DAS WERTFREIHEITSPOSTULAT

von Matthias Kuchenbrod


"Wir urteilen viel zu viel, selbst in unserem Handeln. Es ist so einfach, >an den Pranger!< zu rufen. Wir verstehen niemals genug. Wer anders ist als wir - der Ausländer, der politische Gegner - gilt notwendig als böse... Die Geschichte selbst sollte darauf verzichten, sich wie ein richtender Erzengel zu gebärden, sie könnte uns dann sogar helfen, von diesem Fehler abzulassen. Sie bietet eine breitgestreute Erfahrung menschlicher Vielfalt, sie ist eine lange Begegnung von Menschen."

Marc Bloch, >Apologie der Geschichte<

"Der Historiker muß gegen Versuchungen ankämpfen, die seinem Lebenskreis eigentümlich sind: Versuchungen, die auf Vaterland, Klasse, Kirche, Universität, Partei, Ansehen von Fachmännern und Wünschen von Freunden beruhen.
Die ehrenwertesten dieser Einflüsse sind die gefährlichsten.
Der Historiker, der es unterläßt, sie auszuschalten, gleicht genau dem Geschworenen, der seinen Wahrspruch nach persönlicher Sympathie oder Antipathie fällt."

Lord Acton in einem Brief an Bischof Mandell Creighton (1887)

"Daß die Welt bloß eine physische, keine moralische, Bedeutung habe, ist der größte, der verderblichste, der fundamentale Irrthum, die eigentliche PERVERSITÄT der Gesinnung, und ist wohl im Grunde auch Das, was der Glaube als den Antichrist personificiert hat."

Arthur Schopenhauer, >Parerga und Paralipomena II<


Nach der klassischen Formulierung des Wertproblems in der Wissenschaft, die Max Weber zu Beginn unseres Jahrhunderts aufgestellt hat, impliziert eine praktische Wertung das Postulat, daß eine bestimmte Situation oder Entwicklung als wünschenswert zu erachten ist, daß sie "sein soll", da sie in dieser Form als ethisch wertvoll erscheint. Der Wissenschaft stehen aber keine konsensfähigen Wahrheitskriterien zu Gebote, auf die sich derartige Postulate stützen könnten. Die Wissenschaft kann mit ihren erprobten und anerkannten Methoden lediglich die Existenz von Tatsachen nachweisen, diese dann begrifflich ordnen und sie kausal miteinander verknüpfen. Wertungen dagegen sind letztlich eine Sache individueller Dezision, die nicht in der Wissenschaft, sondern in der politischen Öffentlichkeit vertreten werden muß. Diese Sphäre besitzt ihre eigenen, minder effizienten Konsensmechanismen (argumentative bzw. rhetorische Überzeugung, Abstimmungen, Verfahrensnormen etc.).

Wichtig: Normen oder Werte unterscheiden sich von Fakten dadurch, daß sie den logischen Status einer aufgrund moralischer Prämissen geltenden Handlungsansweisung oder Ordnungsvorstellung beanspruchen.

Das Hineintragen von Werten in die Wissenschaft schadet dementsprechend beiden Sphären, der Praxis wie der Wissenschaft. Die Werte hindern die Wissenschaft daran, einen objektiven, jenseits von Interessen liegenden Standpunkt zu gewinnen und umgekehrt führt die wissenschaftliche "Absegnung" von Wertstandpunkten zu gefährlichen Illusionen über deren praktische Folgen.

Freilich bedeutet dies nicht, daß die Wissenschaft den verschiedenen Werthaltungen steril gegenüberstehen muß. Sie kann mit ihren Mitteln:

In allen diesen Fällen werden die Normen als seiende Fakten, nicht als geltende bzw. Geltung beanspruchende Ordnungsvorstellungen behandelt. In der Hervorhebung dieser möglichen Analysemuster wird aber auch der praktische Sinn einer wertfreien Wissenschaft sichtbar: Sie kann unsere praktische Urteilskraft stärken und ihr auf der technischen Ebene den Weg bahnen.

Im übrigen betonte Weber stets, daß die Kulturwissenschaft als Institution allerdings insofern auf Werte angewiesen ist, als nur Kulturwerte uns ein interesseleitendes Auswahlkriterium an die Hand geben, mit dessen Hilfe wir "Scheinwerferkegel" (Popper) in die Vergangenheit werfen, um so einen Ausschnitt aus der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt zu gewinnen. Jedoch schwächt diese formale Bindung der Kulturwissenschaft an theoretische Wertbeziehungen (s.u.) nicht, wie häufig angenommen wird, Webers Wertfreiheitspostulat ab, wie ein Beispiel aus Webers eigener Forschungspraxis leicht zu zeigen vermag:

Die Tatsache, daß Weber bestimmte Formen der modernen, säkularisierten Lebensführung (das "okzidentale Berufsmenschentum") als wertvoll erachtete, lenkte seinen Blick auf mögliche religiöse Wurzeln dieses Phänomens. Der Nachweis einer möglichen Beziehung zwischen reformierter Religionslehre und modernem Berufsmenschentum sagt aber über die Wertigkeit beider nichts aus. Auch der vielzitierte Chinese, der in der Regel zu beiden Phänomenen keinerlei ethische Bindungen besitzt, kann die Gültigkeit dieser Theorie einsehen.

Es ist, folgt man Weber, freilich unmöglich, die Forderung nach einer wertfreien Haltung in der Wissenschaft logisch aus ihren Prinzipien abzuleiten. Verbindlich feststellen läßt sich nur der Unterschied zwischen Tatsachen- und Werturteilen. Die Frage, ob man sich der Werturteile enthalten soll ist dagegen ohne Rückgriff auf ethische Postulate nicht zu beantworten. Sie hängt letztlich vom Berufsethos des jeweiligen Forschers ab.


Literatur

ALBERT, Hans / TOPITSCH, Ernst (Hrsg.): Werturteilsstreit. Darmstadt 1979

BRENTANO, Lujo: Der tätige Mensch und die Wissenschaft von der Wirtschaft. Hrsg. v. Richard Bräu u. Hans G. Nutzinger. Marburg 2006 (bes. S. 151ff u. S. 163ff)

FREYER, Hans: Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (1930). 2. Aufl. Darmstadt 1964

HUME, David: Traktat über die menschliche Natur (1739). Übers. v. Th. Lipps. Berlin 2004 (bes. S. 455ff)

LÖWITH, Karl: Max Weber und Karl Marx (1932). In: Ders.: Gesammelte Abhandlungen. Zur Kritik der geschichtlichen Existenz. Stuttgart 1960

RADNITZKY, Gerard: Artikel >Wert<. In: Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. Hrsg v. Helmut Seiffert u. Gerard Radnitzky. München 1992

SCHLUCHTER, Wolfgang: Wertfreiheit und Verantwortungsethik. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik bei Max Weber. Tübingen 1971

SCHMOLLER, Gustav: Historisch-ethische Nationalökonomie als Kulturwissenschaft. Ausgewählte methodologische Schriften. Hrsg. v. Heino Heinrich Nau. Marburg1998

SEGADY, Thomas W.: Sozialwissenschaftliche Objektivität und die Werthaftigkeit von Wissen. In: Max Webers Wissenschaftslehre. Interpretation und Kritik. Hrsg. v. Gerhard Wagner und Heinz Zipprian. Frankfurt a.M. 1994

WEBER, Max: Der Sinn der >Wertfreiheit< der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften (1917). In: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1988

DERS.: Wissenschaft als Beruf (1919). In: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1988

DERS.: Debattenreden auf der Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Wien 1909 zu den Verhandlungen über die Produktivität der Volkswirtschaft. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik. Tübingen 1988, S. 416ff

WINKEL, Harald: Die deutsche Nationalökonomie im 19. Jahrhundert. Darmstadt 1977


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