VORBEMERKUNG

"Die Vergangenheit wird nicht um ihrer selbst willen wiedererweckt, sondern um dessentwillen, was sie der Gegenwart hinzufügt."
JOHN DEWEY, >Die Erneuerung der Philosophie<

"Was die Vernunft dem Individuo, das ist die Geschichte dem menschlichen Geschlechte. Vermöge der Vernunft nämlich ist der Mensch nicht, wie das Thier, auf die enge, anschauliche Gegenwart beschränkt; sondern erkennt auch die ungleich ausgedehntere Vergangenheit, mit der sie verknüpft und aus der sie hervorgegangen ist: hiedurch aber erst hat er ein eigentliches Verständniß der Gegenwart selbst; und kann sogar auf die Zukunft Schlüsse machen."
ARTHUR SCHOPENHAUER, >Die Welt als Wille und Vorstellung II<

"Die Geschichte kennt keine Gesetze, die es gestatten würden vorauszusagen; aber Bezugsrahmen, die es gestatten zu erklären; und Tendenzen, die es gestatten vorauszuahnen."
NICOLÁS GÓMEZ DÁVILA, >Auf verlorenem Posten<


Das vergangene 20. Jahrhundert ist in den Kultur- und Sozialwissenschaften durch den beispiellosen Siegeszug des Funktionalismus gekennzeichnet. Die historisch-gesellschaftliche Phänomenwelt wird als System rekonstruiert. Die einzelnen Elemente dieses Systems werden durch einen umfassenden Funktionszusammenhang verknüpft, der durch die Handlungen der in diesen Systemen agierenden Individuen stets aufs neue reproduziert wird und der die konkrete Ausformung dieser Elemente in allen wesentlichen Gesichtspunkten bestimmt - "form follows function". Legitimer Raum für die Geschichtswissenschaft im allgemeinen aber auch für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte im besonderen verbleibt in dieser funktionalistischen Perspektive nur noch dort, wo erratische Einzelphänomene sich der Einordung in das funktionale Gesamtsystem verweigern. Solche kuriosen Relikte vergangener Systeme kann man dann eben "nur historisch erklären" - so die gängige Formulierung.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts trat hier jedoch eine Kehre ein, die sich aus den Ansätzen des ökonomischen Neo-Institutionalismus entwickelten, und die dazu führten, das historische und sozioökonomische Wissenschaften wieder auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, so wie es für das 18. und 19. Jahrhundert prägend war. Namentlich das Konzept der Pfad- oder Verlaufsabhängigkeit machte deutlich, dass in der historisch-gesellschaftlichen Phänomenwelt funktionale Zusammenhänge in ihrer konkreten Ausformung häufig nur durch historisches Tatsachenwissen erklärt werden können. So wie die Eröffnungszüge einer Schachpartie die möglichen weiteren Züge der beiden beteiligten Spieler eingrenzen und bestimmen, werden funktionale Zusammenhänge eines Systems von vergangenen Entscheidungen der Akteure oder anonym eintretenden Entwicklungssträngen bestimmt und gesteuert, - "function follows form". Die aus der funktionalistischen Perspektive "kontingente" Wahl der Realteilung als Rechtsform in einer Agrarregion bestimmt beispielsweise die Hofgröße, damit die Ertragsfähigkeit der Agrarbetriebe und damit auch den Druck auf die Bauern, Arbeitskraft außerhalb der Agrarwirtschaft anzubieten, etwa auf dem Markt für Heimarbeiter in einem frühindustriellen Verlagssystem. Die Etablierung eines Verlagssystems in der Region als eines neuen ökonomischen Elements wird also durch die historisch-rechtliche Ausgestaltung der Region bestimmt, nicht umgekehrt.

So führte der namentlich von den USA ausgehende Neo-Institutionalismus zu einer regelrechten Renaissance der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die sich nicht zuletzt in der Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaft an den amerikanischen Wirtschaftshistoriker Douglass C. North wiederspiegelte. Der Neo-Institutionalismus knüpft dabei nicht nur an den klassischen amerikanischen Institutionalismus (Th. Veblen), sondern auch an die deutsche sogen. Jüngere historische Schule der Nationalökonomie (G. v. Schmoller, M. Weber, W. Sombart) an, die - neben der Verfassunggeschichte (O. Hintze, O. Brunner) - im deutschen Sprachraum die geschichtliche Wurzel für die Etablierung des universitären Faches Wirtschafts- und Sozialgeschichte darstellt. Dieser abgebrochenen und jetzt wieder von der Wirtschaftsgeschichte fortgesetzten deutschen Traditionslinie der Nationalökonomie ging es um die zugleich historische und funktionalistische Durchdringung der historisch-gesellschaftlichen Phänomenwelt, wobei ihr besonderes Augenmerk darauf gerichtet war, den von der englisch-französischen Theorietraditon betonten allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftslebens Ausnahmen für die Geltung dieser Gesetzesannahmen entgegenzuhalten. Ihr Ziel war die Aufzeigung irreduziebler Komplexität, deren nicht nur analytische, sondern auch praktische Ausblendung für die englisch-französische Traditionslinie der Nationalökonomie prägend war und ist. Hier kann nun auch die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ihren Platz in der modernen Wissenschaftswelt verorten. Sie ist mehr als nur auf vergangene Phänomene angewandte Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie. Indem sie die sozioökonomische Gegenwart aus der Vergangenheit herleitet, macht sie diese für uns erst in einem umfassenderen Sinn, als es die funktionalistischen Modelle der Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie zu leisten vermögen, verständlich und damit intellektuell handhabbar. Sie projiziert, wie es schon der Romantiker Fr. Schlegel erkannt hatte, die Vergangenheit teleologisch auf die Gegenwart. Aus der historischen Forschung und Darstellung gewinnt sie zwar keine konkreten praktischen Konzepte zur Lösung der gegenwärtigen und zukünftigen Probleme. Doch praktische Lösungen dieser Probleme können nur dort entstehen, wo die Wirklichkeit hinreichend, und dies bedeutet eben auch: in einem historischen Sinn, analytisch durchdrungen ist. Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist etwas, was die modernen Gesellschaftswissenschaften eben nicht mehr sind: Wirklichkeitswissenschaft im Sinne von M. Weber und G. Simmel, in der verallgemeinernde Theorien nicht Endzweck sondern Mittel der Forschung sind, um so uns, als praktische, als wertende Wesen Anknüpfungspunkte für die drängenden Fragen unserer gegenwärtigen existentiellen Situation zu eröffnen.

Ausgangsproblem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist dabei die eigentümliche Anonymität der sozialen Phänomenwelt, also die geradezu atomistische Segmentierung ihrer Akteure. Große Denker des Sozialen haben diese Eigenart mit berühmt gewordenen Metaphern belegt - man denke an die "unsichtbare Hand des Marktes" (A. Smith) oder den "stummen Zwang der Verhältnisse" (K. Marx). Unter den frühen Forschern hat jedoch der schottische Aufklärer Adam Ferguson diese Problemlage am klarsten erfaßt. Das soziale Geschehen, so Ferguson, erwächst zwar aus den bewußten Zwecksetzungen der Akteure und ihrer mehr oder weniger realitätsgerechten Einschätzung der Umwelt, aber durch die Restriktionen ihrer Umwelt und der Konkurrenz der einzelnen Zwecksetzungen entsteht als Resultat des gesellschaftlichen Handelns eine Situation, die so niemand gewollt hat. Mit den Mitteln und Methoden der klassischen, auf politische Ereignisse ausgerichteten Geschichtsschreibung läßt sich diese Eigenart des Sozialen nicht adäquat erfassen, ist sie in ihren wissenschaftlichen Bemühungen doch auf identifizierbare Subjekte des Geschehens ausgerichtet. Nicht zuletzt manifestiert sich dies in der traditionellen Hochschätzung der Biographie der "großen Persönlichkeit" als Königsdisziplin der Geschichtsschreibung. Erst die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist in der Lage, mit ihrer reflektierteren, theoriegeladenen Begrifflichkeit die dargelegte Eigenart des sozialen Geschehens, seine Anonymität, zu versprachlichen und intellektuell zu erfassen. Sie entleiht diese Begrifflichkeit zwar in hohem Maße den Fachdisziplinen der Soziologie und Ökonomie, relativiert aber gleichzeitig die praxisorientierten falschen Eindeutigkeiten in den Resultaten dieser Disziplinen durch die Einbeziehung und Fokussierung von Kontexten und Subtexten der sozialen Phänomenwelt, die die soziologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Ratgeber unter den Tisch fallen lassen, um sozialtechnologiefähige Konstrukte erzeugen zu können, die diesen Disziplinen als letztendliche Existenzberechtigung dienen. Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist somit ein notwendiges, doppeltes Gegengift gegen historische Subjektivierung bzw. Personalisierung und ökonomisch-soziologische Simplifizierung bzw. theoretischer Modellierung und dient damit in letzter Instanz, als Wissenschaft historisch-sozialer Praxis, eben auch demjenigen, der in dieser Praxis steht als wertvoller Orientierungsweiser, als Quelle einer relativierenden Skepsis vor den wissenschaftlichen Tagesmoden.

Die im folgenden aufgeführten Texte sind im Rahmen meiner Tätigkeit als Tutor am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Otto-Friedrich-Universität Bamberg entstanden. Sie sollen Studienanfängern erste Hilfestellungen bei der Einarbeitung in ihr zukünftiges Fachgebiet geben. Namentlich bieten sie viele Hinweise auf weiterführende Literatur, die sich in der Flut der Publikationen als tragfähig herausgestellt hat.


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