DIE THEORIE DER WIRTSCHAFTSORDNUNG WALTER EUCKENS

von Matthias Kuchenbrod


"Die Wirklichkeit zeigt eine unabsehbare Mannigfaltigkeit von Wirtschaftsordnungen individueller Prägung, wobei jede einzelne sehr kompliziert aufgebaut ist. Wie kann diese Mannigfaltigkeit erkennbar gemacht werden ? Dies ist die schwere Aufgabe. Die Antwort lautet: Durch Auffinden der Elementarformen, aus denen sich die konkreten Wirtschaftsordnungen der Vergangenheit und Gegenwart zusammensetzen. Die Wissenschaft findet auf diese Weise >Invarianz< oder Einheit dort, wo nur Mannigfaltigkeit und Unterschied zu bestehen scheinen. Sie vollzieht durch Erarbeitung des morphologischen Apparats eine außerordentliche Vereinfachung. Nicht die Wissenschaft schafft die Mannigfaltigkeit. Sie tut das Gegenteil. Sie reduziert eine unabsehbare Fülle konkreter Ordnungen auf reine Formen von durchaus überschaubarer Zahl und einfacher Beschaffenheit. Dadurch wird die theoretische Analyse des Wirtschaftsprozesses trotz aller geschichtlichen Mannigfaltigkeit ermöglicht."

WALTER EUCKEN, >Die Grundlagen der Nationalökonomie<


Die Problemsituation der Euckenschen Theorie (vgl. EUCKEN 1961):

Euckens Antwort auf diese Problemlage:

Eucken schlägt sich zwar auf die Seite der theoretischen Nationalökonomie, behält aber den Anspruch der historischen Schule, mit Hilfe der Wirtschaftswissenschaft historische Erklärungen geben zu können, bei. Er plädiert in diesem Sinne für eine Verfeinerung des theoretischen Instrumentariums der Ökonomie. Der Versuch einer induktiven Theoriebildung, in dessen Rahmen letztlich alle Fakten als gleich bedeutsam erscheinen, muß abgelöst werden durch ein Verfahren der "pointiert hervorhebenden Abstraktion" (W. Eucken), welches die Kernelemente individueller historischer Wirtschaftsordnungen herausarbeitet, um so eine Basis für eine angemessene theoretische Analyse zu liefern. Die so herausgeschälten "reinen Formen", die Eucken als Idealtypen versteht, werden, nachdem sie aufgestellt wurden, dann wieder als analytische Vergleichsmittel auf das konkrete wirtschaftliche Geschehen zurückprojiziert. Dieses Verfahren, das Eucken in Anlehnung an Goethes Naturphilosophie auch als "Morphologie" bezeichnet, soll die wirtschaftswissenschaftliche Forschung von jenem - wenn man so will - "metaphysischen" Ballast befreien, den die historische Schule in ihren verschiedenen Spielarten aufhäufte, und der sich hinter unscharfen, schwer zu definierenden Begriffen wie etwa dem der "Wirtschaftsstufe" oder des "Wirtschaftsstils" verbarg.

Ausgangspunkt des morphologischen Verfahrens ist die Frage, wer in einer ökonomischen Einheit - einem Kollektiv, einem privatwirtschaftlichem Betrieb oder in einem Konsumentenhaushalt - den jeweiligen ökonomischen Plan aufstellt, an dem sich das Handeln dieser Einheit ausrichtet. Wirtschaftliche Planung ist stets an dem grundlegenden Problem des Menschen ausgerichtet, nämlich dem steuernden, rationalen Umgang mit der Knappheit der benötigten Güter einerseits und der Verteilung dieser knappen Güter an die Pluralität der menschlichen Bedürfnisse andererseits. Die Frage, wer und in welchem Umfang diese notwendigen Pläne aufstellt, ist daher offenkundig von entscheidender Bedeutung, ist doch von ihrer Beantwortung u.a. abhängig, wieweit sich die Reichweite dieser Pläne erstreckt und ob sie sich als funktionstüchtig erweisen. Eucken findet zwei grundsätzlich mögliche Antworten auf diese Frage, aus der sich wiederum zwei reine Idealtypen von "Wirtschaftssystemen" herleiten: das Wirtschaftssystem der "Verkehrswirtschaft" und das System der "zentralgeleiteten Wirtschaft". In der Verkehrswirtschaft werden alle ökonomischen Pläne - Investitions- oder Konsumentscheidungen etc. - dezentral von den isolierten, nur durch den Austausch von Waren und Dienstleistungen miteinander verknüpften Einheiten getroffen. Die Pläne dieser Einheiten stellen lediglich Teilpläne dar, deren Reichweite folglich beschränkt ist. Anders in der zentralgeleiteten Wirtschaft. Hier trifft eine einzige Instanz - etwa der patriarchalische Vorsteher eines Oikos oder eine bürokratisch strukturierte Behörde - sämtliche wirtschaftlichen Entscheidungen. Alle möglichen wirtschaftlichen Lebensformen sind zwischen diesen reinen Typen angeordnet, oder anders gesagt: sie lassen sich als Mischformen dieser reinen Typen beschreiben und analysieren.

Die Planungsprobleme beider Systeme sind auf einer allgemeinen - wenn man so will "zeitlosen" - Ebene identisch. Die Planung orientiert sich stets - wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg - am Datenkranz des Wirtschaftens, der jedem Planungsvorgang vorgegeben ist. Dieser Datenkranz gliedert sich folgendermaßen auf:

Das konkrete Problem der Planung umfaßt nun die Art der Nutzung und Kombination dieser Elemente. Anhaltspunkte für die Lösung dieses Problems findet die Planungsinstanz in einigen grundsätzlichen Erfahrungsregeln des wirtschaftlichen Alltags. Hier sind zu nennen:

Der Datenkranz und die Erfahrungsregeln zusammengenommen definieren eine komplexe Situation, die zumindest die zentralgeleitete Wirtschaft nur bedingt lösen kann, da die Gesamtmenge an wirtschaftlichen Daten, die in einer zentralen Planungsinstitution verarbeitet werden müßten, zu groß ist. Eine dauerhaft funktionierende, die Bedürfnisse der Individuen abdeckende, zentralgeleitete Wirtschaft konnte sich Eucken nur in überschaubaren, primitiven Eigenwirtschaften vorstellen. In komplexeren gesellschaftlichen Systemen kann die zentralgeleitete Wirtschaft nur in "aufgeweichter" Form einigermaßen überleben. Eucken unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Zentralwirtschaften mit freiem Konsumgüteraustausch und Zentralwirtschaften mit freier Konsumwahl. In der ersten Form können Planungsfehler der Zentralbehörde auf der Konsumentenebene durch den Austausch der zugewiesenen Güter einigermaßen korrigiert werden. In der zweiten Form ist sogar eine gewisse Korrektur des Gesamtplans, bezogen auf die Bedürfnisstruktur der Bevölkerung, möglich, da die tatsächlichen Konsumentscheidungen der vergangenen Planungsperiode als "Index" für zukünftige Pläne herangezogen werden können.

Parallel zu dieser Binnendifferenzierung der zentralgeleiteten Wirtschaft erfährt das System der Verkehrswirtschaft eine Ergänzung durch Teilordnungen, die die Planungssituation der Wirtschaftseinheiten mitgestalten und in einem gewissen Sinne erleichtern. Es sind dies die Teilordnung der Marktform und die Teilordnung des Geldsystems.

Zunächst zur Marktform: Hauptproblem des Wirtschaftens ist der Umgang mit knappen Gütern, die konkurrierende Bedürfnisse stillen müssen (s.o.). Der Markt mit seinen "Preissignalen" stellt die entscheidende Institution dar, mit deren Hilfe Unternehmen und Haushalte dieses Problem angehen:

Die klassische Nationalökonomie des 18. und 19. Jh.s kannte lediglich zwei Marktformen, nämlich die Konkurrenz und das Monopol. Für Eucken war dieser Ansatz jedoch nicht differenziert genug. Er geht hier den selben Weg wie bei der Formulierung der Wirtschaftssysteme. Reine Formen der Angebots- und Nachfragesituationen auf dem Markt werden herausgearbeitet, indem erneut die Perspektive der planenden Wirtschaftseinheit gewählt wird. Die reinen Formen des Angebots und der Nachfrage unterscheiden sich durch die Art und Weise des Planungsverhaltens der in sie involvierten Wirtschaftseinheit. Eucken unterscheidet sechs reine Formen von Planungssituationen:

MARKTSITUATION RELEVANTE PLANUNGSDATEN
Konkurrenz Marktpreise als einfache Daten
Monopol Reaktion der Gegenseite (Anbieter oder Nachfrager), freie Preis- und Mengenfestsetzung
Teilmonopol Verhalten der Gegenseite (Verhalten der kleineren Konkurrenten wird nicht beachtet, während diese ihrerseits die Preise vom größten Teilmonopolisten diktieren lassen)
Oligopol Verhalten der Konkurrenz und der Gegenseite
Teiloligopol vorgegebene Kartellpreise, Verhalten der Gegenseite und der Kartellmitglieder
Kollektivmonopol vorgegebene Syndikatspreise, zugeteilte Produktionsquoten, Verhalten der andere Monopolisten und der Gegenseite

Einen Grenzfall stellt die behördliche Preisfestsetzung dar. Diese kann in jede Marktsituation eingreifen, die Preise werden jedoch stets wie im Falle der Konkurrenz als einfache Daten in die Planung aufgenommen.

Die dargelegten reinen Formen werden in ihrer Wirkungsweise durch die Existenz geschlossener Märkte weiter modifiziert. Geschlossene Märkte entstehen durch behördliche Zulassungsbeschränkungen oder durch andere Marktinterventionen (behördliche Beschränkung der Produktionsmenge, der Investitionsrate etc.). Ein klassisches Beispiel für einen geschlossenen Markt findet sich in den Zunftordnungen der mittelalterlichen europäischen Städte.

Die dargelegten reinen Formen können nun im Markt auf Angebots- und Nachfrageseite miteinander kombiniert werden. Es entsteht durch diese Kombination eine beschränkte Anzahl reiner Marktformen. So können etwa die Nachfrager nach einem bestimmten Gut untereinander in unbeschränkter Konkurrenz stehen, während ihnen nur ein Oligopol von Anbietern gegenübersteht. Durch Kombination beider Seiten entsteht ein Angebotsoligopol etc. etc.

Die konkrete Marktform als Schnittpunkt von Angebots- und Nachfrageform (nach EUCKEN 1990, S. 22):

      Formen des Angebots    
Formen der Nachfrage Konkurrenz Teiloliogpol Oliogopol Teilmonopol Monopol (Einzel- oder Kollektivm.)
Konkurrenz Vollständige Konkurrenz Angebots-Teiloligopol Angebots-Oligopol Angebots-Teilmonopol Angebots-Monopol
Teiloliogpol Nachfrage-Teiloligopol Beiderseitiges Teiloliogpol Teilolig. Beschr. Angebots-Oligopol Teiloligop. beschr. Angebots-Teilmonopol Teiloligop. beschr. Angebotsmono-pol
Oligopol Nachfrage-Oligopol Teiloliogpol. beschränkt. Nachfrage-Oliogopol Beiderseitiges Oligopol Oligop. beschr. Angbebots-Teilmonopol Oligop. beschr. Angebots-Monopol
Teilmonopol Nachfrage-Teilmonopol Teiloligopol. beschr.Nach-frage-Teil-monopol Olig. beschr. Nachfrage-Teil-monopol Beiderseiti. Teilmonopol Teilmonop. beschr. Ange-bots-Monopol
Monopol (Einzel- oder Kollektivm.) Nachfrage-Monopol Teiloligopol. beschränkt. Nachfrage-Monopol Oligop. beschr. Nachfrage-Monopol Teilmonop. beschr. Nachfrage-Monopol Beiderseitiges Monopol

Betont werden muß, daß das entscheidende Kritierium für das Vorliegen einer bestimmten Marktform sich nicht in der absoluten Zahl der jeweils auf der Angebots- oder Nachfrageseite existierenden Unternehmen findet. Die Nachfrage nach bestimmten Gütern kann - bedingt etwa durch die jeweilige Einkommensverteilung - so beschränkt sein, daß sie nur für eine Handvoll von Unternehmen eine tragfähige Basis abgibt. Oder die allein konkurrenzfähigen Produktionstechnologien in einer bestimmten Branche sind so kapitalintensiv, daß die Anzahl der überlebensfähigen Unternehmen extrem beschränkt bleibt. Ein - eventl. durch wirtschaftspolitische Maßnahmen zu kontrollierendes - Oligopol oder Monopol liegt vielmehr immer erst dann vor, wenn die Planungssituation der involvierten Unternehmen den oben angeführten Kritieren entspricht, wenn also beispielsweise ein Monopolist seine Preise ohne Rücksicht auf Marktgegebenheiten festlegen kann.

Das Geldsystem: Der Markt als Koordinierungs- und Informationsinstitution würde nicht ohne ein anerkanntes Tauschmittel und eine verbindliche Recheneinheit ablaufen können. Beide Funktionen können durch unterschiedliche Geldsysteme ausgefüllt werden. Eucken unterscheidet zunächst anhand der Funktionen des Geldes zwei Hauptformen des Geldwesens. Geld kann entweder als

dienen. So benutzten z.B. häufig in der Geschichte Kaufleute eine große Anzahl an verschiedenen Münzsorten als Tauschmittel, während sie ihre eigene Rechnungsführung mit Hilfe eines fiktiven Rechengeldes durchführten.

Wichtiger ist jedoch die Unterscheidung dreier verschiedener Geldsysteme, die sich durch die Art und Weise der Geldentstehung und der Geldvernichtung definieren. Es existieren drei reine Formen von Geldsystemen:

GELDSYSTEM GELDENTSTEHUNG GELDVERNICHTUNG
Warengeld gängiges Sachgut wird zu Geld (z.B. Vieh, Gold etc.) Wiederverwendung des Geldes als Ware bzw. Sachgut (z.B. einschmelzen von Münzen, Schlachten des Viehs etc.)
Geld als Gegenleistung Gutschrift für erbrachte Leistungen und Güter (z.B. Einlagerung von Silberbarren gegen Schuldschein, der als Zahlungsmittel akzeptiert wird) Tilgung der Schuld
Kreditgeld Gewährung eines Kredites (Wechsel, Sichtguthaben etc.) Abzahlung des Kredites

Durch die Kombination von reinen Geldformen und reinen Geldsystemen entstehen eine Vielzahl von konkreten Geldordnungen. Geldsysteme und -hauptformen stellen die "Bauformen der Währungen" (W. Eucken) dar. Die Planung in den Wirtschaftseinheiten variiert mit diesen Geldordnungen. Als Beispiel sei der Einfluß des Kreditgeldes auf das Investitionsverhalten während der industriellen Revolution angeführt. Ohne das Kreditgeld wäre diese Umwälzung der Wirtschaftsweise nicht denkbar gewesen.

Das Wirtschaftssystem konkretisiert sich nun durch die Kombination der verschiedenen Teilordnungen und der Form der Aufstellung und Durchführung der jeweiligen Wirtschaftspläne zur historisch-individuellen "Wirtschaftsordnung". Neben solchen Wirtschaftsordnungen, die sich trotz aller individuellen Differenzen, die sie untereinander aufweisen, eindeutig dem Typus der Plan- oder dem Typus der Verkehrswirtschaft zuordnen lassen, existieren in der Geschichte auch Mischformen zwischen beiden Wirtschaftssystemen, die dann zwischen diesen "reinen" Formen anzusiedeln sind (z.B. nationalsozialistische Kriegswirtschaftsordnung). Bei diesen Phänomenen ist für jedes Teilelement der jeweiligen Ordnung die Nähe zu den reinen Formen der Wirtschaftssysteme auszuloten.

Das analytische Konzept der Wirtschaftsordnung zielt auf die Erfassung zweier verschiedener, jedoch miteinander verknüpfter, empirischer Tatbestände. Es dient der Aufdeckung und dem Verständnis der Strukturen und Funktionsweisen der historisch-individuellen Wirtschaftsordnungen als solchen, und es dient der Erklärung des von der jeweiligen Geartetheit der Wirtschaftsordnung abhängigen Wirtschaftsprozesses, in dessem Verlauf die Teilmärkte über das Preissystem miteinander abgestimmt werden (Verteilung der Gesamtnachfrage), die einzelnen Faktoreinkommen (Zins, Lohn, Grundrente) erzeugt und über ihre weitere Verwendung (Konsum, Investition, Sparen) entschieden wird.

Perspektivischer Ausgangspunkt der Analyse bleiben stets die Planungsprobleme der verschiedenen Wirtschaftseinheiten (Betrieb, Haushalt, Kollektiv), da Eucken generell die völlige Trennung von Betriebs- und Volkswirtschaft für irreführend hält. Es können dabei nicht nur verschiedene Wirtschaftsordnungen nebeneinander existieren, sondern die Wirtschaftseinheiten können auch gleichzeitig verschiedenen Wirtschaftsordnungen angehören. Z.B. kann eine Fabrik, die zwei verschiedene Produkte herstellt, mit der einen Produktionsreihe einem oligopolistischen Kartell angehören, mit der anderen aber in eine uneingeschränkte Marktkonkurrenz eintreten. Euckens Konzept der Wirtschaftsordnung ist folglich nicht "holistisch" geartet, wie etwa Sombarts Konzept des "Wirtschaftssystems". Es gibt für Eucken auch keinerlei historische Gesetzmäßigkeiten der Abfolge und des Wandels von Wirtschaftsordnungen. Diese können durch politische Eingriffe "gesatzt" werden oder sie entstehen langsam, auf "naturwüchsige" Weise. Sie müssen jeweils in ihrer individuellen Funktionsweise begriffen werden, ohne daß allgemeine historische Gesetzesannahmen (Stufentheorien etc.) zu ihrem Verständnis beitragen würden. Lediglich die morphologisch herausgearbeiteten allgemeinen Ordnungselemente können zu ihrer intellektuellen Durchdringung verhelfen.

Der Gang der Analyse folgt nun einem Dreischritt:

  1. Analyse der Entstehung der Einzelpläne. Neben den oben bereits angeführten allgemeinen Grundlagen der Planung ist auf dieser Ebene die Beachtung des wirtschaftlichen Risikos entscheidend. Plandaten und faktische Daten sind niemals deckungsgleich. Da die Planungsinstanzen dies wissen, beziehen sie dieses Riskio in ihre Planung ein, etwa indem sie weite Spielräume oder Kontrollmechanismen vorsehen, oder aber indem sie Alternativpläne bereit legen. Abgesehen vom Risikoproblem müssen die Einzelpläne die Problemkomplexe der Produktions- bzw. Konsumtionslenkung, die Wahl der angemessenen Technologie zur Erfüllung der anvisierten Zwecke, sowie den zeitlichen und räumlichen Aufbau der Produktion (Investitonen, Organisation und Standortfrage) lösen.
  2. Analyse des Einflusses der Teilordnungen (Marktpreise und Geldsystem) auf wirtschaftliches Handeln.
  3. Einfügung der Einzelwirtschaft in Gesamtprozeß der Wirtschaft. Hier ist vor allem die Interdependenz der verschiedenen Teilmärkte zu beachten, die durch die vorgegebenen Aggregatgrößen Gesamtnachfrage und Gesamtangebot zusammenhängen.

Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsprozeß stehen zueinander in einem ungleichgewichtigen Verhältnis. Nicht jede Änderung im Wirtschaftsprozeß beeinflußt die Wirtschaftsordnung, aber jede Änderung in der Wirtschaftsordnung schlägt sich in Modifizierungen des Wirtschaftsprozesses nieder. So kann etwa als Resultat des Wirtschaftsprozesses eine größere Anzahl von Konkursen die Marktform in einer Branche in Richtung auf ein Oligopol oder gar ein Monopol hin verändern. Aber diese Veränderung bleibt weitgehend auf einen Teilmarkt und damit lediglich auf ein Teilelement der Wirtschaftsordnung beschränkt. Dagegen verändert eine Modifikation des Geldsystems die Planungslage sämtlicher Wirtschaftseinheiten einer Volkswirtschaft und damit auch deren Verhalten im laufenden Wirtschaftsprozeß.

Im Zusammenhang des Verhältnisses von Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsprozeß ist auch wichtig, daß Eucken allgemeine Konjunkturtheorien (z.B. Kondratieff-Wellen) als vorrangiges Mittel zur Interpretation des Wirtschaftsprozesses ablehnt. Nicht allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Konjunktur gestalten den Wirtschaftsprozeß, sondern in letzter Instanz die jeweilige Geartetheit der Wirtschaftsordnung. Allgemeine Konjunkturtheorien haben für Eucken lediglich als hypothetisch formulierte Bedingungskonstellationen eine gewisse Berechtigung.

Die Wirtschaftsordnung begreift Eucken als Teil der politisch-gesellschaftlichen Gesamtordnung eines sozialen Gefüges. Als parallele Teilordnungen dieses Gefüges sind der Staat und das Recht anzusehen. Zwischen diesen drei Sphären herrscht eine komplexe "Interdependenz", die jeweils konkret für jede einzelne Wirtschaftsordnung ermittelt werden muß. Staat und Recht formulieren aber lediglich die "gesamtwirtschaftlichen Daten" des Wirtschaftsprozesses, die diesen zwar bis ins innerste prägen, selber jedoch außerökonomischer Natur sind. Beide Institutionen können daher nach Eucken auch nicht mit Hilfe ökonomischer Theoriemodelle, sondern lediglich mit den klassischen Methoden der individualisierenden Geschichtsschreibung erfaßt werden. Hier liegt eine entscheidende Differenz zu den ordnungstheoretischen Gebäuden von Colm und North, die die ökonomische Analyse auch in die Formen des Rechts und des Staates hineintragen.

Trotz dieser "Blindstelle" des Euckenschen Ansatzes dürfte sein Wert für die wirtschaftsgeschichtliche Arbeit offenbar geworden sein. Ein einzelnes, zu untersuchendes Unternehmen kann mit Hilfe dieses Ansatzes in seinen Markt- und ordnungspolitischen Kontext eingeordnet und interpretiert werden. Die langen Prozesse des geschichtlichen Wandels der Ordnungen können durch die Euckenschen Denkformen strukturiert und entscheidende Kausalfaktoren aufgezeigt werden. Darüberhinaus lassen sich die Wirtschaftsordnungen mit ihrer Hilfe in Teilbereiche auflösen (z.B. Währungssysteme etc.), die für sich genommen analysiert und dann in ihrer Bedeutung für den Gesamtkomplex des jeweiligen Wirtschaftslebens beurteilt werden können.

Euckens Gesamtwerk kann jedoch nicht gewürdigt werden, wenn man nicht sein spezifisches Wissenschaftsethos mit einbezieht. Für Eucken war theoretische Arbeit unter Absehung von den konkreten politischen und ökonomischen Problemen seiner Zeit undenkbar. Seine ordnungstheoretische Forschung führte ihn zu der Einsicht, daß individuelle Freiheit letztlich nur in einem System erhalten werden kann, welches von einer marktwirtschaftlichen Wettbewerbsordnung getragen wird, da jede Form einer Zentralplanung gezwungen ist, die persönliche Freiheit der von ihr beherrschten Individuen zunehmend einzuschränken, um ihre immanenten Funktionsprobleme einigermaßen beherrschen zu können. In diesem Sinne griff er in seinen späteren Publikationen in die politische Diskussion um die zukünftige Gestalt der Bundesrepublik ein, indem er einen Katalog von "konstitutiven Prinzipien" für eine funktionsfähige Wirtschaftsordnung aufstellte (s. BLUM 1992, S. 437):

  1. Existenz eines funktionsfähigen Preissystems bei (relativ) vollständiger Konkurrenz, um die effiziente Allokation der Produktionsfaktoren zu garantieren.
  2. Freiheit des Markteintritts, um einen maximalen Leistungswettbewerb zu gewährleisten.
  3. Preisstabilität der Währung.
  4. Garantie der Vertragsfreiheit als rechtliche Voraussetzung für die Koordination der Teilpläne der Wirtschaftseinheiten am Markt.
  5. Privates Eigentum an Produktionsmitteln, da das Wettbewerbssystem vom Eigeninteresse der Wirtschaftseinheiten gesteuert werden soll.
  6. Abbau der Haftungsbeschränkungen, damit die Sanktionierungsmechanismen des Marktes voll zur Geltung kommen.
  7. Stetige und vorhersehbare Wirtschaftspolitik, um die Investitionsbereitschaft zu verstetigen und den risikobedingten Konzentrationstendenzen in der Wirtschaft entgegenzuwirken.

Diese Konstitutionsprinzipien der Wirtschaftsverfassung sind zu ergänzen durch "regulierende Prinzipien" (BLUM 1992, S. 437):

  1. Monopolkontrolle durch eine Monopolaufsichtsbehörde, d.h.
  2. Durch eine aktive Steuerpolitik ist für eine Einkommenskorrektur zu sorgen, da das den Markt beherrschende Äquivalenzprinzip für sich allein genommen sozialethisch nicht akzeptabel erscheint.
  3. Die Wirtschaftsrechnung ist überall dort zu korrigieren, wo im einzelwirtschaftlichen Kalkül Rückwirkungen auf andere Wirtschaftseinheiten oder die Allgemeinheit, sogenannte externe Effekte, nicht berücksichtigt werden.
  4. Ineffizienzen, die durch das anomale Verhalten des Angebots (d.h. sinkende Preise führen zur Ausweitung des Angebots, z.B. bei der Arbeit) ausgelöst werden, müssen durch das Herstellen einer vollständigen Konkurrenz oder das Festsetzen von Entlohnungsuntergrenzen in Höhe der Grenzproduktivität vermieden werden. (BLUM 1992)

Mit dieser Konzeption wurde Eucken, über seine wissenschaftliche Bedeutung hinaus, zu einem der Väter der Sozialen Marktwirtschaft.


Eine erläuternde Graphik:

  Das Verhältnis des Wirtschaftssystems Verkehrswirtschaft zur hist.-individuellen Wirtschaftsordnung