Die Theorie des institutionellen Wandels von

Douglass C. North

von Matthias Kuchenbrod


"Die Formen der Zusammenarbeit und des Wettbewerbs, die die Menschen entwickeln, und die verschiedenen Möglichkeiten, die entsprechenden Verhaltensregeln durchzusetzen, machen das Herzstück der Wirtschaftsgeschichte aus."

D.C. NORTH, >Theorie des institutionellen Wandels<

"Unter den gesellschaftlichen Hilfsmitteln verstehen wir Institutionen und Gesetze welche dem Bürger Sicherheit der Person und des Eigentums, den freien Gebrauch seiner geistigen und körperlichen Kräfte sichern - Anstalten welche den Verkehr regeln und erleichtern, sowie die Abwesenheit von Industrie, Freiheit, Intelligenz und Moralität störenden Institutionen, z.B. des Feudalwesens usw."

"Die Geschichte lehrt also, daß die Individuen den größten Teil ihrer produktiven Kraft aus den gesellschaftlichen Institutionen und Zuständen schöpfen."

FRIEDRICH LIST, >Das nationale System der politischen Ökonomie< 

"Das vergleichende Studium der Volkswirtschaft verschiedener Zeiten und Länder wird auch die natürlichen und technischen Unterschiede, die der Rasse, der Kapitalmenge und ähnliches in Rechnung ziehen; aber sie wird vor allem die Institutionen und Organe vergleichen, die wirtschaftliche, Familien-, Gemeinde- und Staatsverfassung, die agrarischen und gewerblichen Betriebs- und Unternehmungsformen, die Institutionen des Markt- und Verkehrswesens, des Geld- und Kreditwesens, die Art, wie Arbeitsteilung und Klassenbildung sich in Vereinen und Korporationen, Ständen und Institutionen fixiert haben. Das Studium der Organe und Institutionen ist für die Erkenntnis des sozialen Körpers dasselbe, was die Anatomie für die des physischen; auch die Physiologie der Säfte und das Verständnis ihrer Zirkulation kann nur auf einer Kenntnis der Organe sich aufbauen. Die alte Volkswirtschaftslehre mit ihrem Untergehen in Preisuntersuchungen und Zirkulationserscheinungen stellt den Versuch einer volkswirtschaftlichen Säftephysiologie ohne Anatomie des sozialen Körpers dar."

GUSTAV VON SCHMOLLER, >Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre<

"So gewiss es aber auch den Menschen möglich ist, eine kleine, unkultivierte Gesellschaft ohne Regierung zu erhalten, so gewiss ist es ganz unmöglich, eine Gesellschaft ohne Rechtsordnung zu erhalten und ohne die Befolgung jener drei Fundamentalgesetze, die die Sicherheit des Besitzes, seine Übertragung durch Zustimmung und das Halten von Versprechungen fordern."

"Ein Mensch besitzt entweder ein volles und ganzes Eigentumsrecht, oder er besitzt gar keines."

"Wo vollständige Rechtlichkeit ist, da ist auch das Eigentum vollständig; wo die Rechtlichkeit unvollständig ist, da muss das Eigentum unvollständig sein."

DAVID HUME, >Traktat über die menschliche Natur<


Die Blindstellen der neoklassischen Wirtschaftstheorie als Ausgangspunkt von North:

Die neoklassische Wirtschaftstheorie stellt nicht nur das entscheidende Paradigma der modernen Ökonomen dar, sondern prägt über den Einfluß der Schule der Kliometrie (R.W. Fogel u.a.) auch die neuere Wirtschaftsgeschichtsschreibung. Dieser Theorieansatz zeichnet sich durch ein hohes Maß an begrifflicher Präzision und eine weitgehende quantitative Untermauerung seiner Resultate aus. Letztendlich fußt er auf einer Reihe von einfachen Annahmen über das Verhalten von wirtschaftenden Individuen:

"1. Die Welt der Wirtschaft wird als einigermaßen im Gleichgewicht befindlich angenommen.

2. Einzelne Wirtschafter stehen wiederholt vor denselben Entscheidungssituationen oder einer Folge sehr ähnlicher Entscheidungen.

3. Die Akteure haben stabile Präferenzen und bewerten demgemäß die Ergebnisse individueller Entscheidungen anhand stabiler Kriterien.

4. Wiederholen sich Situationen, so könnte jeder einzelne Akteur jede sich bietende Gelegenheit zur Verbesserung von Ergebnissen erkennen und nützen, und sofern es sich um ein Unternehmen handelt, würde es das selbst auf die Gefahr hin tun, durch den Wettbewerb ausgeschaltet zu werden.

5. Es kann daher kein Gleichgewicht entstehen, in dem die einzelnen Akteure es verabsäumen würden, ihre Präferenzen zu maximieren.

6. Da die Welt annähernd im Gleichgewicht ist, weist sie zumindest annähernd die Muster auf, von denen die Annahmen ausgehen, daß die Akteure maximieren.

7. Die Einzelheiten des Anpassungsvorgangs sind komplex und wahrscheinlich akteurs- und situationsspezifisch. Im Gegensatz hierzu sind die Regelmäßigkeiten, die zu einem Optimierungsgleichgewicht gehören, verhältnismäßig einfach; aus Sparsamkeitsgründen muß daher der Weg zum Fortschritt ökonomischer Erkenntnis darin bestehen, diese Regelmäßigkeiten theoretisch zu erforschen und die Ergebnisse mit anderen Beobachtungen zu vergleichen." (NORTH 1992, S. 23f)

Die Basis der Neoklassik findet sich im Zusammenspiel zwischen dem auf Nutzenoptimierung ausgerichteten wirtschaftenden Individuum und effizienten Märkten, die durch relative Preisverschiebungen Indikatoren für neue Erwerbschancen erzeugen. Das wirtschaftende Individuum reagiert dank seiner wirklichkeitsgerechten Wahrnehmungsmuster adäquat auf diese Indikatoren und erschafft durch seine Umorientierung problemlos eine neue Gleichgewichtssituation. Diesen Grundpfeiler des neoklassischen Ansatzes greift auch North mit seiner Theorie nicht an. Auch er geht davon aus, daß der Wirtschaftsprozeß letztlich durch die Reaktionen der wirtschaftenden Individuen auf relative Preisverschiebungen gelenkt wird. Aber diese Reaktionen sind eingebettet in komplexere Rahmenbedingungen, die die Neoklassik nicht beachtet. So sind beispielsweise die Informationen, die das wirtschaftende Individuum benötigt, um adäquat reagieren zu können, nicht kostenlos und oft nicht im nötigen Umfang vorhanden. Das Individuum handelt stets in einer Situation der Ungewißheit. Aber auch abgesehen von der fehlenden objektiven Datenbasis ist es auch alles andere als selbstverständlich, daß der jeweilige Akteur im Besitz realitätsgerechter Wahrnehmungsmuster ist. Die Wahrnehmung des Menschen wird stets beeinflußt durch eingeübte kulturelle Sichtweisen oder auch durch pseudowissenschaftliche Ideologien. Vor allen Dingen aber sind für den Wirtschaftshistoriker, anders als für den neoklassischen Theoretiker, effiziente Märkte geschichtliche Ausnahmeerscheinungen. Sie sind alles andere als selbstverständlich und dort, wo sie existieren, fußen sie auf einem komplexen Gefüge von Institutionen, welches sich mit dem relativ einfachen Instrumentarium der Neoklassik nicht analysieren läßt. Die Ergründung dieses Gefüges hat aber für den Wirtschaftshistoriker entscheidende Bedeutung, ließen sich doch so auch Rückschlüsse auf das wirtschaftliche Verhalten in Situationen ohne effiziente Märkte - im geschichtlichen "Normalfall" also - durchführen. Norths Ansatz ist dementsprechend darauf ausgerichtet, die Institutionenblindheit der Neoklassik durch eine adäquate Theorie zu kompensieren, eine Theorie, die freilich die basalen Erkenntnisse der Neoklassik weiterzutragen hätte:

"Unsere Konzentration auf die Hypothesen rationaler Entscheidung und effizienter Märkte hat uns blind gemacht für die Auswirkungen unvollständiger Information und die komplexen Beziehungen zwischen Umwelt und subjektiven Wahrnehmungen der äußeren Welt durch den einzelnen. Am Paradigma vom rationalen Handeln ist nichts auszusetzen, was nicht durch eine - ganz natürliche - Beachtung der Komplexität menschlicher Motive und der Probleme, die sich aus der Informationsverarbeitung ergeben, zu beheben wäre. Sozialwissenschaftler würden dann nicht nur verstehen, warum es Institutionen gibt, sondern auch, wie sie am Zustandekommen von Ergebnissen beteiligt sind." (NORTH 1992, S. 132)

Die Rolle der Transaktionskosten:

Nun hat es in der älteren ökonomischen Theorie bereits eine Vielzahl von Versuchen gegeben, den institutionellen Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns gerecht zu werden - erwähnt seien nur die sogen. "schottische Aufklärung" (D. Hume, A. Smith u.a.) oder das ökonomische System von Karl Marx. Der Nachteil dieser älteren Modelle besteht freilich darin, daß sie die begriffliche Präzision und Eleganz der Neoklassik nicht erreichen. Sie enthalten sogar Elemente, die sich aus heutiger Sicht wie "metaphysische" Relikte ausnehmen - man denke nur an die Arbeitswerttheorie, die sich ursprünglich aus der praktischen Philosophie John Lockes herleitet, oder aber an die Annahme historischer Entwicklungsgesetze bei Marx. Für North ist es selbstverständlich, daß eine adäquate Institutionentheorie nicht einfach spekulativ der modernen Wirtschaftstheorie aufgepropft werden darf, sondern einen Ansatzpunkt in der modernen Schulökonomie selber suchen muß. Diesen Ansatzpunkt findet North in einem Problemfeld, mit dem sich amerikanische Ökonomen (vor allen Dingen R.H. Coase) seit den 30er Jahren unseres Jahrhunderts beschäftigen, dem Problemfeld der sogen. Transaktionskosten.

Transaktionskosten definieren sich durch ihren Gegensatz zu den Transformationskosten, die bei der unternehmensinternen Umwandlung von Stoffen, Energien und Vorprodukten in Zwischenprodukte oder marktfähige Güter und Dienstleistungen, kurz gesagt: bei der Kombination der Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital anfallen. Transaktionskosten hingegen sind Kosten, die den wirtschaftenden Akteur zusätzlich durch die Notwendigkeit belasten, das Zustandekommen einer ökonomischen Transaktion auf dem Markt abzusichern. Grundsätzlich gesehen entstehen Transaktionskosten aus Informationsdefiziten bzw. -asymmetrien zwischen den einzelnen Marktakteuren und dem aus diesen Defiziten erwachsenden Risiko. Will ich beispielsweise ein Vorprodukt meines eigenen Produktionsprozesses, welches bestimmten technischen Standards entsprechen soll, auf dem Markt einkaufen, so muß ich Zeit und Geld aufbringen, um potentielle Anbieter aufzufinden. Auch nachdem ich mich für einen bestimmten Anbieter entschieden habe, entstehen mir aus der Transaktion möglicherweise zusätzliche Kosten, weil ich beispielsweise Regressforderungen für die Lieferung von nicht vertragsadäquaten Waren vor Gericht durchsetzen muß. Vor und nach dem Zustandekommen der Transaktion sehe ich mich also mit Risiken konfrontiert, deren mögliche oder tatsächliche Kosten ich mit einkalkulieren muß.

North unterscheidet zwischen zwei Gruppen von Transaktionskosten: Messungskosten und Durchsetzungskosten. Messungskosten werden in der Literatur auch als ex ante-Kosten bezeichnet. Sie werden durch die Schwierigkeit bestimmt, die Qualität eines Gutes und seine Angemessenheit für meine spezifischen Bedürfnisse vor dem Kauf abzuschätzen und steuern so meine Verhandlungsstrategie vor dem Vertragsabschluß:

"Sach- und Dienstleistungen sowie die Tätigkeit von Agenten haben zahlreiche Eigenschaften (Attribute), die bei den einzelnen Exemplaren bzw. Agenten ganz unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Messung dieser Niveaus ist zu kostspielig, um umfassend oder völlig genau erfolgen zu können. Die Informationskosten der Ermittlung von Ausprägungsniveaus einzelner Attribute jeder getauschten Einheit sind die Ursache der Kostspieligkeit dieser Transaktionsphase. Selbst wenn alle tauschenden Personen dieselbe objektive Zielfunktion hätten..., gäbe es immer noch die Transaktionskosten, die aus der Ermittlung der notwendigen Informationen über die Ausprägungsniveaus der Attribute jeder Tauscheinheit, des Standortes von Käufern (Verkäufern) usw. erwüchsen. In Wirklichkeit aber bestehen zwischen den Teilnehmern Informationsasymmetrien, und im Verein mit den zugrundegelegten Verhaltensfunktionen der einzelnen haben diese einschneidende Folgen für die ökonomische Theorie und die Analyse von Institutionen." (NORTH 1992, S. 35)

Durchsetzungskosten hingegen werden als ex post-Kosten angesehen. Sie erwachsen aus den Schwierigkeiten die vorgesehenen Gegenleistungen eines abgeschlossenen Vertrages zu erzwingen. Zu nennen wären hier etwa die Qualitätskontrolle erstandener Güter, die Kosten, die aus der Schlichtung eines Konflikts zwischen den Vertragspartnern erwachsen oder auch die Kosten eventl. Nachverhandlungen, die bei einer Änderung der Marktlage notwendig wurden.

Die wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung von Transaktionskosten läßt sich skizzenhaft am Beispiel der "kommerziellen Revolution" im mittelalterlichen Mittelmeerraum darstellen: Die organisatorischen Probleme, die sich aus der zunehmenden Ausweitung des Fernhandels im Mittelmeerraum ergaben, können mit den Begriffsschemata der Transaktionskostentheorie adäquat erfaßt und analysiert werden. So führten etwa die Messungskosten der Tauschpartner zur Vereinheitlichung von Maßen, Gewichten und Währungen und zur zunehmenden Ausbreitung effektiverer Buchführungsmethoden. Die Durchsetzungskosten beförderten ebenfalls die Ausbreitung besserer Buchführungsmethoden, zusätzlich führten sie aber auch zu rechtlichen Vereinheitlichungen (kaufmännische Handelsgerichte, Wechselrecht, Notariatswesen etc.) und zur politischen Absicherung von Handelsbeziehungen zwischen verschiedenen Städten (rechtsgeschützte Kaufmannsenklaven etc.). Um das Problem der Überwachung auswärts tätiger Agenten zu lösen griff man auf Rechtsmodelle aus dem Nahen Osten zurück und schuf die sogen. commenda und ihre verschiedenen Spielarten, eine Kooperationsform, in der ein ortsfester Kaufmann ("stans") einen reisenden Agenten ("tractator") mit der Ausführung eines Geschäftes in einer anderen Stadt beauftragte. Da der tractator am anfallenden Gewinn beteiligt war, appellierte man sozusagen an seinen Eigennutz, um die Erfüllung des Geschäftes abzusichern. Obwohl die Transaktionskosten in diesen erweiterten Geschäftsbeziehungen der mittelalterlichen Fernhändler hoch waren, kam es dennoch zu einer großen Zahl lukrativer Geschäftsabschlüsse, da durch die angeführten Innovationen das Risiko, welches aus den Transaktionskosten erwuchs, einigermaßen rational organisiert bzw. minimiert werden konnte.

Es dürfte deutlich geworden sein, daß die Transaktionskosten, letztlich aus dem Phänomen der ökonomischen Kooperation zwischen spezialisierten Akteuren entstehen, welches in der älteren ökonomischen Literatur in Anschluß an Adam Smith "naiv" lediglich in seinen positiven Folgen für die Transformationskosten betrachtet wurde:

"In einer Hauswirtschaft gibt es keine Transaktionskosten... Je weiter Spezialisierung und Arbeitsteilung gehen, um so mehr Schritte enthält der Produktionsvorgang vom ursprünglichen Produzenten bis zum Letztverbraucher, und um so größer sind die Gesamtkosten der Messung (da bei jedem Schritt gemessen werden muß)." (NORTH 1988, S. 42)

Grundsätzlich gilt: Je höher die Transaktionskosten liegen - etwa beim Tausch zwischen Fremden -, desto unwahrscheinlicher wird ein Geschäftsabschluß. Trotz potentiell höherer Gewinne wird jeder Akteur - letztlich wohl zurecht - bei seinem Gegenüber opportunistisches Verhalten voraussetzen, welches zu seiner Übervorteilung führen muß. Soll es dennoch zu einer Transaktion kommen, so muß ein unbeteiligter Dritter Garantien bieten, durch die die Transaktionskosten und damit das Risiko, welches diese ausdrücken, steuerbar werden. Dieser dritte Akteur, der in jeder komplexeren Form von Tausch mit gegenwärtig sein muß, wird aber letztlich durch die konkreten ökonomischen Institutionen einer Gesellschaft "personifiziert".

Die Rolle der Institutionen:

Institutionen entstehen durch eingelebte Verhaltensroutinen von Menschen und fußen auf mehr oder weniger allgemeiner Akzeptanz und / oder einer Zwangsgewalt, mit der sie ausgestattet wurden. Sie sorgen nicht nur im ökonomischen Bereich für Kontinuität und Verläßlichkeit und schaffen damit unerläßliche Voraussetzungen für das menschliche Handeln (s. dazu auch den Beitrag über A. Gehlen), und zwar insbesondere dann, wenn Menschen auf Kooperation angewiesen sind:

"Die Institutionen haben den Zweck, die Unsicherheiten menschlicher Interaktion zu vermindern. Diese Unsicherheiten ergeben sich als Folge sowohl der Komplexität der zu lösenden Probleme wie der Problemlösungs-Software (um einen Ausdruck aus der Computersprache zu verwenden), über die der einzelne verfügt. Diese Feststellung besagt in keiner Weise, daß die Institutionen effizient sind." (NORTH 1992, S. 30)

Im Zusammenhang mit der Problematik der Transaktionskosten unterscheidet North zwischen drei grundlegenden Institutionen:

Entscheidend für das Wirtschaftsleben einer Gesellschaft ist nun nach North die jeweilige "Symbiose", die die Unternehmen als zweckgerichtete und lernfähige Gebilde zur Maximierung der Einkommen und des Vermögens ihrer Inhaber mit dem konkreten institutionellen Gefüge eingehen. Die unternehmerischen Organisationen werden sich stets in möglichst optimaler Weise den institutionellen Gegebenheiten und den durch sie definierten Transaktionskosten anpassen. Z.B. werden in einer Gesellschaft, die keine verläßlichen Eigentumsrechte besitzt, größere Investitionen in komplexere Tauschformen, etwa zwischen Zulieferern und Endmonteuren, unterbleiben. Mögliche Vorteile, die sich in diesem Fall hinsichtlich der Konstellation der Transformationskosten ergeben würden, werden durch die Risiken eines Verlustes von Fixkapital durch Korruption bzw. Betrug oder staatliche Konfiskation aufgesogen. Statt dessen wird man vielleicht auf kapitalextensivere und weniger risikoträchtige, dafür aber ineffizientere Produktionsmethoden zurückgreifen (z.B. Verlagssystem).

Der institutionelle Wandel:

Das skizzenhaft dargelegte symbiotische Verhältnis von unternehmerischen Organisationen und gesellschaftlichen Institutionen darf jedoch nach North nicht als statisch betrachtet werden. Nehmen die Organisationen Möglichkeiten der Einkommensverbesserung (sogen. "Skalenzuwächse") wahr, so werden sie versuchen, eine Verhandlungsmacht aufzubauen, durch die das institutionelle Gefüge in ihrem Sinne umgestaltet wird, und zwar so, daß sie diese Skalenzuwächse realisieren können. Dieser Prozeß zieht sich in der Regel über lange Zeiträume hin. Er wird außerdem durch die Konkurrenz der einzelnen Volkswirtschaften untereinander (z.B. um Kapital) vorangetrieben, die sich bemühen müssen, die Transaktionskosten zu optimieren. Der geschilderte Eigennutz der Staatsdiener wird hierbei freilich als "innere Bremse" wirken:

"Eine Transaktionskostentheorie ist notwendig, weil unter der immer erfüllten Bedingung der Knappheit und des daraus folgenden Wettbewerbs effizientere Formen wirtschaftlicher Ordnung ceteris paribus weniger effiziente Ordnungsformen verdrängen werden. Der Staat jedoch wird... effiziente Eigentumsrechte nur in dem Ausmaß begünstigen und spezifizieren, als sie mit den Wohlstandsmaximierungszielen derjenigen, die den Staat beherrschen, in Einklang stehen." (NORTH 1988, S. 34)

Zu beachten ist jedoch in diesem Zusammenhang das wichtige Phänomen der "Verlaufsabhängigkeit". Die Wahrnehmung potentieller Skalenvorteile findet innerhalb der bestehenden - wenn man so will: kontingenten -Institutionenlage statt und die anpassungseffizienten Organisationen lernen diese Vorteile, die die Institutionen eröffnen, auszunutzen, unabhängig von der Frage, ob dies auch der volkswirtschaftlichen Effizienz dienlich ist. Die einmal etablierten Institutionen einer Gesellschaft konstituieren daher eine Art "Fatum", aus dem die durch die Organisationen vorangetriebenen schrittweisen Veränderungen normalerweise nicht ausbrechen können. Aus dieser Verlaufsabhängigkeit erklären sich nach North auch die bis heute starken Differenzen zwischen den Volkswirtschaften der Ersten und der Dritten Welt. Während in Europa seit dem Mittelalter günstige Institutionen etabliert wurden, die in einem langen Prozeß optimiert bzw. rationalisiert wurden, führt die Verhandlungsmacht erfolgreicher Akteure in der Dritten Welt eher zu einer Zementierung der eingeschlagenen negativen Richtung. Der institutionelle Wandel erzeugt dort nicht - volkswirtschaftlich gesehen - optimale Ergebnisse, sondern beschränkte Einkommenszuwächse des "symbiotischen" Bündnisses zwischen den ökonomischen und politischen Eliten.

Die Vorteile der Institutionentheorie von North:

North selber sieht seine grundlegenden Leistungen in einer neuen Erklärung der neolithischen und der industriellen Revolution. Beide Revolutionen wurden in der Literatur traditionell unter dem Gesichtspunkt der Installierung von technisch-organisatorischen Innovationen und deren Auswirkungen behandelt (Seßhaftwerdung und Ackerbau bzw. Großbetrieb und Dampfmaschine). North selber betrachtet diese Phänomene dagegen als sekundär. Wichtiger war in seinen Augen in der neolithischen Revolution die erstmalige Durchsetzung exklusiver Eigentumsrechte am Boden durch Stammesgruppen, die dessen nachhaltige und effiziente Nutzung erst möglich machten. Im Falle der industriellen Revolution stellt North die Durchsetzung des Rechts am geistigen Eigentum (Patentrecht) in den Vordergrund, wodurch eine langfristige Entwicklungspolitik in Fragen der Produktionstechnologie erst profitabel wurde.

Die Argumente der Kritiker:

Kritiker werfen North und mit ihm dem gesamten Neoinstitutionalismus die mangelnde exakte Quantifizierbarkeit der Transaktionskosten vor, die innerhalb des Northschen Konzepts die zentrale Rolle einnehmen. Hierzu ist zu sagen, daß die Transaktionskosten letztlich als begriffliche Platzhalter für allgemein zu beachtende Risikopotentiale innerhalb einer arbeitsteiligen Ökonomie stehen, die als solche in die Kalkulationen der wirtschaftenden Akteure einbezogen werden, ob nun als exakte Zahl oder als abzuschätzende (Eintritts-)Wahrscheinlichkeit. Sie sind darin dem in den modernen Wirtschaftswissenschaften allgemein anerkannten Konzept der Opportunitätskosten vergleichbar, die ebenfalls nicht immer exakt ausgerechnet werden können, die aber dennoch den Entscheidungen der Akteure zu Grunde liegen, indem sie nämlich den möglichen Nutzen aus einer zu wählenden Verwendungsweise eines ökonomischen Gutes an den durch diese Entscheidung ausgeschlossenen Nutzungsformen messen. Auch im Falle der Opportunitätskosten wird man also weder im Alltag noch in der ökonomischen Forschung immer exakte Zahlengrößen, wohl aber ungefähre Zahlenrelationen angeben können, die für die praktische Entscheidungsfindung ausreichen, bzw. ausreichen müssen. Im übrigen begehen die Kritiker Norths hier den Fehler, daß sie ganz allgemein empirische Forschung mit quantitativer Forschung gleichsetzen. Die Tatsache, daß ordnungs- bzw. institutionenökonomische Diskussionen die Wirtschaftswissenschaften seit ihrem Anbeginn begleiten, zeigt aber gerade, daß Ökonomie auch heute mehr als bloß angewandte Mathematik sein muß.

Ein weiteres Argument der Kritiker richtet sich gegen das Konzept der Pfadabhängigkeit innerhalb der Theorie des institutionellen Wandels. Hier werfen Kritiker North ein starres, deterministisches und mechanistisches Denken vor, welches nur am Rande Platz für Abweichungen von einmal eingeschlagenen Entwicklungssträngen läßt. Hierzu ist zu sagen, daß derartige Pfadabweichungen in der Regel aus kontingenten Faktoren bzw. Elementen - man denke an ökologische oder politische Katastrophen - erwachsen, die sich per Definition einer abgesicherten Berücksichtigung hinsichtlich ihres Eintretens und hinsichtlich ihrer Auswirkungen entziehen. Norths Theorie teilt diese inhärente Schwäche letztlich mit jeder der großen Theorien des sozioökonomischen Wandels, weshalb ihr dies nicht als spezifischer Mangel anzulasten ist. Der historisch Forschende kann derartige "Knicks" innerhalb der geschichtlichen Entwicklung nur konstatieren, um dann, ausgehend von der gewandelten Konstellation einen neuen Entwicklungspfad beginnen zu lassen, der dann wieder mit den gewählten Theorien erklärt wird. Nichts hindert einen Historiker bei der Behandlung eines solchen Entwicklungsbruches neue, ergänzende Theorien hinzuzuiehen, die für diese Situation dann angemessen erscheinen. Norths Theorie vorzuwerfen, daß sie nicht alles erklären kann, fordert implizite von diesem Ökonom eine Art "Weltformel" - eine Forderung, die aber letztlich jeden Wissenschaftler schlichtweg überfordern würde.

 

Erläuternder Exkurs zum Begriff der Pfadabhängigkeit:

Unter Pfadabhängigkeit versteht man das häufig zu beobachtende Phänomen, das innerhalb von lang- oder zumindest längerfristig überdauernden Institutionen (etwa Unternehmen) das aktuelle Handeln der von diesen Institutionen umfassten Akteure sich an für die jeweiligen Institutionen spezifischen, forttradierten Mustern orientiert, die sich auch bei sukzessivem Austausch der Akteure erhalten.

Erklären kann man diesen Mechanismus zum einen auf der Ebene der Sozialpsychologie, die den Menschen im hohen Maße als ein „Gewohnheitstier" betrachtet (dies war bekanntlich das Thema von Thorstein Veblen, einem der Klassiker des Institutionalismus), welches einmal eingebürgerte Verhaltensmuster ungerne wechselt, da mit einem solchen Wechsel natürlich auch stets Kosten verbunden sind (höherer Aufwand an Energie für den „Energiefresser" Gehirn, um neue situationsadäquate und dementsprechend komplexe Handlungsmodelle zu konzipieren, Bequemlichkeitsverlust durch die Aufgabe der „komplexitätsreduzierenden" Traditionen, an deren Stelle das intellektuelle Einlassen auf die wirkliche Komplexität der jeweiligen Problemlage treten müsste, das Risiko des Scheiterns alternativer Handlungsmodelle, welches primär auf deren Schöpfer zurückfällt, die Friktionen innerhalb der sozialen Gruppe, gegen deren Widerständigkeit Änderungen durchgesetzt werden müssen etc. etc.), die zu Lasten des Individuums innerhalb der Organisation gehen, während ein evtl. durch Neuerungen gestifteter Nutzen primär der Gesamtorganisation zu Gute kommt. Sprich: das „Gemeinwohl" der Organisation muss vom handelnden Individuum höher taxiert werden, als die persönlichen Kosten, die aus einem möglichen Wechsel der Handlungsmuster resultieren, soll es zu einem Bruch mit den tradierten Pfaden der bisherigen Geschichte der Institution kommen. So aber verkrusten die von den Individuen zu tragenden Kosten zu einer festen verhaltenssteuernden Struktur, die wiederum etwa innerhalb von Unternehmen zu dysfunktionalen und negativen bzw. ineffektiven Verhaltensmustern führen, welche sich dann - häufig unintendiert - forttradieren und auf alle Individuen innerhalb des Unternehmens übertragen. Es entsteht, bildlich gesprochen, so etwas wie ein "Gedächtnis" der Institution.

Alternativ kann man den Mechanismus der Pfadabhängigkeit auch auf einer eher spieltheoretischen Ebene erklären. Diese Betrachtungsweise kann man sich an einer Schachpartie veranschaulichen: Steht den Teilnehmern an einem Schachspiel beim ersten Zug ein relativ großer „pool" an möglichen und opportunen Spielzügen offen, so verkleinert sich dieser „pool" mit jedem neuen Zug. Die einmal gewählte Strategie definiert die aktuelle Spiellage (mit), und zwar auch dann, wenn diese Strategie gescheitert ist und aufgegeben werden musste. Sie beeinflusst so weiterhin die Wahl der Spielzüge, sprich: das Handeln der Individuen innerhalb der Organisation.

Unabhängig davon, wie man das Konzept der Pfadabhängigkeit theoretisch untermauert, kann man dieses Paradigma, um bei dem hier herangezogenen Beispiel des Unternehmens zu verbleiben, auch als Kritik an dem innerhalb der Betriebswirtschaftslehre häufig propagierten Mythos vom „Unternehmen als lernender Organisation" lesen. Dieses Konzept der Betriebswirte ist in der Wirklichkeit oft nicht tragfähig, da hier eine zu platte Analogie zwischen der Lernkurve von einzelnen menschlichen Individuen („Denn mit der Dauer einer Handlung nimmt die Planmäßigkeit derselben zu …", schrieb schon Carl von Clausewitz) und der Lernkurve von komplexen Organisationen gezogen wird, in denen sich Kosten und Nutzen von Lernprozessen ungleich verteilen, bzw. in denen es auch überindividuelle Friktionen gibt, die die Universalisierung und praktische Umsetzung von Lernprozessen behindern.

 

Eine erläuternde Graphik:

   
     

Literatur:

 Weiterführende Literatur findet sich in meiner zentralen Bibliographie der >Grundlagenliteratur<.

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