DIE ANTHROPOLOGISCHEN GRUNDLAGEN DER GESCHICHTE

von Matthias Kuchenbrod


"Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung..."

JOHANN GOTTFRIED HERDER, >Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit<

"Wir reden von der Kunst, als ob sie sich von der Natur unterscheide, doch die Kunst selbst ist dem Menschen natürlich. Er ist gewissermaßen sowohl der Künstler seiner eigenen Gestalt als seines Schicksals und ist bestimmt, von der frühesten Zeit seiner Existenz an zu erfinden und Entwürfe zu machen. Er wendet dieselben Talente für verschiedene Absichten an und spielt in sehr verschiedenen Szenen nahezu die gleiche Rolle. Stets möchte er seine Sache verbessern, und er trägt diese Absicht überall mit sich, wohin er auch geht, ob durch die Straßen der bevölkerten Stadt oder durch die Wildnis des Waldes. Obgleich er für jeden Zustand gleich gut befähigt erscheint, ist er doch gerade deshalb unfähig, in irgendeinem zu verharren. Zugleich hartnäckig und beständig, beklagt er sich über Neuerungen und ist doch niemals mit Neuerungen gesättigt. Er ist fortwährend mit Verbesserungen beschäftigt und klebt beständig an seinen Irrtümern. Wenn er in einer Höhle lebt, möchte er sie in eine Hütte verwandeln, und wenn er bereits gebaut hat, wird er in noch größerem Umfang bauen wollen. Aber er ist dabei nicht zu raschen und hastigen Übergängen geneigt. Er geht langsam, Schritt für Schritt vorwärts, und seine Kraft drängt wie die einer Sprungfeder im stillen gegen jeden Widerstand... Es scheint vielleicht gleich schwer zu sein, seinen Schritt aufzuhalten wie ihn zu beschleunigen... ob seine Bewegungen schnell oder langsam sind, die Szenen menschlicher Angelegenheiten wechseln unter dem Einfluß seiner Handhabung fortwährend. Sein Sinnbild ist ein fließender Strom, nicht ein stehendes Gewässer. Wir mögen wünschen, seine Verbesserungslust auf ihr rechtes Ziel zu lenken, wir mögen Beständigkeit in seinem Betragen verlangen, aber wir mißverständen die menschliche Natur, wenn wir ein Ende ihrer Arbeit oder einen Zustand der Ruhe herbeisehen."

ADAM FERGUSON, >Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft<

"Der Mensch hat von der Natur Vernunft und Geschicklichkeit, Kunstfertigkeit, Erfindungsgeist und Verbesserungsfähigkeit erhalten, die weit über das hinausgehen, was sie jeden anderen Lebewesen gegeben hat. Gleichzeitig aber ist er sehr viel hilfloser und bedürftiger bezüglich Unterhalt  und Komfort in seinem Leben. Alle anderen Tiere finden ihre Nahrung in gewünschtem Zustand und so, dass diese ihren natürlichen Gegebenheiten angepasst ist; und sie brauchen wenig andere Dinge. - Aber der Mensch, von zarterer Bauart und schwächlicherer Konstitution, trifft auf nichts, was seinem Gebrauch ohne Verbesserung und Zubereitung angepasst wäre."

ADAM SMITH, >Vorlesungen über Rechts- und Staatswissenschaften<

"Vom Standpunkt eines wahren Philosophen betrachtet, ist der Mensch eine Intelligenz, die von Organen bedient wird."

LOUIS DE BONALD

"Jegliche Frage über die Natur des Menschen muß von der Geschichte beantwortet werden. Der Philosoph aber, der uns mit Vernunftgründen beweisen will, was der Mensch sein soll, verdient unser Gehör nicht. Er ersetzt die Erfahrung durch Bequemlichkeitsgründe und den Willen des Schöpfers durch seine eigenen Entscheidungen."

JOSEPH DE MAISTRE, >Von der Souveränität<

"Erst wenn die Kultur verfällt, wenn eine jener vorübergehenden Strukturen des Menschen zusammenbricht, offenbart sich unseren Augen aufs neue die wuchernde und formlose Vielfalt der menschlichen Natur."

NICOLÁS GÓMEZ DÁVILA, >Notas<


Bereits seit einigen Jahren hält ein neuer Trend innerhalb des internationalen Wissenschaftsbetriebs an, der darauf hinausläuft, die Sozialanthropologie nicht länger als eine isolierte Spezialdisziplin zu betrachten, die sich lediglich mit "primitiven", schriftlosen Kulturen auseinandersetzt, sondern sie in den Rang einer Integrations- und Grundlagenwissenschaft der gesamten Humanwissenschaften zu erheben. Die Sozialanthropologie ist hierfür aus zwei Gründen prädestiniert:

Die Aussagekraft anthropologischer Forschungen für den Historiker soll im folgenden umrißhaft an dem grundsätzlichen Problem der menschlichen Handlungsfähigkeit - also sozusagen am "Rohstoff" der Geschichtsschreibung - aufgezeigt werden.


Vergleicht man das Anpassungsvermögen von Tieren und Menschen, so kommt man zu folgendem Gegensatz:

Die Anpassungsleistung der Menschen weist dabei zwei Eigenarten auf, die die genetisch gesteuerte Anpassungsleistung der Tiere so nicht kennt:

Der Historiker kann diese Grundgegebenheiten der menschlichen Geschichte nur konstatieren und ihre konkreten Ausprägungen nachvollziehen. Um dagegen das Anpassungsvermögen des Menschen als solches zu erklären, muß er sich an den Ansatz einer Anthropologie wenden, wie sie Arnold Gehlen in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts vorgelegt hat. Gehlen zielt dabei, anders als die rein klassifikatorischen Handlungstheorien anderer Soziologen, die lediglich mögliche Motivlagen individuellen Handelns typisierend aufzählen, auf eine prinzipielle Theorie der menschlichen Handlungsfähigkeit. Um diese Theorie zu erreichen, griff er auf z.T. ältere Ansätze der philosophischen Anthropologie zurück (J.G. Herder, A. Schopenhauer, M. Scheler, J. Dewey u.a.), die er systematisierte und entfaltete, indem er sie mit den Resultaten der neueren Ethologie und Biologie (V. v. Weizsäcker, J. v. Uexküll u.a.) konfrontierte.

Sein Ansatz läßt sich treffend in dem bekannten Schlagwort vom "Mängelwesen Mensch" zusammenfassen. Der Mensch ist nach Gehlen, verglichen mit jeder Tierart, in dreierlei Hinsicht ein Mängelwesen:

Diese drei naturgegebenen Mängel werden vom Menschen in Überlebenschancen umgemünzt, insofern, als sie den Freiraum für eine kulturelle Formung des Verhaltens eröffnen. An die Stelle der ererbten, genetisch bestimmten Handlungsmuster des Tieres tritt die erlernte, auf eigener oder fremder Erfahrung beruhende kulturelle Praxis, die Gehlen als den "Inbegriff tätig veränderter urwüchsiger Bedingungen" definiert. Die Kulturleistung überbrückt dabei einerseits die biologisch definierte Mängelsituation des Menschen, sie baut aber andererseits auf dieser biologischen Ausgangslage auf und ist ohne sie nicht denkbar:

"Die kulturelle Realität baut auf der normalen organischen Realität auf, wächst aber über sie hinaus, geradeso wie die organische Realität auf ihrem chemischen und physikalischen Untergrund aufbaut und sich über ihn erhebt." (M. HARRIS: Menschen, S. 67)

Die kompensatorische Einübung in Kulturweisen, die sich im wesentlichen in der langen Aufzuchtphase abspielt (= Enkulturation), funktioniert durch das Zusammenspiel dreier Schlüsselbereiche der menschlichen Natur, die sich alle durch ein Ausmaß an Flexibilität und Formbarkeit auszeichnen, die den entsprechenden Elementen im Verhalten der Tiere abgeht:

Als Fazit dieser Überlegungen kann die folgende Passage aus Gehlens Hauptwerk dienen:

"In allen Handlungen des Menschen geschieht ein Doppeltes: er bewältigt tätig die Wirklichkeit um ihn herum, indem er sie ins Lebensdienliche verändert, weil es eben natürliche, von selbst angepaßte Existenzbedingungen außer ihm nicht gibt oder weil die natürlichen unangepaßten Lebensbedingungen ihm unerträglich sind. Und, von der anderen Seite gesehen, holt er damit aus sich eine sehr komplizierte Hierarchie von Leistungen heraus, >stellt< in sich selbst eine Aufbauordnung des Könnens >fest<, die in ihm bloß der Möglichkeit nach liegt, und die er durchaus eigentätig, auch gegen innere Belastungen handelnd, aus sich herauszuzüchten hat. D.h. der Inbegriff menschlicher Fähigkeiten, von den elementarsten bis zu den höchsten, wird von ihm in Auseinandersetzung mit der Welt erst eigentätig entwickelt, und zwar in der Richtung eines Führungs- und Unterordnungssystems von Leistungen, in denen die wirkliche Lebensfähigkeit erst nach langer Zeit erreicht wird." (A. Gehlen: Der Mensch, S. 37)


Ihre konkrete Ausgestaltung erfährt die wandelbare Natur des Menschen jeweils in drei Angelpunkten der menschlichen Kultur:

Diese Kernelemente des menschlichen Verhaltens, die Gehlen herausgearbeitet hat, eröffnen zugleich die entscheidenden Forschungsperspektiven für den Kulturwissenschaftler. Gesellschaften erschließen sich über ihren institutionellen Aufbau und die Art und den Umfang ihres Werkzeuggebrauchs. Beide Sphären sind als Anpassungsleistungen an konkrete Umweltprobleme aufzufassen, die der Regulierung des "Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur" dienen (K. Marx in Marx / Engels-Werke. Bd. 23. Berlin 1988, S. 198), wobei die Umwelt als ein im steigenden Maße durch menschliches Handeln mitdefiniertes und -geformtes Objekt - als eine "Werkstätte des Seins" (W. James) - begriffen werden muß. Die Sprache schließlich eröffnet sich durch Gehlens Blick als eine "praktische" Angelegenheit, als ein regelrechtes "Verhaltenssystem" (C. W. Morris), durch das Menschen ihr eigenes und fremdes Verhalten steuern, regulieren und aufeinander abstimmen. Sie ist Ausdruck eines praktischen Verhältnisses zu den Dingen und zu den Menschen, so daß historische Praxis aus sprachlichen Relikten rekonstruiert werden kann.


Das Prinzip der kulturellen Auslese:

Die konkrete Mannigfaltigkeit geschichtlicher Formen wird letztlich von den angeführten Elementen der menschlichen Natur umfaßt. Entscheidend für die Entwicklungsfähigkeit des Menschen ist dabei das Zusammenspiel von entlastender Routine und freier Neuschöpfung von Handlungsmustern und Problemlösungen ("Rekonstruktion"), ein Gedanke, den Gehlen von den amerikanischen Pragmatisten (vor allem John Dewey) übernommen hat. Dank der modifizierbaren Natur des Menschen ist es ihm möglich, einen instinktersetzenden Habitus aus Gewohnheiten aufzubauen, der der Intelligenz den Freiraum läßt, auf neue Lebenslagen schöpferisch zu reagieren.

Durch das Zusammenspiel von Gewohnheit und Innovation wird jener Mechanismus in Gang gesetzt, den Marvin Harris als "kulturelle Auslese" der genetischen Auslese gegenüberstellt. Die kulturelle, nicht etwa genetisch zu verstehende Innovationsfähigkeit des Menschen antwortet auf Problemlagen, die durch die menschlichen Bedürfnisse, den technisch-institutionellen Handlungsrahmen der Individuen und durch die ökologisch-ökonomische Ressourcenmenge definiert werden. Ist die Antwort der Menschen der jeweiligen Situation angemessen, geht sie als institutionalisierte Gewohnheit in den Habitus der Kultur ein. Ist sie dagegen unangemessen, verschwindet sie wieder:

"Die menschlichen Kulturen sind organisierte Systeme sozial erworbenen Verhaltens und Denkens, die den Erfordernissen und Möglichkeiten der menschlichen Natur nachkommen bzw. Rechnung tragen. Die kulturelle Auslese steht im Dienst der menschlichen Natur. Sie funktioniert in der Form, daß sie Verhaltensweisen und Vorstellungen konserviert und durchsetzt, die den biologischen und psychologischen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen in einer bestimmten Gruppe oder Untergruppe am besten gerecht werden. Das soziale Leben erzeugt einen ständigen Strom von Spielarten in den Denk- und Verhaltensformen, und diese Spielarten unterliegen einer ständigen Überprüfung, inwieweit sie dem Wohlergehen förderlich sind oder schaden. Dieser Prüf- oder Testvorgang kann von bewußten Kosten/Nutzen-Überlegungen bei den Prüfenden begleitet sein oder auch nicht. Das Wichtige ist, daß sich manche Spielarten im Vergleich mit anderen als vorteilhafter erweisen und innerhalb der Gruppe (bzw. Untergruppe) oder durch die Generationen hindurch konserviert werden und sich verbreiten, während andere, die sich als weniger vorteilhaft herausstellen, nicht konserviert werden und sich nicht ausbreiten." (M. HARRIS: Menschen, S. 124).

So gesehen läßt sich der Entwicklungsgang von den ersten menschenähnlichen Affen bis hin zum heutigen Menschen als eine Bewegung der allmählichen biologischen Desintegration verstehen, die durch eine Gegenbewegung der zunehmenden kulturellen Reintegration kompensiert werden mußte. Die Fruchtbarkeit dieser Perspektive für die historische Forschung liegt auf der Hand. Sie kann durch eine Vielzahl "kompatibler" theoretischer Versatzstücke ausgefüllt werden, deren Zusammenwirken sie synthetisierend zu organisieren vermag.


Eine erläuternde Graphik:

  Das Prinzip der kulturellen Auslese  
     

Literatur

GEHLEN, Arnold: Die Resultate Schopenhauers. In: Gedächtnisschrift für Arthur Schopenhauer zur 150. Wiederkehr seines Geburtstages. Hrsg. v. C.A. Emge und O. v. Schweinichen. Berlin 1938, S. 96ff (als Einführung geeignet)

DERS.: Probleme einer soziologischen Handlungslehre. In: Soziologie und Leben. Die soziologische Dimension der Fachwissenschaften. Hrsg. v. Carl Brinkmann. Tübingen 1952, S. 28ff

DERS.: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 13. Aufl. Wiesbaden 1986

DERS.: Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen. 5. Aufl. Wiesbaden 1986

DERS.: Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen. Reinbek bei Hamburg 1993 (als Einführung geeignet: S. 44ff)

Über A. Gehlen:

HONNETH, Axel / JOAS, Hans: Soziales Handeln und menschliche Natur. Anthropologische Grundlagen der Sozialwissenschaften. Frankfurt a.M. / New York 1980 (bes. S. 52ff)

KLAGES, Helmut: Art. >Gehlen<. In: Staatslexikon. 7.Aufl. Bd. 2. Hrsg. v. der Görres-Gesellschaft. Freiburg u.a. 1986, Sp. 794ff (dort weiterführende Sekundärlit.)

KOFLER, Leo: Das Prinzip der Arbeit in der Marxschen und in der Gehlenschen Anthropologie (1957). In: Ders.: Nation - Klasse - Kultur. Aufsätze aus vier Jahrzehnten. Hrsg. v. R. Pitsch. Wien u. Leipzig 2008, S. 27ff

WEISSMANN, Karlheinz: Art. >Gehlen, Arnold<. In: Lexikon des Konservatismus. Hrsg. v. C. von Schrenck-Notzing. Graz u. Stuttgart 1996, S. 194ff

DERS.: Arnold Gehlen. Vordenker eines neuen Realismus. Schnellroda 2004

Als Ergänzung:

BAUMGARTEN, Eduard: Die geistigen Grundlagen des amerikanischen Gemeinwesens. Bd. II: Der Pragmatismus: R.W. Emerson, W. James, J. Dewey. Frankfurt a.M. 1938 (S. 203ff, bes. S. 260-268)

DARWIN, Charles: Die Abstammung des Menschen. Paderborn o.J. (1874)

DEWEY, John: Die menschliche Natur. Ihr Wesen und ihr Verhalten. Zürich 2004

DERS.: Erfahrung und Natur. Frankfurt a.M. 1995

DERS.: Die Öffentlichkeit und ihre Probleme. Hrsg. v. H.-P. Krüger. Bodenheim 1996

DERS.: Die Suche nach Gewißheit. Frankfurt a.M. 1998

HARRIS, Marvin: Cultural Materialism: The Struggle for a Science of Culture. New York 1980 (bes. S. 46-76)

DERS.: Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch. Frankfurt a.M. / New York 1989

DERS.: Menschen. Wie wir wurden, was wir sind. 2. Aufl. München 1997

JOAS, Hans: Die Kreativität des Handelns. Frankfurt a.M. 1996

SOREL, Georges: De l`utilité du Pragmatisme. 2. Aufl. Paris 1928

STORCH, Volker / WELSCH, Ulrich: Evolution. Tatsachen und Probleme der Abstammungslehre. 6. Aufl. München 1989 (bes. S. 255ff)

UEXKÜLL, Jakob von: Theoretische Biologie (1928). Frankfurt a.M. 1973

WEIZSÄCKER, Viktor von: Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen (1940). 5. Aufl. Stuttgart 1986


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