DAS PARADIGMA DES DEMOGRAPHISCHEN ÜBERGANGS

von Matthias Kuchenbrod


"Bevölkerung ist ja nicht zuallererst ein Gegenstand des Gezähltwerdens, sondern ein historisches und soziales Geschehen im Raum, das verwurzelt ist in Institutionen der Arbeitsteilung, Familie und dem kollektiven Lebenszuschnitt."

JOSEF SCHMID, >Das verlorene Gleichgewicht<

"... wie in der Tat jede besondre historische Produktionsweise ihre besondren, historisch gültigen Populationsgesetze hat. Ein abstraktes Populationsgesetz existiert nur für Pflanze und Tier, soweit der Mensch nicht geschichtlich eingreift."

KARL MARX, >Das Kapital I<

"Marx gewinnt Schlachten, doch Malthus wird den Krieg gewinnen."

NICOLÀS GÒMEZ DÀVILA, >Einsamkeiten<


Der Beginn der systematischen Auseinandersetzung mit dem Problem der Bevölkerung und ihres Wachstums wird im allgemeinen auf das Werk des englische Ökonomen Thomas Robert Malthus (1766-1834) zurückgeführt. Zwar gab es bereits davor wichtige Ansätze, doch definierten alle späteren Bevölkerungswissenschaftler ihre eigenen Positionen durch ihre Stellung zu Malthus. Malthus Werk zielte darauf ab, den optimistischen Zukunfsvisionen verschiedener Schriftsteller der Aufklärung ein realitätsgerechteres Bild über die Entwicklung der Bevölkerung und des allgemeinen Wohlstandes entgegenzuhalten. Er glaubte ein allgemeines Bevölkerungsgesetz entdeckt zu haben, nach welchem sich die Bevölkerungszunahme zwingend im Sinne einer geometrischen Reihe (1, 2, 4, 8 etc.) verhalten muß, während die Nahrungsmittelproduktion lediglich im Sinne einer arithmetischen Folge (1, 2, 3, 4 etc.) ausgeweitet werden kann. Auf der Grundlage dieser Gesetzesannahme prophezeite er, anders als seine optimistischen Zeitgenossen, eine zunehmende Verschlechterung der Versorgungslage der breiten Masse der Menschheit. Ihre Vermehrung - so Malthus - würde auch in Zukunft stets aufs neue durch katastrophenartige "repressive checks" (Hunger, Epidemien, Kriege) beschränkt werden, es sei denn, es gelänge durch sexuelle Askese, den Zuwachs an Individuen zu beschränken.

Die Theorie von Malthus gilt heute als widerlegt. Ihr Hauptfehler liegt in der Annahme, daß der technologische Stand der Landwirtschaft letztlich stagniere - eine Annahme, die in der vorindustriellen Wirtschaft eine gewisse Realitätsnähe besaß. Denn sieht man von einigen wenigen stark urbanisierten Regionen ab, in denen Wissen, Kapital und ein zahlungskräftiger Absatzmarkt für eine intensivierte Landwirtschaft und ihre Produkte vorhanden waren (z.B. Niederlande, Teile Großbritanniens etc.), bestand für die meisten Regionen die einzige Möglichkeit den Vorrat an Nahrungsmitteln zu steigern, in einer Ausweitung der Bewirtschaftung auf Grenzertragsböden, die selbst bei gesteigertem Arbeitseinsatz geringere Ernten abwarfen. Mit der Industrialisierung und ihren Impulsen für die europäische Landwirtschaft änderte sich diese Situation allerdings zunehmend, wodurch die Theorie von Malthus obsolet wurde.

Neben diesem inhaltlichen Mangel der Malthusianischen Theorie wurden aber auch formale Argumente gegen sie vorgebracht. Sie wurde als "truism" (W. Sombart) enttarnt, deren Eigenart darin besteht, immer recht zu behalten, ohne die konkreten Bevölkerungsvorgänge wirklich erklären zu können:

"Jede Aussage über historische Tendenzen ist vollständig immunisiert: wächst die Bevölkerung..., so hat sich die Tendenz durchgesetzt. Wächst... sie nicht, so haben die Gegentendenzen das Übergewicht behalten. Empirische Befunde können daher der Theorie nichts anhaben, sofern sie keine konkreten Prognosen wagt." (R.P. Sieferle, >Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt<, S. 94)

Das Streben, nach dem Vorbild der Physik, allgemeine Naturgesetze für die Bevölkerungsentwicklung zu entdecken, verstellt - so die Kritiker - eher den Blick für die tatsächliche Komplexität des Geschehens, als daß es zu seiner Durchdringung beitragen würde. Dieser Kritik ist allerdings, im Sinne der historischen Gerechtigkeit, entgegenzuhalten, daß Malthus selber seine Theorie in einer 1803 erschienenen zweiten Auflage seines bevölkerungswissenschaftlichen Werkes in eine erheblich differenziertere Form überführte. Das allgemeine Bevölkerungsgesetz wurde ergänzt durch die Annahme sogenannter "präventiver checks", womit Malthus verschiedene Verhaltensformen meint, die einer grenzenlosen Ausdehnung der Bevölkerung und damit auch der Entstehung von Bevölkerungskatastrophen vorbeugen sollen. In umfangreichen empirischen Exkursen versucht Malthus diese checks in der Praxis verschiedener Kulturvölker darzustellen. Mit der Annahme der präventiven checks wurde Malthus zum eigentlichen Vater der modernen Bevölkerungswissenschaft, da nunmehr die konkrete Bevölkerungsentwicklung als eine Folge veränderbarer menschlicher Verhaltensformen erkennbar wurde. Die moderne Wissenschaft spricht denn auch konsequent von unterschiedlichen "historisch-soziologischen Bevölkerungsweisen" (G. Mackenroth), deren innere Wirkmechanismen erforscht werden müssen. Im Rahmen dieser Forschungspraxis haben verallgemeinerte Annahmen lediglich noch die Funktion von Vergleichsmodellen inne, auf die die individuelle Entwicklung jeweils bezogen werden kann.


"Einige Grundbegriffe der Demographie:


Grundfaktoren der Bevölkerungsentwicklung:

Unabhängig von ihrer konkreten Situation wird die Bevölkerungsentwicklung in einem bestimmten Raum stets von drei Faktoren bestimmt:

Zu- und Abwanderung waren in der Geschichte häufig wichtige Regularien, um gefährliche Lagen der Bevölkerungsentwicklung (drohende Hungerkatastrophen etc.) zu umgehen oder zumindest abzumildern. Mit dem Verschwinden offener, dünnbesiedelter Welträume nimmt ihre Bedeutung jedoch ab. Wichtiger erscheinen die sogenannten "biosozialen" Stränge der Bevölkerungsentwicklung, also die Sterbe- und Geburtenvorgänge. Sie sind für das Kulturwesen Mensch keine reinen Naturvorgänge mehr, sondern können durch Verhaltensstrategien gesteuert werden.

So ist davon auszugehen, daß die potentielle natürliche Fruchtbarkeit der Frauen (ca. 20 Kinder) im gebärfähigen Alter (ca. 15 - 45 Jahre) praktisch nirgendwo ausgeschöpft wird. Die tatsächliche Fruchtbarkeit wird durch die Haltung der jeweiligen Gesellschaft zu unehelichen Kindern, das gängige Heiratsalter, übliche Abstände zwischen den Geburten, allgemeine Normen über die angemessene Kinderzahl einer Familie, das Vorhandensein von Verhütungsmitteln etc etc. beeinflußt.

Der Sterbevorgang wird gesteuert durch die allgemeinen hygienischen Verhältnisse, den Stand der medizinischen Kenntnisse, die allgemeinen Ernährungsverhältnisse und durch religiöse oder politische Verhaltensmuster (Menschenopfer, Kannibalismus, Kindstötung).

Jede Bevölkerungsweise definiert sich auf einer allgemeinen strukturellen Ebene durch das jeweilige quantitative Verhältnis von Sterblichkeit, Fruchtbarkeit und Zu- und Abwanderung. Es ist davon auszugehen, daß der strukturelle Zusammenhang der drei Faktoren durch soziale und ökonomische Prozesse bestimmt wird, auf deren weitere Gestaltung die Bevölkerungsweise zurückwirkt.


Das Erklärungsproblem: Die Bevölkerungsweise der westlichen Gesellschaft vor und nach der Industrialisierung

Im vorindustriellen Europa ist die Bevölkerungsweise durch eine hohe Anzahl von demographischen Ereignissen (Geburts- und Sterbefälle) gekennzeichnet. In der langen Sicht gleichen sich Sterbe- und Geburtsfälle nahezu aus und ermöglichen so nur ein langsames Wachstum der Bevölkerung. Trotz hoher Geburtenzahlen bleiben die Familien relativ klein, da viele der Kinder im Säuglings- oder Kleinkinderalter sterben.

Seit ca. 1750 ändert sich dieses Bild einer stationären Bevölkerung in vielen europäischen Ländern zunehmend. Zunächst sinken die Sterbefälle deutlich ab. Eine größere Zahl von Individuen kommt ins Erwachsenenalter und zeugt ebenfalls Kinder. Die Anzahl der Geburtsfälle bleibt dagegen noch auf ihrem ursprünglichen hohen Niveau. Nur langsam folgen die Geburtenzahlen den Sterbefällen und sinken ebenfalls ab, bis sich beide auf einem niedrigen Niveau wieder stabilisieren.

Stark schematisiert läßt sich der Vorgang folgendermaßen wiedergeben:

  I II III IV V
Phase: Stationäre Phase Einleitungs-phase Umschwungs-phase Einlenkungs-phase neue Gleichge-wichtsphase
Geburtenzif-fern: hoch hoch langsam fallend fallen stabil auf niedrigem Niveau
Sterbezif-fern: hoch fallen fallen Stabilisierung stabil auf niedrigem Niveau
Bevölker-ungswachs-tum: gering starkes Wachstum starkes Wachstum abfallendes Wachstum 0 - Wachstum
Familien-größe: relativ klein (2-3 Gen.) wächst wächst sinkt klein (2 Gen.)
Systemzu-stand: stationäres Gleichgewicht dynamisches Ungleichge-wicht beginnende Stabilisierung Stabilisierung neues Gleichgewicht

Das Konzept des demographischen Übergangs kombiniert nun verschiedene Theoriestränge aus Ökonomie, Anthropologie und Soziologie, um diesen Vorgang zu erklären.


Die vorindustrielle europäische Gesellschaft als Gleichgewichtszustand: Das Konzept der Homöostase

Wie oben bereits angedeutet, wird die potentielle Fruchtbarkeit der Frau niemals vollständig ausgeschöpft. Es werden stets Barrieren aufgebaut, die dafür sorgen, daß die tatsächliche Kinderzahl einer Frau unter der biologisch möglichen bleibt. Das Konzept der Homöostase erklärt dieses Phänomen, indem es die Annahme einführt, daß vorindustrielle, im wesentlichen von der Agrarwirtschaft getragene Bevölkerungen durch einen selbsttätigen Mechanismus in einen Gleichgewichtszustand mit den ihnen zur Verfügung stehenden ökologisch-ökonomischen Ressourcen treten. Das oben angesprochene quantitative Verhältnis von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit wird durch diesen Mechanismus in einer ökonomisch und ökologisch sinnvollen Weise reguliert.

Die Bestimmungsfaktoren für den Umfang der potentiell agrarisch nutzbaren Ressourcen sind:

Entscheidend für die Höhe des Ertrags, der auf der Basis der ökologischen Ressourcensituation jeweils erwirtschaftet werden kann, ist stets der im Verhältnis zu den anderen Faktoren knappste Faktor (Liebigsches Fassdaubenprinzip). Die Rolle dieses begrenzenden Mangelfaktors kann beispielsweise durch die Menge der verfügbaren menschlichen und tierischen Arbeitskraft, durch die Fläche des verfügbaren Bodens oder durch einen bestimmten Nährstoff (z.B. Stickstoff) eingenommen werden.

Bleibt das technologische Potential einer Gesellschaft zur Ausschöpfung der gegebenen ökologischen Ressourcen weitgehend stationär, so kann der anzustrebende Gleichgewichtszustand nur über die Regulierung der Bevölkerungszahl erreicht werden, wobei sowohl die Gefahr eines zu starken Bevölkerungswachstums wie auch die Gefahr eines katastrophalen Bevölkerungsschwunds, der zum Aussterben der Population führen könnte, gebannt werden muß. Diesem Zweck diente das sogenannte "west- und mitteleuropäische Heiratsmuster", mit seinen drei grundlegenden Pfeilern:

Die Folgen dieses europäischen Heiratsmusters stellen sich - gesamtgesellschaftlich betrachtet - folgendermaßen dar:

Der Vollstelle kommt als Regulator eine Schlüsselrolle zu. Ihre Anzahl definiert die "Tragfähigkeit" des jeweiligen soziöökonomischen Systems. Die Geburtenziffern können nur durch Ausweitung der Anzahl der Vollstellen über das bisherige Maß hinaus erhöht werden, was beispielsweise im europäischen Mittelalter durch Rodungen oder durch die Gründung neuer Städte geschah. Hält diese Ausweitung der Vollstellen mit einer anwachsenden Bevölkerung nicht mit, so greift die Tragfähigkeit als begrenzender Faktor: die verfügbare Ackerfläche pro Kopf verringert sich, bis die Bevölkerung durch Hunger und Epidemien wieder auf ein erträgliches Maß reduziert wird. I.a. greift jedoch die Wahrnehmung des drohenden Mangels schon vor dem Einsetzen einer erhöhten Sterblichkeit über die Reduzierung der Fruchtbarkeit in das System ein. Die Verschlechterung der Versorgungslage bzw. des Einkommens führt zu einem hinausgeschobenen Heiratsalter oder vermindert ganz allgemein die Möglichkeiten einer Verehelichung. Die Bevölkerung oszilliert in diesem Gleichgewichtssystem im "Normalfall" quasi um die Grenze der ökonomischen Tragfähigkeit. Gleichzeitig ist dieses Bevölkerungssystem - dank der hohen ehelichen Fruchtbarkeit - fähig, katastrophale Einbrüche der Bevölkerungszahlen, die durch Epidemien etc. verursacht wurden, wieder auszugleichen, um so die freigewordenen ökologischen Ressourcen wieder der menschlichen Nutzung zu unterwerfen. Dies ist deshalb ökonomisch sinnvoll, weil bei einer relativen Unterbevölkerung einer Landschaft, ein Bevölkerungszuwachs zu einem überproportionalen Produktionszuwachs führt, dessen Resultate allen zugute kommen. In der Realität fügt sich daher die vom Modell vorgesehene kurzfristige Oszillierung um die Tragfähigkeitsgrenze in "lange Wellen" der Bevölkerungskonjunktur ein. So erlebte etwa Europa in den 1340er Jahren im Gefolge des "Schwarzen Todes" einen katastrophalen Bevölkerungsverlust, der bis zur Wende des 16./17. Jahrhunderts durch die Neuverteilung und Wiederinbesitznahme der freigewordenen Flächen wieder ausgeglichen wurde.


Die Faktoren der Auflösung des Systems der Homöostase

Der vorindustrielle Gleichgewichtszustand der Bevölkerungsweise löst sich, wie oben gezeigt, im Prozeß des demographischen Übergangs auf, um in der industrialisierten Gesellschaft einer neuen Bevölkerungsweise Platz zu machen. Die Faktoren, die zu dieser Auflösung führten, sind Teil eines allgemeinen, endogen bedingten europäischen Modernisierungs- oder Rationalisierungsprozesses, in dem vor allen Dingen der Staat, die Wissenschaft und die Wirtschaft bedeutsam sind. Die einzelnen Faktoren lassen sich grob drei verschiedenen Kategorien unterordnen:

Entscheidend für die Einleitung des demographischen Wandels in Europa war zunächst die Verbesserung der medizinischen und hygenischen Verhältnisse, die auf bessere Ernährung, wissenschaftliche Fortschritte (Impfungen etc.) und auf verbesserte staatliche bzw. kommunale Gesundheitsaufsicht (Kanalisation, sauberes Trinkwasser etc.) zurückgeführt werden kann. Diese Verbesserungen kommen in erster Linie den Kindern und Jugendlichen zugute, deren Sterblichkeit rapide sinkt (wohingegen die Säuglingssterblichkeit (Kinder unter 1 Jahr) noch lange Zeit auf dem ursprünglich hohen Niveau verbleibt).

Ohne die Ausweitung der ökonomischen Tragfähigkeit hätte allerdings die durch sinkende Sterblichkeit heranwachsende zusätzliche Bevölkerung nicht aufgenommen werden können. Diese Ausweitung ist technischen, organisatorischen und nicht zuletzt ordnungspolitischen Innovationen zu danken. Die Liberalisierung des Handels erlaubte die Etablierung einer regionalen Arbeitsteilung, wodurch die einzelnen Landstriche zunehmend von den vor Ort produzierten Lebensmitteln unabhängig wurden. Die durch spezialisierungsbedingte Produktivitätsfortschritte erzielten "Handelsüberschüsse" ermöglichten den Zukauf auswärtiger Agrarprodukte für eine wachsende Bevölkerung, die mit den modernisierten Verkehrsmitteln (Eisenbahn und Dampfschiff) auch aus abgelegenen Regionen kostendeckend herangeführt werden konnten. Dazu kamen direkte besitzrechtliche, organisatorische und technologische Innovationen in der Agrarwirtschaft, die die Erträge in den Betrieben anhoben. Einige Bevölkerungswissenschaftler (vor allem E. Boserup) schreiben mit überzeugenden Argumenten dem Bevölkerungsdruck eine entscheidende kausale Bedeutung für das Aufkommen und die Rezeption dieser ökonomischen und technologischen Innovationen zu.

Eine eigenständige Rolle spielte aber auch das gewandelte generative Verhalten (Fortpflanzungsverhalten) der Menschen, obgleich die Änderungen in diesem Bereich im hohen Maße als Reaktionen auf die veränderte ökonomische und medizinische Gesamtsituation gedeutet werden müssen. Die Gründe für die Wandlung des generativen Verhaltens sind näherhin folgende:

Die aggregierten Folgen der beschriebenen sozioökonomischen und generativen Wandlungsfaktoren sind:


Einige Illustrationen zum demographischen Übergang am Beispiel Deutschland (bzw. Preußen):

   
   
   

Fazit:

Das Konzept des demographischen Wandels wurde vor allen Dingen unter bevölkerungswissenschaftlichen Gesichtspunkten geschaffen. Seine Resultate können jedoch auch als strukturierender Rahmen für die Sozialgeschichtsschreibung benutzt werden. Alle traditionellen Themengebiete der Sozialgeschichte, wie etwa die Familienstruktur, das Einkommen, die Ernährungslage, die Arbeitsformen oder die Mentalitäten der Menschen vergangener Jahrhunderte offenbaren erst unter einem bevölkerungswissenschaftlichen Gesichtspunkt ihre volle Bedeutung (exemplarisch: ABEL 1986, IMHOF 1988, LE ROY LADURIE 1990). Die Handlungsmuster, die von diesen Themenfeldern anvisiert werden, erweisen sich als Anpassungsleistungen an eine durch das Verhältnis von Bevölkerung und Nahrungsspielraum (Tragfähigkeit) definierte Situation, die durch den Industrialisierungsprozeß und seine Begleiterscheinungen allmählich transformiert wird. Insofern stellt dieses Paradigma eine wertvolle Ergänzung der eher wirtschaftswissenschaftlichen Theoriestränge der Wirtschafts- und Sozialgeschichte dar.


Literatur

ABEL, Wilhelm: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland. 3. Aufl. Göttingen 1986

BOLTE, Karl Martin: Art. >Bevölkerungsbewegung<. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. Bd. II. Hrsg. v. E. v. Beckerath u.a. Stuttgart u.a. 1959, S. 170ff

BRENTANO, Lujo: Konkrete Bedingungen der Volkswirtschaft (1924). Hrsg. v. H.G. Nutzinger. Marburg 2003 (bes. S. 158ff; klassische Auseinandersetzung mit Malthus)

BUTTLER, Günter: Demographische Methoden. In: Techniken der empirischen Sozialforschung. Bd. 7: Datenanalyse. Hrsg. v. J. van Koolwijk u. M. Wieken-Mayser. München 1977, S. 45ff

EHMER, Josef: Art. >Bevölkerung<. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Bd. 2. Hrsg. v. Fr. Jaeger. Stuttgart 2005, Sp. 94ff

Ders.: Art. >Demographische Transition<. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Bd. 2. Hrsg. v. Fr. Jaeger. Stuttgart 2005, Sp. 908ff (kritisch relativierend)

GEHRMANN, Rolf: Methoden der historischen Bevölkerungsforschung - historische Demographie und Bevölkerungsgeschichte. In: Handbuch der Demographie. Bd. 1. Hrsg. v. U. Mueller u.a. Berlin 2000, S. 709ff

HARRIS, Marvin: Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch. Frankfurt a.M / New York 1989 (die Bevölkerungsproblematik aus der Sicht eines Anthropologen; s. bes. S. 82-122)

IMHOF, Arthur E.: Die Lebenszeit. Vom aufgeschobenen Tod und von der Kunst des Lebens. München 1988

LE ROY LADURIE, Emmanuel: Die Bauern des Languedoc. München 1990

MACKENROTH, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Berlin u.a. 1953 (immer noch grundlegend)

Ders.: Bevölkerungslehre. In: Soziologie. Ein Lehr- und Handbuch zur modernen Gesellschaftskunde. 5. Aufl. Hrsg. v. A. Gehlen u. H. Schelsky. Düsseldorf / Köln 1964, S. 46ff (Eine Einführung durch einen Klassiker des Faches)

MALTHUS, Thomas Robert: Das Bevölkerungsgesetz. Vollständige Ausgabe nach der 1. Aufl. Hrsg. u. übers. von Chr. M. Barth. München 1977

Ders.: Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz. 2 Bde. Aus dem englischen Original und zwar nach der Ausgabe letzter Hand (6. Aufl. 1826) ins Deutsche übertragen von V. Dorn. Jena 1905

MAYER, Kurt: Bevölkerungslehre und Demographie. In: Handbuch der Empirischen Sozialforschung. Bd. I. Hrsg. v. R. König. Stuttgart 1967, S. 453ff

MITTERAUER, Michael: Der Mythos von der vorindustriellen Großfamilie. In: Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. 4. Aufl. Hrsg. v. H. Rosenbaum. Frankfurt a.M. 1988, S. 128ff (grundlegend zum west- und mitteleuropäischen Heiratsmuster)

DERS.: Europäische Familienformen im interkulturellen Vergleich. In: Das gemeinsame Haus Europa. Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte. Hrsg. v. W. Köpke u. B. Schmelz. München 1999, S. 313ff

SCHMID, Josef: Bevölkerung und soziale Entwicklung. Der demographische Übergang als soziologische und politische Konzeption. Boppard a. Rh. 1984 (grundlegend)

Ders.: Das verlorene Gleichgewicht. Eine Kulturökologie der Gegenwart. Stuttgart u.a. 1992 (fügt die Bevölkerungsproblematik in breitere Perspektive ein; s. bes. S. 106ff)

SCHULLER, W. u.a.: Art. >Bevölkerung<. In: Lexikon des Mittelalters. Studienausgabe. Bd. 2. München 2003, Sp. 10ff

SIEFERLE, Rolf Peter: Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt. Studien zur Naturtheorie der klassischen Ökonomie. Frankfurt a.M. 1990 (rein theoriegeschichtliche Studie; s. bes. S. 81-111 u. S. 201-220)

SOKOLL, Thomas / GEHRMANN, Rolf: Historische Demographie und quantitative Methoden. In: Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft. Hrsg. v. Michael Maurer. Stuttgart 2003, S. 152ff

SOMBART, Werner: Vom Menschen. Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie (1938). 3. Aufl. Berlin 2006 (bes. S. 298ff; zusammen mit Brentano wegbereitend für die spätere Forschung)

WRIGLEY, Edward A.: Bevölkerungsstruktur im Wandel. Methoden und Ergebnisse der Demographie. München 1969 (gut lesbare, materialreiche Einführung; s. bes. S. 107-202)

Weitere Literatur zum Thema wird in meiner Bibliographie der Grundlagenliteratur aufgelistet.


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