WEBERS TYPOLOGIE DES KAPITALISMUS ALS BEISPIEL FÜR EINE IDEALTYPISCHE BEGRIFFSBILDUNG
von Matthias Kuchenbrod

"... und dennoch kann man die Entwicklung zur zunehmenden Herrschaft des Kapitalismus über das gesamte Wirtschaftsleben... annähernd gleichsetzen der Entwicklung vom ökonomischen Gelegenheitsprofit zu einem ökonomischen System; und die Genesis des >kapitalistischen Geistes<... der Entwicklung von der Romantik des ökonomischen Abenteuers zur rationalen ökonomischen Lebensmethodik."

MAX WEBER, >Antikritisches Schlußwort<

"Dabei ist nun vor allem die profunde Ignoranz unserer Literaten über das Wesen des Kapitalismus das, was jeden mit den Verhältnissen Vertrauten so ungeduldig macht. Es ist noch das wenigste, wenn diese heilige Einfalt etwa die Kriegsgewinne der Firma Krupp mit den Kriegsgewinnen irgendeines Malzschiebers in einen Topf wirft, weil ja beides Produkte von >Kapitalismus< seien. Wichtiger ist, daß sie von dem abgrundtiefen Gegensatz alles von der rein politischen Konjunktur: von Staatslieferungen, Kriegsfinanzierungen, Schleichhandelsgewinnen und all solchen durch den Krieg wieder gigantisch gesteigerten Gelegenheits- und Raubchancen lebenden Kapitalismus und seiner Abenteuergewinne und -risiken gegenüber der Rentabilitätskalkulation des bürgerlichen rationalen Betriebs der Friedenszeit nicht die geringste Ahnung hat. Was auf dem Kontor eines solchen Betriebes eigentlich geschieht, ist ihr ein Buch mit sieben Siegeln. Daß ferner die grundlegende >Gesinnung<, oder wenn man es so ausdrücken will: das >Ethos< jener beiden verschiedenen Arten von Kapitalismus untereinander so entgegengesetzt ist, wie zwei geistige und sittliche Potenzen es überhaupt zu sein vermögen, daß die eine: der rein politisch verankerte >Raubkapitalismus<, so uralt ist wie die uns bekannte Geschichte von Militärstaaten überhaupt, die andere aber ein spezifisches Produkt des modernen europäischen Menschentums, davon ahnt sie natürlich gar nichts."

MAX WEBER, >Wahlrecht und Demokratie in Deutschland<

"Kapital, das - Was dem Anarchisten Feuer, Topf, Nahrung, Tisch sowie Messer und Gabel liefert; der Teil, den er selbst zum Essen beiträgt, ist die Lästerung vor dem Mahl."

AMBROSE BIERCE, >Des Teufels Wörterbuch<


THEORETIKER DES KAPITALISMUS
     
"Das Kapital"  1864 "Der moderne Kapitalismus" 1902 "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" 1904
Karl Marx (1818-1883) Werner Sombart (1863-1941) Max Weber (1864-1920)

Abgrenzung zu konkurrierenden Konzeptionen (Marx und Sombart):

Zweck der Weberschen Kapitalismustypologie:

Dabei ist es entscheidend zu sehen, daß der Kapitalismusbegriff Webers nicht auf eine bestimmte Wirtschaftsstufe oder ein ganzes Wirtschaftssystem zielt, wie das bei den entsprechenden Begriffen von Marx oder Sombart der Fall ist.

Den ursprünglich 1850 von dem französischen Sozialisten Louis Blanc (1811-1882) eingeführten Begriff "Kapitalismus" findet man bei Marx in dieser Form nicht. Sieht man von einem in französischer Sprache verfaßten Briefentwurf aus dem Jahre 1877 ab (vgl. Saul K. Padover (Hrsg.): Karl Marx in seinen Briefen. München 1981, S. 358), verwendet er lediglich das Adjektiv "kapitalistisch" in verschiedenen terminologischen Kombinationen ("k. Produktionsweise", "k. Produktionsverhältnisse", "k. Entwicklung" etc.). Dennoch ist eine Diskussion dieser Begriffsproblematik ohne eine Bezugnahme auf Marx nicht denkbar, da sich viele Autoren, die diesen Begriff benutzen, mehr oder weniger an Marx und seinem theoretischen System orientieren. Das Marxsche Konzept der "Produktionsweise", in welches dessen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus eingebettet ist, zielt insgesamt auf ein "holistisches" Vorgehen ab. Die kapitalistische Produktionsweise ist für Marx eine "bestimmte historische Stufe und Form der gesellschaftlichen Produktion", die verstanden werden muß als "formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital" (K. Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S. 88). Entscheidendes Kriterium des kapitalistischen Systems ist die Trennung von Arbeitern und Produktionsmitteln, zwischen die das Kapital und sein Träger, der Unternehmer, tritt. Ist diese formelle Grundlage erst einmal etabliert, entwickelt sich der Kapitalismus aus diesem Keim durch seine inneren Tendenzen zu einer "Totalität", die sich "alle Elemente der Gesellschaft" unterordnet, bzw. die ihr "noch fehlenden Organe" (K. Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/1858, S. 203) aus sich selber heraus schafft. Dieses holistische Konzept ist im übrigen ein Bestandteil eines evolutionistisch-teleologischen Geschichtsbildes, in dessen Perspektive vergangene historische Formen der Ökonomie lediglich als "Vorstufen" der modernen gesellschaftlichen Strukturen Bedeutung erlangen, bzw. auch nur als solche wahrgenommen werden können. Marx faßte diese Methode, geschichtlichen Wandel gedanklich zu rekonstruieren, in das bekannte, auf Darwins Evolutionstheorie anspielende Diktum von der "Anatomie des Menschen", die ein "Schlüssel zur Anatomie des Affen" ist (ebenda, S. 39). Die zitierten Passagen belegen, daß für Marx das Konzept des Kapitalismus kein bloßes begriffliches Instrument zur intellektuellen Ordnung der wirklichen Phänomene, sondern vielmehr ein in der Geschichte wirkendes Entwicklungsprinzip, einen "Realgrund" darstellt, aus dessen Perspektive sich die neuzeitliche Gesellschaft und ihr prozessualer Wandel als einheitlich durchgestaltetes, sich selbst nach festen, determinierten Schematas organisierendes Gebilde offenbart. Ebenso zwangsläufig, wie sich dieses Gebilde aus seinem Grundprinzip, der Trennung von Produktionsmitteln und Arbeit, entfaltet, entwickeln sich aus ihm jene Elemente, die zu seiner historischen Überwindung führen.

Auch wenn Sombarts Werk sicherlich differenzierter, empirisch gesättigter und methodisch reflektierter auftritt, als das Marxsche, teilt es letztlich dessen Sicht der Dinge. An die Stelle der Marxschen Produktionsweise tritt bei Sombart die Idee des "Wirtschaftssystems", eine Idee, die "umfassend genung" ist, "um alle Seiten des Wirtschaftslebens in sich aufzunehmen" und die somit dazu dienen kann, "große historische Epochen der menschlichen Wirtschaft abzugrenzen" (W. Sombart, Art. >Wirtschaft<, S. 211). Die Wirtschaftssysteme stellen für Sombart jeweils historisch-individuelle, in sich jedoch nach einem einheitlichen "Geist" gestaltete Synthesen von Recht bzw. "Ordnung", Technologie und Wirtschaftsgesinnung dar, deren Entwicklung aus keimhaften Anfängen "genetisch-systematisch" nachgezeichnet werden muß. Schon die Formel: "genetisch-systematisch" zeigt, daß sich für Sombart, letztendlich wie für Marx, Geschichte in der Entfaltung eines Systems erschöpft. Allerdings war Sombart, anders als Marx, skeptisch gegenüber Spekulationen über ein zwangsläufig heraufziehendes Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems eingestellt.

Weber bleibt hingegen offener für die tatsächliche Komplexität der Geschichte. Für ihn hat es ökonomische Betriebsformen, die sich mit dem Idealtypus >Kapitalismus< vergleichen lassen, in jeder Epoche und in jeder Kultur gegeben, die entsprechende Erwerbschancen eröffneten. Kapitalistische Betriebe können dabei mit anderen, nichtkapitalistischen Betriebsformen koexistieren. Sie stellen darüberhinaus auch keine "notwendige" evolutionäre Durchgangserscheinung im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsgeschichte dar. Insofern könnte man seine Typologie des Kapitalismus eher mit den verschiedenen Varianten der Betriebs- und Unternehmenstypologien vergleichen, wie sie sich in jedem neueren Lehrbuch der Betriebswirtschaftslehre finden.

Konstruktionsprinzipien der Typologie:

Der Ansatzpunkt für die Konstruktion der Typologie ist eine "besondere Form der Geldrechnung", nämlich die "Kapitalrechnung":

"Kapitalrechnung ist die Schätzung und Kontrolle von Erwerbschancen und -erfolgen durch Vergleichung des Geldschätzungsbetrages einerseits der sämtlichen Erwerbsgüter (in Natur oder Geld) bei Beginn und andererseits der (noch vorhandenen und neu beschafften) Erwerbsgüter bei Abschluß des einzelnen Erwerbsunternehmens oder, im Fall eines kontinuierlichen Erwerbsbetriebes: einer Rechnungsperiode, durch Anfangs- bzw. Abschluß-Bilanz. Kapital heißt die zum Zweck der Bilanzierung bei Kapitalrechnung festgestellte Geldschätzungssumme der für die Zwecke des Unternehmens verfügbaren Erwerbsmittel, Gewinn bzw. Verlust der durch die Abschlußbilanz ermittelte Mehr- bzw. Minderbetrag der Schätzungssumme gegenüber derjenigen der Anfangsbilanz, Kapitalrisiko die geschätzte Chance bilanzmäßigen Verlustes, wirtschaftliches Unternehmen ein an Kapitalrechnung autonom orientiertes Handeln. Diese Orientierung erfolgt durch Kalkulation: Vorkalkulation des bei einer zu treffenden Maßnahme zu erwartenden Risikos und Gewinns, Nachkalkulation zur Kontrolle des tatsächlich eingetretenen Gewinn- oder Verlust-Erfolges. Rentabilität bedeutet (im Rationalitätsfall) 1. den, als möglich und durch die Maßregeln des Unternehmers zu erstrebend, durch Vorkalkulation errechneten -, 2. den laut Nachkalkulation tatsächlich erzielten und ohne Schädigung künftiger Rentabilitätschancen für den Haushalt des (oder der) Unternehmers verfügbaren Gewinn einer Periode, ausgedrückt üblicherweise im Quotienten- (heute: Prozent-) Verhältnis zum bilanzmäßigen Anfangskapital.

Kapitalrechnungsmäßige Unternehmungen können an Markterwerbschancen oder an der Ausnutzung anderer - z.B. durch Gewaltverhältnisse bedingter (Steuerpacht-, Amtskauf-) - Erwerbschancen orientiert sein." (M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 48)

Entscheidend ist also:

Wie es innerhalb einer idealtypischen Begriffsbildung legitim ist, paßte Weber seine Typologie regelmäßig seinen jeweiligen konkreten Fragestellungen an. Grundsätzlich lassen sich aber in seinen Schriften drei Grundtypen unterscheiden:


Der politische Abenteuerkapitalismus

Das Kapital wird hier eingesetzt, um politisch eröffnete Erwerbschancen auszunutzen. Als Beispiele seien die Staats-, speziell die Kriegsfinanzierung, Kolonialerorberungen und die Steuerpacht angeführt. Das Betriebsrisiko wird durch die Aufstellung eigener politisch-militärischer Machtmittel oder aber durch Anlehnung an bereits bestehende politische Strukturen minimiert. Der Unternehmenserfolg ist daher stets den verschiedensten politischen Wechselfällen ausgeliefert. Eine Risikokalkulation entfällt nicht selten ganz, da außergewöhnlich hohe Gewinnmöglichkeiten zum Eingehen von hohen Risiken einladen. Viele der Erwerbsformen, die sich diesem Typus zuordnen lassen, kommen ohne eine dauerhafte Betriebsgrundlage aus. Sie nutzen einmalige Erwerbschancen aus, um dem Kapitalbesitzer den ökonomischen Aufstieg zu ermöglichen und lösen sich dann wieder auf. Charakteristisch für den politischen Abenteuerkapitalismus ist fernerhin eine oft extreme "Skrupellosigkeit" hinsichtlich der Auswahl der Erwerbsmittel und -wege. Seine spezifische "Wirtschaftsethik" hat wohl am treffendsten Semerau in seinem Buch über die italienischen Militärunternehmer der frühen Neuzeit umrissen: "Alle Mittel sind gleich, wenn es Macht und Reichtum gilt, und dem Erfolg wird alles verziehen." (A. Semerau: Die Condottierie. Jena 1909, S. 282)


Der spekulative Kapitalismus

Das Kapital wird speziell an der Börse in Krediten, Wertpapiergeschäften oder Devisengeschäften angelegt. Eine Risikominimierung erfolgt über das Portfolioprinzip (größtmögliche Risikoverteilung) und über die Buchführung. Daneben spielt auch die Etablierung von kommerziellen Nachrichtendiensten eine Rolle, die das Risiko von Verlusten aufgrund von Informationsdefiziten minimieren. Insgesamt steigert zwar namentlich der Börsenkapitalismus - gesamtwirtschaftlich gesehen - die Rationalität des Erwerbslebens in nicht zu unterschätzendem Ausmaß, indem er die Kreisläufe des Kapitals organisiert und reguliert. Auch wäre eine Kapitalbeschaffung im größeren Maßstab heute ohne die Börse nicht mehr denkbar. Dennoch dominiert in den Augen Webers innerhalb des spekulativen Kapitalismus eine gewisse irrational-hasardartige Betriebsführung, die Raum läßt nicht nur für den "redlichen Makler", sondern auch für den "risikofreudigen" Spekulanten.


Der Gewerbekapitalismus

Hier wird das Kapital in Industrie-, Handels- und Agrarbetrieben angelegt. Die gemeinsame Grundlage dieser Formen ist dabei:

Der durch die hierarchische Form des Betriebes implizierte Organisationsbedarf fördert schon an sich die rationale Gestaltung des Betriebes und seine dauerhafte Aufrechterhaltung ermöglicht es, Lernprozesse auszunutzen und in die betriebliche Praxis umzusetzen - oder wie es der frühe "Handlungstheoretiker" Carl von Clausewitz formuliert: "... mit der Dauer einer Tätigkeit nimmt die Planmäßigkeit derselben zu..." (C. v. Clausewitz: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk. Frankfurt a.M. / Berlin 1991, S. 61).

Die wichtigste Form des Gewerbekapitalismus ist nach Weber in dem spezifisch okzidental-neuzeitlichen Typus des rationalen Betriebskapitalismus zu sehen. Seine Eigenarten sind folgende:

Zu diesen innerbetrieblich angesiedelten Kritierien muß noch als außerbetriebliche Voraussetzung ein gesicherter Rechtsstaat kommen, der ein "berechenbares Recht" (bes. Firmen- und Handelsgesellschaftsrecht, sowie Wechsel- u. Wertpapierrecht) sowie ein verläßliches Geldsystem als "kollektive Güter" für den ökonomischen Betrieb zur Verfügung stellt. Außerdem ist natürlich ein kaufkräftiger Bedarf an Massengütern von Nöten, um die Existenz des rationalen Betriebskapitalismus zu ermöglichen. Wichtige historische Anknüpfungspunkte findet dieser Typus in der "kommerziellen Revolution", wie sie sich in den europäischen Städten des ausgehenden Mittelalters abspielte. Konkret sind hier die doppelte Buchführung, die Trennung von Privat- und Geschäftsvermögen in den neu aufkommenden Gesellschafts- und Unternehmungsformen (commenda) und die räumliche Trennung von Haushalt und Betrieb bei den städtischen Handwerkern zu nennen.

Innerhalb des Gewerbekapitalismus kann man den "patrimonialen Kapitalismus" als Gegentypus zum rationalen Kapitalismus betrachten, einen Begriff, den Weber so allerdings niemals benutzt hat. Dem Typus des patrimonialen Kapitalismus am nächsten kommen die verschiedenen Formen agrarischen Großgrundbesitzes, etwa in der römischen Antike oder in den ostelbischen Arealen des ehemaligen deutschen Reiches. Die Kriterien dieses Typus sind:

Vor allem der herrschaftliche Zugriff auf die Arbeitskräfte läßt den patrimonialen Kapitalismus innerhalb der Weberschen Typologie als eine Art "Zwitter" zwischen dem politischen und dem rationalen Kapitalismus erscheinen. Wo das Wirtschaftsleben ständisch "eingefaßt" ist (Monopolisierung speziell der agrarischen Erwerbschancen durch adelige Schichten), neigt diese Erwerbsform eher dem politischen Kapitalismus zu. Wo dagegen das Wirtschaftsleben durch Reformen (z.B. preußische "Bauernbefreiung" zu Beginn des 19. Jhs.) freigesetzt wird, nähert sie sich stark dem rationalen Kapitalismus an.


Fazit

Die einzelnen Aspekte des rationalen Betriebskapitalismus lassen sich - insbesondere in Kontrast zum Typus des patrimonialen Kapitalismus - unter drei verschiedenen Gesichtspunkten zusammenfassen:

Das Funktionsprinzip der modernen Unternehmung ist auf die möglichst vollständige Kontrolle des Betriebsleiters über die Betriebsmittel ausgerichtet. Ihre rationale Verwendung ist vor allen Dingen als eine Form des Umgangs mit den aus dem Markt erwachsenden Risiken für den Fortbestand des Unternehmens zu betrachten - ein Gedanke, den auch die moderne Systemtheorie (N. Luhmann) teilt. Denn der Markt stellt einerseits einen nicht zu ersetzenden "Informationspool" für das Unternehmen dar, der in Form von Preisen eindeutige Aussagen über den Wert und die Knappheit der Betriebsmittel trifft. Er ist somit unerläßliche Voraussetzung der strengen internen Rechnungsführung des Unternehmens:

"Kapitalrechung setzt bei Markterwerb voraus: 1. daß für die Güter, welche der Erwerbsbetrieb beschafft, hinlänglich breite und gesicherte, durch Kalkulation abschätzbare, Absatzchancen bestehen, also (normalerweise): Marktgängigkeit, 2. daß ebenso die Erwerbsmittel: sachliche Beschaffungsmittel und Arbeitsleistungen, hinlänglich sicher und mit durch Kalkulation errechenbaren >Kosten< auf dem Markt zu erwerben sind, endlich: 3. daß auch die technischen und rechtlichen Bedingungen der mit den Beschaffungsmitteln bis zur Absatzreife vorzunehmenden Maßregeln (Transport, Umformung, Lagerung usw.) prinzipiell berechenbare (Geld-) Kosten entstehen lassen." (M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 48)

Andererseits ist der Markt aber auch eine Quelle von "sekundären Unsicherheiten", die aus der mangelnden Voraussagbarkeit des Verhaltens der anderen Marktteilnehmer erwachsen. Die betriebsextern auftretenden Risiken müssen durch interne Kontrolle so weit als möglich minimiert werden, indem die Anpassungsfähigkeit des Betriebes gesteigert wird. In diesem Sinne betrachtet auch die moderne ökonomische Forschung das Unternehmen als ein "Beherrschungs- und Überwachungssystem" (O.E. Williamson): Markttransaktionen werden, um das mit ihnen untrennbar verknüpfte Risikopotential zu umgehen, in regulierbare unternehmensinterne Strukturen und Mechanismen transformiert, was sich besonders in der doppelten Buchführung manifestiert, die die ehemals auf dem Markt ablaufenden Beziehungen unternehmensintern "simuliert". Das "Kontensystem" der doppelten Buchführung erzeugt eine "Fiktion von Tauschvorgängen zwischen den einzelnen Betriebsabteilungen oder gesonderten Rechnungsposten", welche die "Kontrolle der Rentabilität jeder einzelnen Maßregel gestattet" (M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 49). Der rationale Betriebskapitalismus ruht also letztlich auf zwei Füßen: einerseits auf der Institution des Marktes, dessen Preisdaten unerläßlich für die Entwicklung seiner spezifischen Rechenhaftigkeit sind, und andererseits auf der Ausbildung einer Art "Gegeninstitution" zum Markt, deren Organe auf die kontrollierte innere Anpassung an die Gegebenheiten des Marktes ausgerichtet sind. Mit dem Unternehmen tritt also - wie Weber es in einem frühen Vorlesungsmanuskript formuliert - "das organisatorische Moment, welche(s) zum Begriff >Wirtschaft< gehört und welche(s) der Volks->Wirtschaft< fehlt" auf die Bühne des Marktes (M. Weber, Grundriss zu den Vorlesungen, S. 57).

Die Mittel, auf denen die spezifische Anpassungsfähigkeit des modernen Betriebs beruht, welchen man im gewissen Sinne als "Risikoumgangsform" auffassen kann, lassen sich mit Webers Idealtypus eindeutig benennen und einer näheren Untersuchung unterwerfen. Somit offenbart sich in der Typologie des Kapitalismus die Funktion von idealtypischen Begriffen. Sie formulieren klare und eindeutige sprachliche Konzepte, mit deren Hilfe das Forschungsobjekt von "verwandten" Phänomenen abgegrenzt werden kann. Gleichzeitig werden durch diese Konzepte die unter dem Blickwinkel der jeweiligen Fragestellung entscheidenden Aspekte quasi "sezierend" hervorgehoben, um nunmehr einer weitergehenden Bearbeitung durch die empirische und theoretische Forschung zur Verfügung zu stehen.


Eine erläuternde Graphik:

  Die Typologie des Kapitalismus  
     

LITERATUR

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