"Man sieht, daß die Geschichte eine Gemäldegalerie ist, in der es wenig Originale und viele Kopien gibt."
ALEXIS DE TOCQUEVILLE, >Der alte Staat und die Revolution<
"Die allgemeinen Begriffe zeugen nicht für die Stärke, sondern eher für das Ungenügen des Verstandes; denn in der Natur gibt es keine genau gleichen Wesen; keine übereinstimmenden Tatsachen; keine Regeln, die sich unterschiedslos und gleichförmig auf mehrere Dinge zur selben Zeit anwenden ließen."
ALEXIS DE TOCQUEVILLE, >Über die Demokratie in Amerika<
"Deswegen, daß ein Begriff die wesentliche Natur des Begriffs hat, daß er also nicht ohne weiteres prima facie sich mit der Realtität deckt, aus der er erst abstrahiert werden mußte, deswegen ist er immer noch mehr als eine Fiktion, es sei denn, Sie erklären alle Denkresultate für Fiktionen, weil die Wirklichkeit ihnen nur auf einem großen Umweg, und auch dann nur asymptotisch annähernd, entspricht... Ist denn die Feudalität jemals ihrem Begriff entsprechend gewesen? Im Westfrankenreich gegründet, in der Normandie durch die norwegischen Eroberer weiterentwickelt, durch die französischen Normannen in England und Süditalien fortgebildet, kam sie ihrem Begriff am nächsten - im ephemeren Königreich Jerusalem, das in den Assises de Jérusalem den klassischsten Ausdruck der feudalen Ordnung hinterlassen hat. War diese Ordnung deswegen eine Fiktion, weil sie nur in Palästina eine kurzlebige Existenz in voller Klassizität zustande brachte, und auch das nur - größtenteils - auf dem Papier?"
FRIEDRICH ENGELS in einem Brief an Conrad Schmidt vom 12. März 1895
" ... auch unsere Begriffe von den Dingen bilden wir unzählige Male so, daß die Erfahrung sie in dieser Reinheit und Absolutheit überhaupt nicht zeigen, sondern daß erst Abschwächung und Einschränkung durch entgegengesetzt gerichtete ihnen eine empirische Form geben kann. Darum aber sind jene Begriffe nicht etwa verwerflich; sondern gerade durch dies eigentümliche, exaggerierende und wieder reduzierende Verfahren an Begriffen und Maximen kommt das unserer Erkenntnis beschiedene Weltbild zustande. Die Formel, mit der unsere Seele zu der ihr unmittelbar nicht zugängigen Einheit der Dinge gleichsam nachträglich, nachbildend, ein Verhältnis gewinnt, ist, im Praktischen wie im Theoretischen, ein primäres Zusehr, Zuhoch, Zurein, dem zurückdämmende Gegensätze die Konsistenz und den Umfang der Wirklichkeit wie der Wahrheit eintragen."
GEORG SIMMEL, >Philosophie des Geldes<
"Nur von ihren Extremen her kann die Wirklichkeit erschlossen werden."
SIEGFRIED KRACAUER, >Die Angestellten<
Der Begriff des Idealtypus und seine wissenschaftlichen Funktionen lassen sich nur aus einem umfassenderen wissenschaftstheoretischen Konzept verstehen.
Zweck aller Wissenschaften ist es letztlich, die Wirklichkeit begrifflich zu ordnen, doch unterscheiden sie sich in den begriffsbildenden Methoden und Erkenntnisinteressen. Es lassen sich stark verkürzt unterscheiden: Kulturwissenschaften und Naturwissenschaften. Kulturwissenschaften wollen einmalige, historische Phänomene, sogen. "historische Individuen" (Ereignisse, Epochen etc.) ergründen (kausal erklären u. ihren "Sinngehalt" verstehen) während die Naturwissenschaften allgemeine Naturgesetze aufdecken wollen, deren Einzelfälle sich an jedem Ort, zu jedem Zeitpunkt, beliebig oft experimentell wiederholen lassen. Die historischen Individuen, mit denen sich der Kulturwissenschaftler beschäftigt sind dagegen nicht reproduzierbar. Darüberhinaus ist das Erkenntnisinteresse des Kulturwissenschaftlers gerade an der einmaligen Konstellation eines historischen Phänomens zu bestimmten Kulturwerten (z.B. individuelle Freiheit) ausgerichtet (Wertbeziehung), durch welche das historische Individuum letztlich erst aus der unendlich großen, begrifflich nicht zu bewältigenden historischen Wirklichkeit herausgeschält wird. Daher kann sich der Kulturwissenschaftler nicht darauf beschränken, seinen Gegenstand unter ein allgemeines Klassifikationsschema zu zwängen. Ein solches Schema würde sich aus Gattungsbegriffen zusammensetzen, die die Übereinstimmungen unterschiedlicher Gegenstände zusammenfassen, ohne die individuellen Besonderheiten dieser Objekte zu beachten (z.B. Linnés Systematik der Flora und Fauna). Zwar spielen auch solche begrifflichen Ordnungsmuster in den Kulturwissenschaften eine nicht zu unterschätzende Rolle, doch unterscheidet sich diese Wissenschaftsgruppe von den Naturwissenschaften gerade dadurch, daß es ihr um die Herausarbeitung der Differenz zwischen dem historischen Individuum und dem allgemeinen Gattungsbegriff, unter welchen es sich subsumieren läßt, geht. An dieser Stelle setzt die idealtypische Methode an.
Auch der Idealtypus setzt sich, wie letztlich jedes sprachliche Gebilde, aus Gattungsbegriffen zusammen. Doch erhalten diese Begriffe im idealtypischen Konstrukt eine neue Funktion: sie subsumieren nicht einfach die Wirklichkeit, sofern sie sie erfassen können, unter sich, sondern fordern zu einem Vergleich zwischen dem durch sie konstituierten Idealtypus und dem historischen Individuum heraus. Die mehr oder weniger große Divergenz zwischen beiden ist dann der Ansatzpunkt für die Fraugestellungen und die Erklärungsansätze des Historikers.
Wichtig: Der Idealtypus dient dem Vergleich, der Gattungsbegriff der Klassifikation.
Der Idealtypus wird vorwiegend unter forschungspragmatischen Gesichtspunkten formuliert. Er muß nicht "wahr" sein, in dem Sinne, daß sich die Wirklichkeit nahtlos in ihn einfügt, aber er muß dem Forschungsprozeß dienlich sein, indem er etwa interessante Probleme aufzeigt. Sinnvollerweise wird der Idealtypus aufgestellt, indem man einzelne Bestandteile des Forschungsgegenstandes in einem gedanklichen Konstrukt hervorhebt und zwar jene Bestandteile, die diesen Forschungsgegenstand am schärfsten von ähnlichen bzw. verwandten Gegenständen, mit denen er unter einem Gattungsbegriff subsumiert werden könnte, trennen. Diese "idealen" und besonders "rein" ausgeprägten idealtypischen Denkgebilde besitzen den Vorteil leichter in einer klaren und verständlichen begrifflichen Form faßbar zu sein, während die reale historische Mannigfaltigkeit sich nur schwer festen Begriffen beugt. Aber diese Mannigfaltigkeit kann auf den nunmehr ausformulierten Idealtypus bezogen werden, sie erscheint als "verunreinigte" Form, als mehr oder weniger große, meßbare "Abweichung" vom begrifflichen Ideal und diese festlegbare Differenz zwischen Idealtyp und historischer Realität kann nun ihrerseits Objekt begrifflicher Formulierung werden, wobei aber der Idealtypus stets Bezugspunkt bleibt.
Wichtig: Der Idealtypus ist ein fiktives begriffliches Extrem (=Grenzbegriff).
Rein logisch betrachtet, entsteht der Idealtypus dadurch, daß einem Gattungsbegriff einschränkende Zusätze beigefügt werden. Als Beispiel soll der Begriff der Herrschaftsordnung dienen:
Eine Herrschaftsordnung soll definiert sein als Form der Machtausübung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen über andere, die sich einerseits auf die Verfügungsgewalt der Herrschenden über Herrschaftsmittel stützt, andererseits aber auch auf Regeln, die von den Beherrschten, wie auch von den Herrschenden als legitim erachtet werden. Dieser allgemeine Gattungsbegriff deckt nun eine unübersehbar große Zahl von Phänomenen ab. Um ihn in einen brauchbaren Idealtypus, etwa für das europäische Mittelalter zu verwandeln, ist es notwendig, ihn zu konkretisieren, z.B., indem als Legitimitätsform gewohnheitsrechtliche Bestimmungen eingesetzt werden und an die Stelle der Leerformel der Verfügungsgewalt über Herrschaftsmittel die Vergabe von "Land und Leuten" (O. Brunner) durch den Lehensgeber tritt, aus deren wirtschaftlichen Erträgen sich der Lehensnehmer selbst zum Kriege rüsten muß. Diese Bestimmungen sind immer noch sehr allgemein, doch erfüllen sie bereits eine idealtypische Funktion, da sie den mittelalterlichen Lehnsfeudalismus von anderen Herrschaftsordnungen, etwa dem modernen Anstaltsstaat, der auf der Legitimität schriftlich niedergelegter Verfassungen beruht und in dem die Herrschaftsfunktionäre (Beamte) die Machtmittel nur verwalten, nicht aber besitzen, absondert. Zwei historische Phänomene - Lehnsfeudalismus und Anstaltsstaat -, die unter den selben Gattungsbegriff fallen werden somit als voneinander geschiedene Objekte nicht nur erkennbar, sondern auch begrifflich faßbar.
Durch die Hinzufügung immer weiterer Bestimmungen kann dieser Idealtypus zu einem brauchbaren Werkzeug der Forschung gemacht werden. Wichtig ist es aber immer zu beachten, daß die Erklärungen des Historikers erst dort beginnen, wo der Idealtypus "versagt", d.h. dort, wo die historischen Erscheinungen sich nicht mehr in den Idealtypus einfügen. Als Beispiel sei der Idealtypus der Grundherrschaft angeführt. Er definiert Grundherrschaft als Ausübung von Gerichtsbarkeit über leibeigene Bauern und das Innehaben des Obereigentums über den Boden durch einen Grundherrn. Stellt sich nun bei der Untersuchung einer bestimmten Grundherrschaft heraus, daß die Mehrzahl der Bauern in dieser Grundherrschaft nicht leibeigen war oder der Gerichtsbarkeit des Grundherrn nicht unterworfen war, so muß hier die Suche des Historikers nach möglichen Erklärungen für diese Abweichung vom Idealtypus der Grundherrschaft erst einsetzen.
Haben wir bisher die Logik der idealtypischen Begriffsbildung versucht zu rekonstruieren, so muß betont werden, daß diese in der Forschungspraxis zumeist eher implizit vollzogen wird. Zum Beispiel erregt die Arbeit eines einzelnen Historikers, die sich auf ein bestimmtes Untersuchungsobjekt bezog, die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, was dazu führt, daß andere Wissenschaftler seine Resultate aufgreifen und auf ähnliche Objekte in einem idealtypischen Sinne anwenden, d.h. sie arbeiten die Besonderheiten ihres Untersuchungsobjekts, gemessen an den Resultaten der als vorbildlich empfundenen, früheren Arbeit heraus. Überhaupt haben alle vergleichend vorgehenden Studien letztlich ein idealtypisches Grundgerüst, auch wenn dieses nicht als solches dargelegt wird. Historiker denken also idealtypisch, ohne es zu wissen, so wie Moliéres Bürger ihr Leben lang Prosa sprechen, ohne dies selbst erkennen zu können.
Damit der Idealtypus seine Funktion erfüllen kann, muß er folgenden Kriterien nachkommen:
Idealtypen können u.a. aufgestellt werden für:
Mögliche Fehler, bzw. Mißverständnisse bei der Anwendung von Idealtypen:
Abgrenzung des Idealtypus von anderen analytischen Hilfsmitteln:
Literatur zum Problemkreis des Idealtypus