Die Theorie des
institutionellen Wandels von
Douglass C.
North
von Matthias
Kuchenbrod
"Die Formen der Zusammenarbeit und des Wettbewerbs, die
die Menschen entwickeln, und die verschiedenen Möglichkeiten,
die entsprechenden Verhaltensregeln durchzusetzen, machen das
Herzstück der Wirtschaftsgeschichte aus."
D.C. NORTH, >Theorie des institutionellen Wandels<
"Unter den gesellschaftlichen Hilfsmitteln verstehen wir
Institutionen und Gesetze welche dem Bürger Sicherheit der Person und des Eigentums, den freien Gebrauch
seiner geistigen und körperlichen Kräfte sichern - Anstalten welche den Verkehr regeln und erleichtern,
sowie die Abwesenheit von Industrie, Freiheit, Intelligenz und Moralität störenden Institutionen, z.B. des Feudalwesens usw."
"Die Geschichte lehrt also, daß die Individuen den größten Teil ihrer produktiven Kraft aus den gesellschaftlichen Institutionen und Zuständen
schöpfen."
FRIEDRICH LIST, >Das nationale System der politischen Ökonomie<
"Das vergleichende Studium der Volkswirtschaft verschiedener Zeiten und
Länder wird auch die natürlichen und technischen Unterschiede, die der Rasse, der Kapitalmenge und ähnliches in Rechnung
ziehen; aber sie wird vor allem die Institutionen und Organe vergleichen, die wirtschaftliche, Familien-, Gemeinde- und Staatsverfassung,
die agrarischen und gewerblichen Betriebs- und Unternehmungsformen, die Institutionen des Markt- und Verkehrswesens, des Geld- und
Kreditwesens, die Art, wie Arbeitsteilung und Klassenbildung sich in Vereinen und Korporationen, Ständen und Institutionen
fixiert haben. Das Studium der Organe und Institutionen ist für die Erkenntnis des sozialen Körpers dasselbe,
was die Anatomie für die des physischen; auch die Physiologie der Säfte und das Verständnis ihrer Zirkulation kann nur
auf einer Kenntnis der Organe sich aufbauen. Die alte Volkswirtschaftslehre mit ihrem Untergehen in Preisuntersuchungen und
Zirkulationserscheinungen stellt den Versuch einer volkswirtschaftlichen Säftephysiologie ohne Anatomie des sozialen
Körpers dar."
GUSTAV VON SCHMOLLER, >Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre<
"So gewiss es aber auch den Menschen möglich ist, eine kleine, unkultivierte Gesellschaft ohne Regierung zu erhalten, so gewiss ist es ganz unmöglich, eine Gesellschaft ohne Rechtsordnung zu erhalten und ohne die Befolgung jener drei Fundamentalgesetze, die die Sicherheit des Besitzes, seine Übertragung durch Zustimmung und das Halten von Versprechungen fordern."
"Ein Mensch besitzt entweder ein volles und ganzes Eigentumsrecht, oder er besitzt gar keines."
"Wo vollständige Rechtlichkeit ist, da ist auch das Eigentum vollständig; wo die Rechtlichkeit unvollständig ist, da muss das Eigentum unvollständig sein."
DAVID HUME, >Traktat über die menschliche Natur<
Die Blindstellen der neoklassischen Wirtschaftstheorie
als Ausgangspunkt von North:
Die neoklassische Wirtschaftstheorie stellt nicht nur das
entscheidende Paradigma der modernen Ökonomen dar, sondern
prägt über den Einfluß der Schule der Kliometrie (R.W. Fogel
u.a.) auch die neuere Wirtschaftsgeschichtsschreibung. Dieser
Theorieansatz zeichnet sich durch ein hohes Maß an begrifflicher
Präzision und eine weitgehende quantitative Untermauerung seiner
Resultate aus. Letztendlich fußt er auf einer Reihe von
einfachen Annahmen über das Verhalten von wirtschaftenden
Individuen:
"1. Die Welt der Wirtschaft wird als einigermaßen im
Gleichgewicht befindlich angenommen.
2. Einzelne Wirtschafter stehen wiederholt vor denselben
Entscheidungssituationen oder einer Folge sehr ähnlicher
Entscheidungen.
3. Die Akteure haben stabile Präferenzen und bewerten
demgemäß die Ergebnisse individueller Entscheidungen anhand
stabiler Kriterien.
4. Wiederholen sich Situationen, so könnte jeder einzelne
Akteur jede sich bietende Gelegenheit zur Verbesserung von
Ergebnissen erkennen und nützen, und sofern es sich um ein
Unternehmen handelt, würde es das selbst auf die Gefahr hin tun,
durch den Wettbewerb ausgeschaltet zu werden.
5. Es kann daher kein Gleichgewicht entstehen, in dem die
einzelnen Akteure es verabsäumen würden, ihre Präferenzen zu
maximieren.
6. Da die Welt annähernd im Gleichgewicht ist, weist sie
zumindest annähernd die Muster auf, von denen die Annahmen
ausgehen, daß die Akteure maximieren.
7. Die Einzelheiten des Anpassungsvorgangs sind komplex und
wahrscheinlich akteurs- und situationsspezifisch. Im Gegensatz
hierzu sind die Regelmäßigkeiten, die zu einem
Optimierungsgleichgewicht gehören, verhältnismäßig einfach;
aus Sparsamkeitsgründen muß daher der Weg zum Fortschritt
ökonomischer Erkenntnis darin bestehen, diese Regelmäßigkeiten
theoretisch zu erforschen und die Ergebnisse mit anderen
Beobachtungen zu vergleichen." (NORTH 1992, S. 23f)
Die Basis der Neoklassik findet sich im Zusammenspiel zwischen
dem auf Nutzenoptimierung ausgerichteten wirtschaftenden
Individuum und effizienten Märkten, die durch relative
Preisverschiebungen Indikatoren für neue Erwerbschancen
erzeugen. Das wirtschaftende Individuum reagiert dank seiner
wirklichkeitsgerechten Wahrnehmungsmuster adäquat auf diese
Indikatoren und erschafft durch seine Umorientierung problemlos
eine neue Gleichgewichtssituation. Diesen Grundpfeiler des
neoklassischen Ansatzes greift auch North mit seiner Theorie
nicht an. Auch er geht davon aus, daß der Wirtschaftsprozeß
letztlich durch die Reaktionen der wirtschaftenden Individuen auf
relative Preisverschiebungen gelenkt wird. Aber diese Reaktionen
sind eingebettet in komplexere Rahmenbedingungen, die die
Neoklassik nicht beachtet. So sind beispielsweise die
Informationen, die das wirtschaftende Individuum benötigt, um
adäquat reagieren zu können, nicht kostenlos und oft nicht im
nötigen Umfang vorhanden. Das Individuum handelt stets in einer
Situation der Ungewißheit. Aber auch abgesehen von der fehlenden
objektiven Datenbasis ist es auch alles andere als
selbstverständlich, daß der jeweilige Akteur im Besitz
realitätsgerechter Wahrnehmungsmuster ist. Die Wahrnehmung des
Menschen wird stets beeinflußt durch eingeübte kulturelle
Sichtweisen oder auch durch pseudowissenschaftliche Ideologien.
Vor allen Dingen aber sind für den Wirtschaftshistoriker, anders
als für den neoklassischen Theoretiker, effiziente Märkte
geschichtliche Ausnahmeerscheinungen. Sie sind alles andere als
selbstverständlich und dort, wo sie existieren, fußen sie auf
einem komplexen Gefüge von Institutionen, welches sich mit dem
relativ einfachen Instrumentarium der Neoklassik nicht
analysieren läßt. Die Ergründung dieses Gefüges hat aber für
den Wirtschaftshistoriker entscheidende Bedeutung, ließen sich
doch so auch Rückschlüsse auf das wirtschaftliche Verhalten in
Situationen ohne effiziente Märkte - im geschichtlichen
"Normalfall" also - durchführen. Norths Ansatz ist
dementsprechend darauf ausgerichtet, die Institutionenblindheit
der Neoklassik durch eine adäquate Theorie zu kompensieren, eine
Theorie, die freilich die basalen Erkenntnisse der Neoklassik
weiterzutragen hätte:
"Unsere Konzentration auf die Hypothesen rationaler
Entscheidung und effizienter Märkte hat uns blind gemacht für
die Auswirkungen unvollständiger Information und die komplexen
Beziehungen zwischen Umwelt und subjektiven Wahrnehmungen der
äußeren Welt durch den einzelnen. Am Paradigma vom rationalen
Handeln ist nichts auszusetzen, was nicht durch eine - ganz
natürliche - Beachtung der Komplexität menschlicher Motive und
der Probleme, die sich aus der Informationsverarbeitung ergeben,
zu beheben wäre. Sozialwissenschaftler würden dann nicht nur
verstehen, warum es Institutionen gibt, sondern auch, wie sie am
Zustandekommen von Ergebnissen beteiligt sind." (NORTH 1992,
S. 132)
Die Rolle der Transaktionskosten:
Nun hat es in der älteren ökonomischen Theorie bereits eine
Vielzahl von Versuchen gegeben, den institutionellen
Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns gerecht zu werden
- erwähnt seien nur die sogen. "schottische
Aufklärung" (D. Hume, A. Smith u.a.) oder das ökonomische
System von Karl Marx. Der Nachteil dieser älteren Modelle
besteht freilich darin, daß sie die begriffliche Präzision und
Eleganz der Neoklassik nicht erreichen. Sie enthalten sogar
Elemente, die sich aus heutiger Sicht wie
"metaphysische" Relikte ausnehmen - man denke nur an
die Arbeitswerttheorie, die sich ursprünglich aus der
praktischen Philosophie John Lockes herleitet, oder aber an die
Annahme historischer Entwicklungsgesetze bei Marx. Für North ist
es selbstverständlich, daß eine adäquate Institutionentheorie
nicht einfach spekulativ der modernen Wirtschaftstheorie
aufgepropft werden darf, sondern einen Ansatzpunkt in der
modernen Schulökonomie selber suchen muß. Diesen Ansatzpunkt
findet North in einem Problemfeld, mit dem sich amerikanische
Ökonomen (vor allen Dingen R.H. Coase) seit den 30er Jahren
unseres Jahrhunderts beschäftigen, dem Problemfeld der sogen.
Transaktionskosten.
Transaktionskosten definieren sich durch ihren Gegensatz zu
den Transformationskosten, die bei der
unternehmensinternen Umwandlung von Stoffen, Energien und
Vorprodukten in Zwischenprodukte oder marktfähige Güter und
Dienstleistungen, kurz gesagt: bei der Kombination der
Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital anfallen. Transaktionskosten
hingegen sind Kosten, die den wirtschaftenden Akteur zusätzlich
durch die Notwendigkeit belasten, das Zustandekommen einer
ökonomischen Transaktion auf dem Markt abzusichern.
Grundsätzlich gesehen entstehen Transaktionskosten aus
Informationsdefiziten bzw. -asymmetrien zwischen den einzelnen
Marktakteuren und dem aus diesen Defiziten erwachsenden Risiko.
Will ich beispielsweise ein Vorprodukt meines eigenen
Produktionsprozesses, welches bestimmten technischen Standards
entsprechen soll, auf dem Markt einkaufen, so muß ich Zeit und
Geld aufbringen, um potentielle Anbieter aufzufinden. Auch
nachdem ich mich für einen bestimmten Anbieter entschieden habe,
entstehen mir aus der Transaktion möglicherweise zusätzliche
Kosten, weil ich beispielsweise Regressforderungen für die
Lieferung von nicht vertragsadäquaten Waren vor Gericht
durchsetzen muß. Vor und nach dem Zustandekommen der Transaktion
sehe ich mich also mit Risiken konfrontiert, deren mögliche oder
tatsächliche Kosten ich mit einkalkulieren muß.
North unterscheidet zwischen zwei Gruppen von
Transaktionskosten: Messungskosten und Durchsetzungskosten. Messungskosten
werden in der Literatur auch als ex ante-Kosten bezeichnet. Sie
werden durch die Schwierigkeit bestimmt, die Qualität eines
Gutes und seine Angemessenheit für meine spezifischen
Bedürfnisse vor dem Kauf abzuschätzen und steuern so meine
Verhandlungsstrategie vor dem Vertragsabschluß:
"Sach- und Dienstleistungen sowie die Tätigkeit von
Agenten haben zahlreiche Eigenschaften (Attribute), die bei den
einzelnen Exemplaren bzw. Agenten ganz unterschiedlich
ausgeprägt sind. Die Messung dieser Niveaus ist zu kostspielig,
um umfassend oder völlig genau erfolgen zu können. Die
Informationskosten der Ermittlung von Ausprägungsniveaus
einzelner Attribute jeder getauschten Einheit sind die Ursache
der Kostspieligkeit dieser Transaktionsphase. Selbst wenn alle
tauschenden Personen dieselbe objektive Zielfunktion hätten...,
gäbe es immer noch die Transaktionskosten, die aus der
Ermittlung der notwendigen Informationen über die
Ausprägungsniveaus der Attribute jeder Tauscheinheit, des
Standortes von Käufern (Verkäufern) usw. erwüchsen. In
Wirklichkeit aber bestehen zwischen den Teilnehmern
Informationsasymmetrien, und im Verein mit den zugrundegelegten
Verhaltensfunktionen der einzelnen haben diese einschneidende
Folgen für die ökonomische Theorie und die Analyse von
Institutionen." (NORTH 1992, S. 35)
Durchsetzungskosten hingegen werden als ex post-Kosten
angesehen. Sie erwachsen aus den Schwierigkeiten die vorgesehenen
Gegenleistungen eines abgeschlossenen Vertrages zu erzwingen. Zu
nennen wären hier etwa die Qualitätskontrolle erstandener
Güter, die Kosten, die aus der Schlichtung eines Konflikts
zwischen den Vertragspartnern erwachsen oder auch die Kosten
eventl. Nachverhandlungen, die bei einer Änderung der Marktlage
notwendig wurden.
Die wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung von Transaktionskosten
läßt sich skizzenhaft am Beispiel der "kommerziellen
Revolution" im mittelalterlichen Mittelmeerraum darstellen:
Die organisatorischen Probleme, die sich aus der zunehmenden
Ausweitung des Fernhandels im Mittelmeerraum ergaben, können mit
den Begriffsschemata der Transaktionskostentheorie adäquat
erfaßt und analysiert werden. So führten etwa die
Messungskosten der Tauschpartner zur Vereinheitlichung von
Maßen, Gewichten und Währungen und zur zunehmenden Ausbreitung
effektiverer Buchführungsmethoden. Die Durchsetzungskosten
beförderten ebenfalls die Ausbreitung besserer
Buchführungsmethoden, zusätzlich führten sie aber auch zu
rechtlichen Vereinheitlichungen (kaufmännische Handelsgerichte,
Wechselrecht, Notariatswesen etc.) und zur politischen
Absicherung von Handelsbeziehungen zwischen verschiedenen
Städten (rechtsgeschützte Kaufmannsenklaven etc.). Um das
Problem der Überwachung auswärts tätiger Agenten zu lösen
griff man auf Rechtsmodelle aus dem Nahen Osten zurück und schuf
die sogen. commenda und ihre verschiedenen Spielarten, eine
Kooperationsform, in der ein ortsfester Kaufmann
("stans") einen reisenden Agenten
("tractator") mit der Ausführung eines Geschäftes in
einer anderen Stadt beauftragte. Da der tractator am anfallenden
Gewinn beteiligt war, appellierte man sozusagen an seinen
Eigennutz, um die Erfüllung des Geschäftes abzusichern. Obwohl
die Transaktionskosten in diesen erweiterten
Geschäftsbeziehungen der mittelalterlichen Fernhändler hoch
waren, kam es dennoch zu einer großen Zahl lukrativer
Geschäftsabschlüsse, da durch die angeführten Innovationen das
Risiko, welches aus den Transaktionskosten erwuchs, einigermaßen
rational organisiert bzw. minimiert werden konnte.
Es dürfte deutlich geworden sein, daß die
Transaktionskosten, letztlich aus dem Phänomen der ökonomischen
Kooperation zwischen spezialisierten Akteuren entstehen, welches
in der älteren ökonomischen Literatur in Anschluß an Adam
Smith "naiv" lediglich in seinen positiven Folgen für
die Transformationskosten betrachtet wurde:
"In einer Hauswirtschaft gibt es keine
Transaktionskosten... Je weiter Spezialisierung und
Arbeitsteilung gehen, um so mehr Schritte enthält der
Produktionsvorgang vom ursprünglichen Produzenten bis zum
Letztverbraucher, und um so größer sind die Gesamtkosten der
Messung (da bei jedem Schritt gemessen werden muß)." (NORTH
1988, S. 42)
Grundsätzlich gilt: Je höher die Transaktionskosten liegen -
etwa beim Tausch zwischen Fremden -, desto unwahrscheinlicher
wird ein Geschäftsabschluß. Trotz potentiell höherer Gewinne
wird jeder Akteur - letztlich wohl zurecht - bei seinem
Gegenüber opportunistisches Verhalten voraussetzen, welches zu
seiner Übervorteilung führen muß. Soll es dennoch zu einer
Transaktion kommen, so muß ein unbeteiligter Dritter Garantien
bieten, durch die die Transaktionskosten und damit das Risiko,
welches diese ausdrücken, steuerbar werden. Dieser dritte
Akteur, der in jeder komplexeren Form von Tausch mit gegenwärtig
sein muß, wird aber letztlich durch die konkreten ökonomischen
Institutionen einer Gesellschaft "personifiziert".
Die Rolle der Institutionen:
Institutionen entstehen durch eingelebte Verhaltensroutinen
von Menschen und fußen auf mehr oder weniger allgemeiner
Akzeptanz und / oder einer Zwangsgewalt, mit der sie ausgestattet
wurden. Sie sorgen nicht nur im ökonomischen Bereich für
Kontinuität und Verläßlichkeit und schaffen damit
unerläßliche Voraussetzungen für das menschliche Handeln (s.
dazu auch den Beitrag über A. Gehlen), und zwar insbesondere
dann, wenn Menschen auf Kooperation angewiesen sind:
"Die Institutionen haben den Zweck, die Unsicherheiten
menschlicher Interaktion zu vermindern. Diese Unsicherheiten
ergeben sich als Folge sowohl der Komplexität der zu lösenden
Probleme wie der Problemlösungs-Software (um einen Ausdruck aus
der Computersprache zu verwenden), über die der einzelne
verfügt. Diese Feststellung besagt in keiner Weise, daß die
Institutionen effizient sind." (NORTH 1992, S. 30)
Im Zusammenhang mit der Problematik der Transaktionskosten
unterscheidet North zwischen drei grundlegenden Institutionen:
Entscheidend für das Wirtschaftsleben einer Gesellschaft ist
nun nach North die jeweilige "Symbiose", die die
Unternehmen als zweckgerichtete und lernfähige Gebilde zur
Maximierung der Einkommen und des Vermögens ihrer Inhaber mit
dem konkreten institutionellen Gefüge eingehen. Die
unternehmerischen Organisationen werden sich stets in möglichst
optimaler Weise den institutionellen Gegebenheiten und den durch
sie definierten Transaktionskosten anpassen. Z.B. werden in einer
Gesellschaft, die keine verläßlichen Eigentumsrechte besitzt,
größere Investitionen in komplexere Tauschformen, etwa zwischen
Zulieferern und Endmonteuren, unterbleiben. Mögliche Vorteile,
die sich in diesem Fall hinsichtlich der Konstellation der
Transformationskosten ergeben würden, werden durch die Risiken
eines Verlustes von Fixkapital durch Korruption bzw. Betrug oder
staatliche Konfiskation aufgesogen. Statt dessen wird man
vielleicht auf kapitalextensivere und weniger risikoträchtige,
dafür aber ineffizientere Produktionsmethoden zurückgreifen
(z.B. Verlagssystem).
Der institutionelle Wandel:
Das skizzenhaft dargelegte symbiotische Verhältnis von
unternehmerischen Organisationen und gesellschaftlichen
Institutionen darf jedoch nach North nicht als statisch
betrachtet werden. Nehmen die Organisationen Möglichkeiten der
Einkommensverbesserung (sogen. "Skalenzuwächse") wahr,
so werden sie versuchen, eine Verhandlungsmacht aufzubauen, durch
die das institutionelle Gefüge in ihrem Sinne umgestaltet wird,
und zwar so, daß sie diese Skalenzuwächse realisieren können.
Dieser Prozeß zieht sich in der Regel über lange Zeiträume
hin. Er wird außerdem durch die Konkurrenz der einzelnen
Volkswirtschaften untereinander (z.B. um Kapital) vorangetrieben,
die sich bemühen müssen, die Transaktionskosten zu optimieren.
Der geschilderte Eigennutz der Staatsdiener wird hierbei freilich
als "innere Bremse" wirken:
"Eine Transaktionskostentheorie ist notwendig, weil unter
der immer erfüllten Bedingung der Knappheit und des daraus
folgenden Wettbewerbs effizientere Formen wirtschaftlicher
Ordnung ceteris paribus weniger effiziente Ordnungsformen
verdrängen werden. Der Staat jedoch wird... effiziente
Eigentumsrechte nur in dem Ausmaß begünstigen und
spezifizieren, als sie mit den Wohlstandsmaximierungszielen
derjenigen, die den Staat beherrschen, in Einklang stehen."
(NORTH 1988, S. 34)
Zu beachten ist jedoch in diesem Zusammenhang das wichtige
Phänomen der "Verlaufsabhängigkeit". Die
Wahrnehmung potentieller Skalenvorteile findet innerhalb der
bestehenden - wenn man so will: kontingenten -Institutionenlage
statt und die anpassungseffizienten Organisationen lernen diese
Vorteile, die die Institutionen eröffnen, auszunutzen,
unabhängig von der Frage, ob dies auch der volkswirtschaftlichen
Effizienz dienlich ist. Die einmal etablierten Institutionen
einer Gesellschaft konstituieren daher eine Art
"Fatum", aus dem die durch die Organisationen
vorangetriebenen schrittweisen Veränderungen normalerweise nicht
ausbrechen können. Aus dieser Verlaufsabhängigkeit erklären
sich nach North auch die bis heute starken Differenzen zwischen
den Volkswirtschaften der Ersten und der Dritten Welt. Während
in Europa seit dem Mittelalter günstige Institutionen etabliert
wurden, die in einem langen Prozeß optimiert bzw. rationalisiert
wurden, führt die Verhandlungsmacht erfolgreicher Akteure in der
Dritten Welt eher zu einer Zementierung der eingeschlagenen
negativen Richtung. Der institutionelle Wandel erzeugt dort nicht
- volkswirtschaftlich gesehen - optimale Ergebnisse, sondern
beschränkte Einkommenszuwächse des "symbiotischen"
Bündnisses zwischen den ökonomischen und politischen Eliten.
Die Vorteile der Institutionentheorie von North:
North selber sieht seine grundlegenden Leistungen in einer
neuen Erklärung der neolithischen und der industriellen
Revolution. Beide Revolutionen wurden in der Literatur
traditionell unter dem Gesichtspunkt der Installierung von
technisch-organisatorischen Innovationen und deren Auswirkungen
behandelt (Seßhaftwerdung und Ackerbau bzw. Großbetrieb und
Dampfmaschine). North selber betrachtet diese Phänomene dagegen
als sekundär. Wichtiger war in seinen Augen in der neolithischen
Revolution die erstmalige Durchsetzung exklusiver Eigentumsrechte
am Boden durch Stammesgruppen, die dessen nachhaltige und
effiziente Nutzung erst möglich machten. Im Falle der
industriellen Revolution stellt North die Durchsetzung des Rechts
am geistigen Eigentum (Patentrecht) in den Vordergrund, wodurch
eine langfristige Entwicklungspolitik in Fragen der
Produktionstechnologie erst profitabel wurde.
Die Argumente der Kritiker:
Eine erläuternde Graphik:
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Literatur:
COHN, J.S.: Institutions and Economic Analysis. In: Th. G. Rawski u.a.: Economics and the Historian. London u.a. 1996, S. 60ff
ELLERBROCK, K.-P. / WISCHERMANN, C. (Hrsg.): Die Wirtschaftsgeschichte vor der Herausforderung durch die New Institutional Economics. Dortmund 2004
KIESER, A.: Erklären die Theorie der Verfügungsrechte und der Transaktionskosten historischen Wandel von Institutionen (1988). In: Wirtschaftsgeschichte. Hrsg. v. W. Plumpe. Stuttgart 2008, S. 221ff
NEE, V.: The New Institutionalisms in Economics and Sociology. In: The Handbook of Economic Sociology. 2. Aufl. Hrsg. v. N.J. Smelser u. R. Swedberg. Princeton 2005, S. 49ff
NORTH, D.C.: Theorie des institutionellen Wandels. Tübingen
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DERS.: Epilogue: Economic Performance through Time. In: Empirical Studies in Institutional Change. Hrsg. v. L.J. Alston u.a.
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DERS.: Beyond the New Economic History (1974). In: Wirtschaftsgeschichte. Hrsg. v. W. Plumpe. Stuttgart 2008, S. 215ff
NORTH, D.C. / THOMAS, R.P.: The Rise of the Western World.
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NORTH, D.C. /
ANDERSON, T.L. / HILL, P.J.: Growth and Welfare in the American Past: a New
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NORTH, D.C. / WALLIS, J.J. / WEINGAST, B.R.: Violence and Social Orders. A Conceptual Framework for Interpreting Recorded Human History.
Cambridge 2009
PIES, I. / LESCHKE, M. (Hrsg.): Douglass Norths ökonomische Geschichtstheorie. Tübingen 2009
PRIDDAT, B.P.: Historische Methode und moderne Ökonomie. Über das Methodische in der Historischen Schule und das Historische in der Neuen Institutionenökonomie. In: Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. Hrsg. v. H. Berghoff u. J. Vogel. Frankfurt a.M. / New York 2004, S. 99ff
DERS.: Moderne geschichtliche Methode: D.C.North. In: Historische Schulen. Hrsg. v. J.G. Backhaus. Münster 2005, S. 122ff
RICHTER, R.: Bridging Old and New Institutional Economics: Gustav Schmoller, the Leader of the Younger German Historical School, Seen With Neoinstitutionalists` Eyes. In: Journal of Institutional and Theoretical Economics 152 (1996), S. 567ff
SIEGENTHALER, H.: Geschichte und Ökonomie nach der kulturalistischen Wende (1999). In: Wirtschaftsgeschichte. Hrsg. v. W. Plumpe. Stuttgart 2008, S. 243ff
WISCHERMANN, C. / NIEBERDING, A.: Die institutionelle Revolution. Eine Einführung in die deutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2004
Weiterführende Literatur findet sich in meiner zentralen Bibliographie der >Grundlagenliteratur<.