DIE GRUNDPRINZIPIEN DER QUELLENKRITIK

von Matthias Kuchenbrod


"Quellenmäßig haben wir... nie mit objektiven Tatsachen, sondern immer nur mit Auffassungen von solchen zu tun..."

JOHANN GUSTAV DROYSEN, >Historik<

"Pflicht des Historikers: das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zu unterscheiden. "

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

"Der Historiker neigt dazu, in der Gewißheit einer historischen Feststellung das einzige Kriterium ihrer Wichtigkeit zu sehen.
- Triumph der Genauigkeit und der Trivialität."

NICOLÁS GÓMEZ DÁVILA, >Aufzeichnungen des Besiegten<


Die Geschichtswissenschaft ist die Lehre von den historischen Quellen und ihrer sachgerechten Interpretation. Dem Verfahren der wissenschaftlichen Quellenkritik kommt daher in der klassischen wie auch in der ökonomischen Geschichtsschreibung eine zentrale Bedeutung zu. Unter Quellenkritik versteht man dabei ein loses Bündel von Methoden, mit deren Hilfe der jeweilige Erkenntniswert historischer Zeugnisse aufgedeckt werden soll. Traditionell unterscheidet sich die wissenschaftliche Geschichtsschreibung von ihren ("vorkritischen") Vorläufern anhand der Prinzipen der Quellenkritik, die - sieht man von den griechischen Vorläufern (Thukydides) ab - zuerst von den Historikern Ranke und Niebuhr bewußt praktiziert wurden. Später haben andere Autoren (J.G. Droysen, E. Bernheim u.a.) diese Prinzipien expliziert und systematisiert. Auf den allgemeinsten Nenner gebracht, zielt die Quellenkritik auf eine Rekonstruktion der Genese des historischen Quellenmaterials und seiner Überlieferungsverhältnisse. Ihren Grundsatz könnte man folgendermaßen auf den Punkt bringen: "Texte versteht man, indem man sie in ihre Kontexte zurückversetzt." In diesem Sinne kann man drei Grundprinzipien der Quellenkritik unterscheiden. Die Quellenkritik untersucht:

Nur die Aussagen von Quellen, die durch diese drei Schritte geprüft wurden, können in der Geschichtsschreibung übernommen werden. Bewährt hat sich darüberhinaus als pragmatische Handlungsmaxime des Historikers die gegenseitige, vergleichende Kontrolle der Quellen untereinander. Berichten mehrere Quellen unabhängig voneinander die selben Tatsachen, so können diese als gesichert angenommen werden.


Kurze Typologie der Quellenformen

Unter Quellen versteht man in der Geschichtswissenschaft allgemein "alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann" ( P. Kirn). Die traditionelle Geschichtswissenschaft und Archivkunde hat komplexe typologische Systeme der Quellenformen entwickelt. Diese sollen hier lediglich in ihren allgemeinsten Zügen dargelegt werden.

Über den individuellen Erkenntniswert der Quellen innerhalb bestimmter Fragestellungen entscheidet zunächst ihre zeitliche und räumliche Nähe zu den jeweils interessierenden Geschehnissen. In diesem Sinne unterscheidet man zwischen:

Im allgemeinen ist den Primärquellen der Vorzug vor den Sekundärquellen zu geben. Sekundärquellen, die sich in ihren Aussagen auf die Zeugnisse anderer stützen, müssen, sofern man auf sie angewiesen ist, auf ihre eigenen Quellen hin untersucht werden, was i.a. mit Hilfe philologischer Techniken geschieht.

Weiterhin sind für den Erkenntniswert der Quellen die jeweiligen Zwecke, die zu ihrer Entstehung führten, wichtig. Man unterscheidet unter diesem Gesichtspunkt zwischen:

Quellen, die sich der Gattung der Tradition zuordnen lassen, entstanden mit der Absicht, kommenden Generationen ein bestimmtes Bild konkreter historischer Geschehnisse zu vermitteln bzw. zu überliefern. Hier sind in erster Linie die antiken oder mittelalterlichen Geschichtsschreiber, aber auch frühneuzeitliche Stadtchronisten zu nennen. Einen Grenzfall stellt die journalistische oder politische Publizistik dar, sofern sie über reine Gegenwartszwecke hinausgreift. Diese Quellengruppe bietet den Vorteil einer relativ umfassenden und geordneten Darstellung der historischen Gegebenheiten. Auf der anderen Seite ist sie stets - bewußt oder unbewußt - tendenziös und selektiv. Die Hauptaufgabe der Quellenkritik besteht hier - abgesehen von der Rekonstruktion der Überlieferungsverhältnisse - in der Aufdeckung und Evaluierung der jeweiligen Absichten und Standpunkte der Autoren der Quellen.

Die ältere historische Wissenschaft war stark einseitig auf die Quellengruppe der Tradition ausgerichtet. Ihr Aussagewert gerade für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist jedoch beschränkt, da soziale und wirtschaftliche Tatbestände bis in die Zeit der Aufklärung hinein nur selten in den Mittelpunkt literarischer Erzeugnisse gestellt wurden. Gerade für diesen Teilbereich der Geschichtswissenschaft ist daher eine andere Quellengruppe, die Gruppe der Überreste, von besonderer Bedeutung. Hierunter versteht man Zeugnisse der Vergangenheit, deren Entstehungsgründe in praktischen Gegenwartszwecken aufgingen. In erster Linie ist hier an alle Arten von (Rechts-)Urkunden und Geschäfts- bzw. Verwaltungsakten (einschließlich Statistiken) zu denken. Daneben sind aber auch Sachzeugnisse (archäologische Tatbestände, architektonische Überreste etc.) von Bedeutung. Ihren Wert bezieht diese Quellengruppe in erster Linie aus ihrer - gegenüber der Tradition - größeren Objektivität. Die überlieferten Tatsachen wurden nicht mit der Zwecksetzung wiedergegeben, ein späteres Publikum zu beeinflussen und sind daher in der Regel nicht in einem bewußten Sinne tendenziös. Dem steht allerdings der Umstand gegenüber, daß die Überreste häufig nur ein zufälliges Bild der Vergangenheit liefern, da ihre Erzeuger nicht mit der Absicht handelten, uneingeweihte Nachgeborene aufzuklären. Die Überreste geben nur ein punktuelles Zeugnis, welches nur mit größter Vorsicht verallgemeinert werden kann. Die Aufgabe der Quellenkritik dieser Quellengruppe gegenüber besteht dementsprechend in einer Rekonstruktion des jeweiligen Kontextes der Überreste, aus dem sich Aussagen über die Verallgemeinerbarkeit der Quelle ergeben können. Da außerdem "Nebenumstände" der Überreste für den Historiker oft wichtiger sind als die eigentlichen, vom Autoren der Quelle angestrebten Zwecke, muß die Quellenkritik diese Zwecke ebenfalls aufdecken, da nur so die Frage beantwortet werden kann, inwieweit die Quelle als Zeugnis für diese Nebenumstände taugt.


Literatur

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BARZUN, J. / GRAFF, H.F.: The Modern Researcher. 6. Aufl. Belmont, CA 2004

BECK, F. (Hrsg.): Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. 4. Aufl. Köln u.a. 2004

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BLOCH, M.: Aus der Werkstatt des Historikers. Zur Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. Frankfurt a.M. 2000

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BRANDT, A.v.: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. 11. Aufl. Stuttgart u.a. 1986

BRUNNER, K.: Einführung in den Umgang mit Geschichte. Wien 2004

CIPOLLA, C.M.: Between Two Cultures. An Introduction to Economic History. New York 1991

DROYSEN, J.G.: Historik (1858). Hrsg. v. R. Hübner. München 1977

HOWELL, M. / PREVENIER, W.: Werkstatt des Historikers. Eine Einführung in die historischen Methoden. Köln u.a. 2004

MAURER, M. (Hrsg.): Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 4: Quellen. Stuttgart 2002

Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema Archivwesen, Schrift- und Quellenkunde, historische Hilfswissenschaften etc. bietet:

Grundlagenliteratur


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