls" (G. Colm) dar und spiegelt insofern die
politisch festgelegten Staatsziele wieder, ist also keine rein
wissenschaftliche Prognose. Weisungscharakter besitzt es aber nur
für den öffentlichen Sektor. Der Privatsektor kann sich in
seinen Planungen freiwillig am Nationalbudget orientieren.
Grundelemente:
- allgemeine "performance
goals", die auf ein reibungsloses
Funktionieren der Volkswirtschaft hinzielen (z.B.
Preisstabilität etc.). In diesem Bereich ist in der
Regel ein breiter Konsens vorhanden.
- konkrete "achievments
goals" (z.b. ein bestimmter
durchschnittlicher Lebensstandard, angemessene Ausbildung
der Bevölkerung etc.). Diese konkreten Ziele sind in der
Regel Ausdruck einer bestimmten Konzeption von
"Allgemeinwohl", die mit anderen Konzeptionen
konkurriert.
- "target
fields", die Bedingungen für die
erfolgreiche Durchführung der allgemeinen Ziele und
konkreten Einzelmaßnahmen darstellen (z.B. eine
bestimmte Wachstumsrate).
Methode der Festlegung des
Nationalbudgets:
- Abschätzung des
wirtschaftlichen Potentials für eine bestimmte Periode
- Festlegung der Direktausgaben
des Staates gemäß den politischen Zielen
- Abschätzung der zu
erwartenden Investitionen und des Konsumverhaltens sowie
der Auslandsausgaben der nationalen Wirtschaft
- Erstellung von
Alternativbudgets für mögliche Änderungen der Lage
Grundsätzliches Problem des
Konzepts: die Festlegung der politischen Ziele in modernen,
pluralistischen Gesellschaften. Colm unterstellt für die
Nachkriegszeit relativen Konsens hinsichtlich der anzustrebenden
Ziele, dem lediglich ein Dissenz hinsichtlich der zu wählenden
Mittel gegenübersteht. Dieser Dissenz ist jedoch in seinen Augen
mit wissenschaftlichen Methoden zu
überwinden. Vor allen Dingen ist Konsens in seinen Augen kein
naturgegebenes Phänomen. Er muß gezielt durch politisches
Handeln hergestellt werden und ergibt sich als ausgehandelte
Schnittmenge der divergierenden Individual- und
Gruppeninteressen.
Eine erläuternde Graphik:
Literatur
BECKERATH, Erwin von: Stein - Wagner -
Schäffle, das "Dreigestirn" der deutschen
Finanzwissenschaft. In: Ders.: Lynkeus. Gestalten und Probleme
aus Wirtschaft und Politik. Tübingen 1962, S. 75ff
COLM, Gerhard: Volkswirtschaftliche Theorie
der Staatsausgaben. Ein Beitrag zur Finanztheorie. Tübingen 1927
DERS.: Der Mensch im wirtschaftlichen
Kreislauf. Ein Vortrag. Tübingen 1930
DERS.: Art >Nationalbudget<. In:
HdSW. Bd. 7. Stuttgart u.a. 1961, S. 535ff
DERS.: Zum Begriff des Allgemeinwohls. In:
Soziale Verantwortung. Festschrift für Goetz Briefs zum 80.
Geburtstag. Hrsg. v. J. Broermann u. Ph. Herder-Dorneich. Berlin
1968, S. 23ff
HOPPENSTEDT, Wolfram: Gerhard Colm. Leben
und Werk 1897-1968. Stuttgart 1995
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